Who cares?

Ein Blick darauf, wer für die Hausarbeit zuständig ist, zeigt: Obwohl auf der Einstellungsebene leichte Fortschritte zu verzeichnen sind, bleibt in der Realität der Hetero-Beziehungen alles beim Alten – Hausarbeit ist auch 2012 Frauensache. Sind homosexuelle PartnerInnschaften ein Lichtblick?

Wenn sie nach Hause fährt, ist sie müde von einem anstrengenden Tag. Sie ist 23 Jahre alt, studiert VWL an der Uni Wien und freut sich darauf, in ihr Bett zu fallen, vielleicht noch zu lesen und dann einzuschlafen. Zu Hause jedoch geht Sophies Tag und die Arbeit weiter: Die Wäsche muss abgenommen, der Geschirrspüler ausgeräumt und der Esstisch abgeräumt werden. Er, 25, Psychologie-Student, sieht unterdessen fern. Unter der Wäsche finden sich Peters T-Shirts, unter dem Geschirr und auf dem Tisch seine Teller.

Sie und er sind ein Paar, sie leben gemeinsam in einer kleinen Wohnung in Wien. Sie und er sehen sich als „emanzipiert“, wollen vieles anders machen als ihre Eltern. Deswegen saugt er auch hin und wieder im Wohnzimmer, deckt den Tisch und lässt seine Socken nicht am Boden liegen. Trotzdem ist es sie, die den Großteil der Hausarbeit übernimmt. Es ist sie, die die gemeinsamen Freundschaften pflegt. Und es ist sie, die ihm zuhört, die mit vergessenen Pullis durch die Stadt fährt, „damit er nicht friert“, und es ist sie, die immer darauf achtet, dass genügend Zahnpasta im Badezimmer ist. Sie und er fügen sich damit in eine für den modernen Kapitalismus typische, geschlechterstereotype und im Grunde traditionelle Arbeitsteilung ein. Beide bereiten sich mit ihrem Studium (auch) auf ihre Erwerbstätigkeit vor, sie übernimmt zusätzlich den Großteil der sogenannten ‚Reproduktionsarbeit‘. Bei ihm bleibt Hausarbeit hingegen eine „bewundernswerte Fleißaufgabe“. Dabei wird doch sonst gerne beschworen, dass die Zeiten des Heimchens am Herd und des Familienernährers schon längst vorbei seien?

Aktuelle Studien und Umfragen, wie die von Barbara Haas aus dem Jahr 2009, auf die ich mich im Folgenden stütze, zeigen jedoch genauso wie persönliche Erfahrungen im FreundInnenkreis, dass das Gegenteil stimmt: In den letzten Jahrzehnten lassen sich kaum Veränderungen bei der klassischen Zuständigkeit der Frauen beobachten. Frauen tragen nach wie vor die Hauptlast bei unbezahlten Fürsorge- und Reproduktionstätigkeiten – im Jahr 2002 arbeiteten sie beispielsweise in Österreich durchschnittlich 45 Stunden in der Woche, Männer hingegen ‚nur‘ 35 Stunden. Beinahe zwei Drittel der von Frauen getätigten Arbeit wird für Hausarbeit und Kinderbetreuung aufgewendet, wie Haas ausführt. Bei höherem Bildungsgrad gleicht sich die Zeitverteilung zwar an, „aber selbst unter AkademikerInnen besteht eine starke Differenz bei der Zeitverwendung“, so Haas.  

Eine Illusion der Gerechtigkeit

Anders verhält es sich in puncto Wunschvorstellungen – da stimmen immer weniger Frauen der Aussage zu: „Einen Beruf zu haben ist ja ganz schön, aber das, was die meisten Frauen wirklich wollen, sind ein Heim und Kinder.“ 2002 unterstützten dies in einer Umfrage des Österreichischen Instituts für Familienforschung ein Viertel der vom International Social Survey Program befragten Frauen – 1988 waren es noch rund 60 Prozent. Und auch bei den Männern treten, zumindest Umfragen zufolge, auf der Einstellungsebene Veränderungen der Rollenvorstellungen ein.

Das stimmt zumindest so lange – und auch da eben nur auf der Einstellungsebene –, bis sie und er ein Kind bekommen: Für 40 Prozent kommt dann Erwerbstätigkeit der Mütter „nicht in Frage“, zwischen 95 und 98 Prozent lehnen bei Müttern von Kindern unter eineinhalb Jahren Vollzeittätigkeit gänzlich ab. Damit ist die Betreuung von Kindern und anderen Personen für Frauen nach wie vor eine „Traditionalisierungsfalle“ und bedeutet für Hetero-Paarbeziehungen einen Übergang zu Geschlechterrollen, wie sie in den 1950er Jahren in Österreich allgemein vorherrschend waren: In zwei Dritteln der österreichischen Hetero-Haushalte mit einem Kind unter drei Jahren geht der Mann einem Vollzeitberuf nach und die Frau wird zur Vollzeit-Hausfrau und Mutter. Bis das jüngste Kind 17 Jahre wird, herrscht das Frau-TeilzeitarbeitsVollzeithausarbeits- und das Mann-Vollzeitarbeits-Modell vor, danach bleibt es meist weiterhin bei der Doppelbelastung Haushalt und Erwerbstätigkeit für die Frauen.

Verschiebung auf Migrantinnen

Trotz der Flexibilisierung und der zunehmenden Vielfalt von Beziehungskonstellationen sind Hetero-Paare wie die skizzierten in Österreich noch immer die Mehrheit. 87 Prozent der unter 15-jährigen Kinder leben mit ihren Hetero-Eltern in einem Haushalt, zeigt Haas. Was sich allerdings in den letzten Jahrzehnten zusehends verändert hat, ist das Faktum, dass sie einen immer größeren Teil ihrer Reproduktionsarbeit von unterbezahlten  Migrantinnen verrichten lassen. Dabei arbeiten Migrantinnen nicht nur meist ‚schwarz‘ – sondern auch ihre persönlichen Beziehungen sind in Österreich allgemein Beziehungen zweiter Klasse. So haben Frauen ohne österreichische Staatsangehörigkeit nur bedingt Anspruch auf Familienbeihilfe, unter Schwarz-Blau wurde Müttern auch der Bezug des Kindergeldes verwehrt. Staatliche Maßnahmen wie diese wirken sich natürlich besonders fatal auf alleinerziehende Migrantinnen aus, haben aber auch auf die Reproduktionsverhältnisse innerhalb von migrantischen Zweierbeziehungen einem konservativen Einfluss, da finanzielle Abhängigkeitsstrukturen verstärkt werden. Für die privilegiert-‚österreichischen‘ Paarbeziehungen führte das zwar zu einer (ausgesprochen langsamen) schleichenden Entschärfung der Geschlechterunterschiede bei Reproduktionstätigkeiten: Die Diskriminierung hat sich aber nur vermehrt auf Frauen mit Migrationshintergrund verlagert.

Doch woher kommt diese große Diskrepanz zwischen produktiver und reproduktiver Arbeit – und warum scheint sie so unumstößlich mit dem Geschlechterverhältnis verwoben zu sein?

Mit dem Aufstieg der kapitalistischen Produktionsweise im 19. Jahrhundert ging auch die Etablierung des bürgerlichen Lebens einher – und die scharfe Unterscheidung in öffentliche und private Sphäre. Öffentlichkeit wurde dabei den Männern vorbehalten, und Frauen wurden ins Private abgedrängt: Eine bereits in feudalen Zeiten bestehende gesellschaftliche Unterdrückungsstruktur, das Patriarchat, wurde in die bürgerliche Gesellschaft dankend transformiert. Damit einher ging auch eine Spaltung zwischen produktiven Tätigkeiten, die über die Waren vermittelt werden und auf die Mehrwertproduktion zielen, und den reproduktiven Tätigkeiten, die nicht direkt warenförmig gesellschaftlich vermittelt sind. Sie sind also von der Produktion „abgespalten“ (Roswitha Scholz). Diese Tätigkeiten umfassen Erziehung, Ernährung und die Bildung von Kindern und Jugendlichen wie auch Betreuung und Erneuerung der (männlichen) Ware Arbeitskraft. Um sich ihr Ausmaß besser vorstellen zu können: Wie die Arbeits- und Sozialwissenschafterin Gabriele Winker ausführt, umfassten diese Reproduktionsarbeiten auch im Jahr 2001 in Deutschland insgesamt 96 Milliarden Stunden Arbeit – während die Erwerbsarbeit ‚nur‘ 56 Milliarden Stunden Arbeit betrug. Die Zahlen beruhen dabei auf Erhebungen des Statistischen Bundesamts von 2003. Das veranschaulicht auch, dass die produktiven Arbeiten auf die reproduktiven angewiesen sind, obwohl sich dieses Abhängigkeitsverhältnis in familiären Beziehungen auf den Kopf stellt.

Mehrfaches Dilemma

Das Dilemma bei allen Versuchen, durch Integration in den Arbeitsmarkt das damit verknüpfte Geschlechterverhältnis von der Diskrepanz zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit zu entkoppeln, ist dabei zweiseitig. Einerseits: Je mehr Frauen in die Erwerbsarbeit drängen – was für sie eine zunehmende Unabhängigkeit vom Paterfamilias darstellte, dieser emanzipatorische Effekt soll hier nicht kleingeredet werden (!) –, um so niedriger werden dadurch gleichzeitig die Löhne. Denn Löhne sind – nicht nur gemäß der Marxschen Arbeitswertlehre – durchschnittlich nur so hoch wie die Lebenserhaltungskosten der Familie. Wenn nun aber beide PartnerInnen erwerbsarbeiten, dann sinkt ihrer beider Lohn mit der Zeit auf das Niveau, das zuvor der Lohn des einen Partners hatte. Gleichzeitig erhöhen sich die durchschnittlichen Reproduktionskosten der Lohnarbeitenden, wodurch der durchschnittliche Wert der Ware Arbeitskraft steigt und die Mehrwertrate gesenkt wird, wie Winker weiter ausführt. Es entwickelt sich im weiteren Verlauf eine Reproduktionslücke – die aber wie gezeigt weiterhin realiter von Frauen, oftmals Migrantinnen, geschlossen werden muss. Staatlicherseits gibt es die Unterstützung für Reproduktionsarbeiten nur in Bereichen, die unmittelbar dem Wirtschaftswachstum zuträglich sind. Andererseits wurden manche reproduktive Tätigkeiten in den letzten Jahren zunehmend in die Erwerbssphäre integriert. Dabei zeigte sich die konstante Unterbezahlung von Reproduktionsarbeit, die weiterhin Arbeit zweiter Klasse blieb. Unterm Strich bleibt also: Reproduktionsarbeit ist weiterhin Frauensache, die die zunehmende Einbindung von Frauen in die Arbeitssphäre begleitet und dabei mit Tücken von etlichen Mehrfachbelastungen aufwartet.

Geht es auch anders?

Allerdings wird uns ein Schwenk zu Homo-Paarbeziehungen nun zeigen: Es geht tatsächlich auch anders. Denn Homo-Paarbeziehungen zeichnen sich nicht nur dadurch aus, dass sie wesentlich seltener erforscht werden – die meisten verfügbaren wissenschaftlichen Untersuchungen beziehen sich auf die USA, im deutschsprachigen Raum findet man hier ein Forschungsmanko vor. Sie heben sich genauso durch ihre besonders egalitäre Arbeitsteilung hervor. Denn alle Erhebungen unterstreichen übereinstimmend, dass homosexuelle PartnerInnenschaften das Modell female-homemaker – male-breadwinner nicht nachahmen, und dass auch die Betreuung eines Kindes bei den untersuchten lesbischen Paaren – zu schwulen Paaren konnte die Autorin passenderweise keine wissenschaftlichen Untersuchungen finden – nicht zur Reproduktionsfalle für eine der beiden Mütter wird: Lesbische „Co-Mütter“ beteiligten sich wesentlich engagierter an der Kindererziehung als heterosexuelle „Co-Väter“, zeigt auch Lena Schürmann in ihrer Studie aus 2005. Lawrence Kurdek gelangte in seiner bereits im Jahr 1993 erschienenen Studie über die Verteilungsmuster von Hausarbeit in Homo-Beziehungen ebenfalls zu der Feststellung, dass die Arbeit unterm Strich egalitär verteilt wird – und dass dabei lesbische Beziehungen einen Hang zum equality pattern aufweisen: Beide Partnerinnen sind dabei für alle Tätigkeiten zuständig und bearbeiten diese gemeinsam oder abwechselnd. Kurdek zufolge würden demgegenüber schwule Beziehungen zum balance pattern tendieren, demzufolge sie klare Zuständigkeiten für gewisse Tätigkeiten entwickeln und unterm Strich beide Partner gleich viel Aufwand für die Hausarbeit betreiben.

Schürmann befragte 2005 mit qualitativen Methoden vier zusammenlebende gleichgeschlechtliche Paare. Markus (37) und Klaus (36) lebten zum damaligen Zeitpunkt schon seit zwölf Jahren in einer romantischen Zweierbeziehung zusammen, der gemeinsame Haushalt gehörte bei ihnen auch zu der Identitätsbildung als Paar. Wie Schürmann darstellt, teilten sich die beiden die Tätigkeiten genau untereinander auf, Klaus putzte die Fenster und überzog die Decken und Pölster: „Ich hab‘ ja nun diese Affenarme, da ist es für mich leicht“, sagte er. Um das Wäschefalten und das Einräumen der Wäsche in den Kasten hingegen kümmerte sich immer Markus. Gemeinsam führten sie eine Haushaltskassa, in die beide den gleichen Betrag einzahlen. Jede darüber hinaus gehende Tätigkeit zahlten sie auch jeweils exakt zur Hälfte.

Bei Ruth und Bettina, die Schürmann ebenfalls befragt hat, wurde die Arbeit demgegenüber weniger geplant verteilt – es räumte diejenige auf, die den Schmutz als erste bemerkte und es gab keine gemeinsame Haushaltskassa. Die beiden gingen getrennt einkaufen, „es ist echt so, leihst du mir eine Tomate, wenn ich dir eine Kartoffel leihe“, erzählte Ruth. Die Vorstellung von Unkonventionalität und individueller Autonomie trat bei den beiden zu dem Ideal der Egalität hinzu. „Eine gemeinsame Regelung für das Saubermachen wird abgelehnt, die Idee, einen Putzplan zu erstellen, wird verworfen“, schreibt Schürmann über die zwei.

Staatlicher Konservativismus

Dass immer mehr Menschen in homosexuellen PartnerInnenschaften leben und viele von ihnen auch zusammen wohnen, ist jedoch eine Tatsache, die von staatlicher Familienpolitik ausgeklammert wird – sie privilegiert nach wie vor die traditionelle bürgerliche Kernfamilie und reproduziert gleichsam bestehende Unterschiede des Erwerbsstatus von Frauen und Männern.

Wäre aber Homonormativität der Reproduktionsweisheit letzter Schluss? Die feministische Forschungsliteratur endet an dieser Stelle meist mit Aufrufen zur Care Revolution (Gabriele Winker), zum „postindustriellen Gedankenexperiment“ (Nancy Fraser) oder bei der simplen Feststellung, dass es wohl bis zur Gleichstellung noch ein weiter Weg sein wird. Auch wenn Letzteres durch seine traurige Wahrheit besticht: Um die qualitative Analyse der vorhandenen Verstrickung der kapitalistischen Produktionsweise mit modernen Geschlechterverhältnissen kann sich auch mit Verweisen auf eine vermeintliche homosexuelle Idylle nicht herumgeschummelt werden. Sie würde zeigen, dass so oder so die Dichotomie und gleichzeitige Abhängigkeit von produktiven und reproduktiven Arbeiten unrelevant gemacht und aufgehoben werden müsste – und dass das wohl innerhalb kapitalistischer Produktionsverhältnisse eine ‚Utopie‘ bleiben wird.

Interviews:
„Ich musste erinnert werden, meinen Teil zu erledigen.“
„Die Arbeitsaufteilung ergibt sich.“

„Der Unterschied sind die fehlenden Rollenbilder.“

Anmerkung:

1  Alle Namen, bis auf die nach Schürmann zitierten, sind anonymisiert.

Literaturtipps:

Barbara Haas, Geschlechtergerechte Arbeitsteilung – theoretisch ja, praktisch nein!, in: Erna Appelt, Gleichstellungspolitik in Österreich, Studien Verlag 2009

Lena Schörmann, Die Konstruktion von „Hausarbeit“ in gleichgeschlechtlichen Paarbeziehungen, in: „Wenn zwei das Gleiche tun…“, Verlag Barbara Budrich, Opladen 2005

Gabriele Winker, Soziale Reproduktion in der Krise – Care Revolution als Perspektive

Gabriele Winker, Traditionelle Geschlechterordnung unter neoliberalem Druck, in: Queer-/Feministische Kritiken neoliberaler Verhältnisse, Unrast, 2007

Roswitha Scholz, Das Geschlecht des Kapitalismus, Verlag Horlemann 2011

Margaret Horsefeld, Der letzte Dreck, Von den Freuden der Hausarbeit, Rütten & Loening, 1999

Katrin Kraus, Reproduktionsarbeit und europäische Dominanzkultur: Aspekte der Verschiebung von Reproduktionsarbeit unter Frauen, in: Renate von Bardeleben (Hg.), Frauen in Kultur und Gesellschaft, Stauffenburg Verlag, 2000