Vom Haus ohne Küchen

Betrachtet mensch das Haus in der Pilgerimgasse, könnte es ein ganz normaler Gemeindebau des Roten Wien sein. Aber der Heimhof im 15. Wiener Gemeindebezirk ist mehr. In ihm befand sich Wiens Einküchenhaus. Ein Experiment, das alleinerziehende Frauen unterstützen sollte, aber nicht ins christlichsoziale Weltbild passte und vom Austrofaschismus beendet wurde.

Im Jahr 1910 war Wien die vierte Stadt der Welt, die die Zwei-Millionen-Marke überschritten hatte. Der Großteil der Bevölkerung lebte in bitterster Armut. Den Gipfelpunkt der Wohnungsnot bildeten wohl die ‚Bettgeher‘ (1), die 1910 ca. 20 Prozent der Einwohner*innen von Brigittenau ausmachten. 1919 fanden schließlich die ersten allgemeinen, gleichen Wahlen für Männer* und Frauen* statt. Die in Wien mit absoluter Mehrheit ausgestattete Sozialdemokratische Arbeiterpartei [sic!] (SDAP) startete ein Wohnbauprogramm, um Wohnraum für das Wiener Proletariat zu schaffen. Schließlich wurden 1920 die beiden ersten der bis 1933 errichteten 382 Wohnbauten eröffnet. Die für diese Zeit ausgesprochen großen Wohnungen verfügten erstmals über fließendes Wasser und WCs in jeder Wohnung, weiters gab es in allen größeren Bauten Kindergärten, Waschküchen, ‚Tröpferlbäder‘ (2) und ähnliche Einrichtungen.

Der Heimhof wurde von 1921 bis 1923 nach Plänen von Otto Polak-Hellwig errichtet. Bauträgerin war die Genossenschaft [sic!] Heimhof. Zu Beginn war er mit 25 Wohnungen und einer Reihe von Zentraleinrichtungen ausgestattet. Eines fehlte den Wohnungen jedoch: eine Küche. Denn das neue Konzept, das auf die sozialdemokratische Feministin Lily Braun zurückging, sah eine Zentralküche vor, in der von angestellten Köch*innen für das gesamte Haus gekocht wurde. Zielgruppe der Genoss*innenschaft waren in erster Linie alleinerziehende Frauen und auch nicht klassische Arbeiterinnen*, sondern eher Angestellte in Büros.

Die Idee

1901 wird Lily Brauns Frauenarbeit und Hauswirtschaft veröffentlicht, in dem sie ihr Konzept vorstellt. Darin schreibt sie: „An Stelle der 50–60 Küchen, in denen eine gleiche Zahl Frauen zu wirthschaften [sic!] pflegt, tritt eine im Erdgeschoß befindliche Zentralküche, die mit allen modernen arbeitsparenden Maschinen ausgestaltet ist. Giebt [sic!] es doch schon Abwaschmaschinen, die in drei Minuten zwanzig Dutzend Teller und Schüsseln reinigen und abtrocknen!“ (3) Bei der Zentralküche soll mittels eines Haustelefons das Essen bestellt werden, das schließlich mit einem Speisenaufzug in die eigene Wohnung geliefert wird.

Das Lob für das neue Konzept hielt sich in Grenzen. Während die Männer innerhalb der SPD zu dieser Zeit durch machistische Argumentationsversuche auffielen, wie etwa dem Verbot von Frauenarbeit, da diese nur den Lohn der Männer drücke, wurde das Einküchenhaus auch von der proletarischen Frauenbewegung kritisch gesehen. Clara Zetkin etwa, die zu diesem Zeitpunkt noch SPD-Funktionärin war, hob vor allem hervor, dass ein solches Modell nur für Lohnabhängige funktionieren würde, die über eine fixe, relativ gut bezahlte Arbeitsstelle verfügten und nicht für die breite Masse der Arbeiter*innen. Nichtsdestotrotz folgten erste Realisierungsversuche 1903 in Kopenhagen, 1906 in Stockholm, und später, unter anderem, der Wiener Heimhof.

Die Umsetzung

Auch der Heimhof wurde stark kritisiert, so etwa in einer Gemeinderatssitzung im März 1923: „Es ist ein Unsinn, wenn eine Familie in einem solchen Einküchenhaus wohnt. Es ist auch aus sittlichen Gründen nicht anzuraten, der Hausfrau alle Sorgen für den Haushalt abzunehmen. Die junge Hausfrau soll sich nur sorgen, sie soll wirtschaften und sparen lernen, das wird ihr für die Zukunft nur von Nutzen sein.“ (4)

Dem stand die christlichsoziale Reichspost in nichts nach, die im September 1925 schrieb: „Gemeinsame Küchen in Mietshäusern sind abzulehnen, alles ist abzulehnen, was die seelischen Kräfte der Familie zerstört.“ (5)

1924 wurde der Heimhof von der Allgemeinen Bau-Zeitung hingegen positiv bewertet: „Sicher bedeutet auch das Einküchenhaus nicht die höchste hauswirtschaftliche Glückseligkeit. Aber eine aussichtsreiche Station auf dem Wege zur Befreiung der mit Kopf und Hand arbeitenden Menschheit vom überflüssigen Ballast hauswirtschaftlicher Betätigung ist es gewiss.“

Die Zentralküche war nicht die einzige Gemeinschaftseinrichtung, auch ein Kindergarten, eine Waschküche, und dem Zeitgeist entsprechende Räume wie Lesestuben wurden eingerichtet. Die Wohnungen selbst wurden ebenfalls sehr modern ausgestattet. So gab es etwa in jeder Wohnung Zentralheizungen (6) und in die Wand eingebaute Staubsauger. Diese wurden in den meisten Fällen nicht selbst verwendet, da auch die Reinigung der Wohnung von Angestellten erledigt wurde und in der Miete inkludiert war.

1924 wurde der Heimhof schließlich von der Gemeinde Wien übernommen, die Genoss*innenschaft konnte sich den Erhalt des Hauses nicht mehr leisten. 1925 und 1926 wurde der Bau dann auch um 221 auf 246 Wohnungen erweitert, außerdem zog der bisher im Dachgeschoss untergebrachte Kindergarten in ein eigenes Gebäude und wurde zu einem städtischen Kindergarten. Die Verwaltung des Einküchenhauses blieb aber bei der Genoss*innenschaft.

Opfer des Faschismus

Nach dem Ende der Februarkämpfe 1934, die im Austrofaschismus mündeten, wurden in ganz Wien Gemeinschaftseinrichtungen geschlossen. Einrichtungen, die die Bevölkerung unterstützen sollten, wichen so genannten ‚Notkirchen‘ oder anderen Einrichtungen, die besser ins christlichsoziale Weltbild passten. So wurde auch der Heimhof weitgehend verändert, die Zentralküche und der Speisesaal geschlossen und das Experiment beendet.

Den Nazis war der Heimhof ebenso ein Dorn im Auge. Nach dem ‚Anschluss‘ wurden Kleinküchen und Bäder in die Wohnungen eingebaut  und der Großteil der Bewohner*innen delogiert, vertrieben und/oder umgebracht. Viele der Bewohner*innen waren Anhänger*innen der Sozialdemokratie oder Juden* und Jüdinnen*. Durch die vorgenommenen Umbauarbeiten wurden die Wohnungen sehr klein und der Hof insgesamt zunehmend unattraktiv. Heute ist der Heimhof ein normaler Wohnbau.

Das Konzept der Einküchenhäuser wurde nach dem Zweiten Weltkrieg weitgehend vergessen, der letzte Umsetzungsversuch datiert aus dem Jahr 1933, als in London das Isokon Building eröffnet wurde. Lediglich in den 1970er Jahren kam es zu einer kurzen Renaissance, als das Modell im Zusammenhang mit dem Entstehen von studentischen Wohngemeinschaften als kollektive Form des Wohnens diskutiert wurde. Eine Diskussion, die auch heute wieder aufgenommen werden sollte. Bedarf für solche und ähnliche Modelle gibt es zur Genüge, war das Einküchenhaus doch wesentlich praktischer als jeder heute so beliebte Lieferservice.

Anmerkungen:

1  Als ,Bettgeher‘ werden Arbeiter*innen bezeichnet, die sich keine eigene Wohnung leisten können und sich in die Betten anderer Arbeiter*innen ,einmieten‘. So hat sich etwa ein*e Arbeiter*in der Nachtschicht tagsüber in das Bett eines*einer Arbeiter*in der Tagschicht ,eingemietet‘.
2  Wiener Ausdruck für öffentliche Bäder, die mit Duschen oder Wannenbädern ausgestattet waren.
3  Lily Braun: Frauenarbeit und Hauswirtschaft, Berlin 1901, S. 21.
4  Wer dies genau gesagt hat, ist leider nicht bekannt. Quelle: http://www.dasrotewien.at/heimhof.html.
5  http://www.dasrotewien.at/heimhof.html.
6  In einem Werbevideo von 1922 heißt es hierzu: „Kein Kohlenträger betritt meine Wohnung“. Zuvor wurde in erster Linie mit Kohle geheizt, was aber gesundheitliche Gefahren, vor allem für die Atemwege, mit sich brachte. Das Video kann in der Ausstellung Das Rote Wien im Waschsalon angesehen werden.  http://dasrotewien-waschsalon.at/in/