Homophobie und Antifaschismus

Das Klischee des ,schwulen ­Nazis‘ hält sich bis in die Gegenwart. Die zugrundeliegende Annahme ist, dass es einen Zusammenhang zwischen Sexualität und Politik bzw. der Konstitution des Staates gibt. Diese Vorstellung zieht sich von der wilhelminischen Zeit bis in den Nationalsozialismus und darüber hinaus.

In der Zwischenkriegszeit wurde Homosexualität gesellschaftlich und wissenschaftlich vor allem als männliche Homosexualität behandelt; weibliche Homosexualität wurde (auch von staatlicher Seite) banalisiert und nicht ernst genommen. Männliche Homosexualität hingegen wurde mit dem Paragraph 175 kriminalisiert. Die KPD setzte sich in der Weimarer Republik für eine Streichung des Paragraphen ein, während die SPD eine Reform wollte und die NSDAP für eine Verschärfung eintrat. Gleichzeitig gab es Emanzipationsbewegungen, die sich für eine Entkriminalisierung einsetzten. Einer der führenden Wissenschaftler in diesem Bereich war Magnus Hirschfeld. Der Sexualforscher brach mit den Vorstellungen, dass Homosexuelle im falschen Körper geboren seien. Hirschfeld sprach stattdessen von Menschen, die eher weiblich oder männlich geprägt seien. Er bezeichnete dies als das ‚dritte Geschlecht‘. Hans Blüher entwickelte zeitgleich die Theorie des homophilen Männerbundes. Frauen haben in diesem Weltbild höchstens einen Platz als Hausfrau und Mutter. Liebe und Freundschaft, sowohl geistiger wie auch körperlicher Art, sind  mann-männlichen Beziehungen vorbehalten. Als Theoretiker der Wandervogelbewegung sah er im männlichen Eros und dem gemeinsamen Erleben von Kameradschaft und Abenteuer das Ideal der Männlichkeit. Der ideale Mann ist heldisch, soldatisch und von seinen Beziehungen zu Männern geprägt. Er hat nichts gemein mit den homophoben Klischees der verweiblichten Männer. Der homophile Männerbund sowie die These des verweiblichten Mannes beruhen auf stark frauenfeindlichen Grundannahmen.

Ernst Röhm und Homosexualität in der NSDAP

1934 wurde der sogenannte ‚Röhm-Putsch‘ inszeniert. Dabei wurden von Seiten der SS Gerüchte über einen bevorstehenden Putsch der SA gestreut. Als weiterer Grund wurde Ernst Röhms Homosexualität angegeben. Ernst Röhm war zu diesem Zeitpunkt als SA-Chef eines der mächtigsten Mitglieder der NSDAP. Aus seiner Homosexualität hatte er nie ein Geheimnis gemacht. Nach heutigem Forschungsstand gibt es keinen Hinweis, dass dieser Putsch bevorstand. Unter Vorwand der Abwehr dieses ‚Putsches‘ wurde die größte interne ,Säuberungsaktion‘ der NSDAP durchgeführt; führende SA-Kader sowie konservative Oppositionelle wurden ermordet. Als Folge war die SA entmachtet und die SS gewann an internem Einfluss. Ernst Röhm war das prominenteste Opfer dieser Säuberungen. Einerseits wurde die Größe und Macht der SA als Vorwand genommen, andererseits spielte Röhms Homosexualität auf einmal eine große Rolle. Hochrangige NSDAP-Mitglieder, allen voran Hitler, zeigten sich plötzlich entsetzt über Röhms Sexualität und verwendeten diese als weiteren Vorwand, um ihn zu entmachten bzw. zu ermorden.

Homophobe Kampagnen gegen die Nazis

Dieses Argument nahmen auch die Exilzeitungen bzw. die antifaschistische Opposition gerne auf. Schon Jahre zuvor schlug etwa die sozialdemokratische Münchner Post homophobe Töne an, um die Nazis und insbesondere Röhm zu diskreditieren. Dabei sorgte sie sich um die deutsche Jugend, die von solch einer „warmen Bruderschaft im braunen Haus“ (Münchner Post, 22. Juni 1931) negativ beeinflusst werden könnte. Über Monate fingierte sie Briefe, um führende Nazis als homosexuell zu outen und damit abzuwerten. Zudem wurde in dieser Zeit die Korrespondenz Röhms mit Karl-Günther Heimsoth, einem führenden Aktivisten der Homosexuellenbewegung, bekannt, die sehr offen und freimütig geführt wurde. Die bürgerliche, kommunistische und sozialdemokratische Presse stürzte sich auf den Skandal, um Hitlers Wahl zum Reichskanzler zu verhindern. Dabei versuchte sie, die „anormale Veranlagung“ (so Helmuth Klotz, SPD) auf den gesamten Nationalsozialismus zu übertragen und diesen als eine von Homosexuellen unterwanderte Bewegung zu diskreditieren. In dieser Angst vor dem Aufstieg der vermeintlich von Homosexuellen durchsetzten Nazis entstand die Theorie, dass es zwischen nicht-heterosexueller männlicher Sexualität und Faschismus einen ursächlichen Zusammenhang geben müsse.
Selbst als die Verbrechen der Nazis hinreichend bekannt waren, hörten homophobe, antifaschistische Kampagnen nicht auf. So schrieb Arthur Kronfeld 1941 im Moskauer Exil das Pamphlet „Degenerierte an der Macht“. Kronfeld führte die Verbrechen der Nazis auf eine ,degenerierte‘ Clique von Männern zurück. Dabei sprach er den Rest der Bevölkerung von Schuld an den Verbrechen frei. Neben der Trunksucht Görings oder körperlichen Beeinträchtigungen wie Goebbels Klumpfuß versuchte er auch, führenden Nazis, vor allem Hitler, Homosexualität nachzuweisen. Dies war in Kronfelds Augen ein Zeichen von Schwäche und ein Abweichen von der Norm. Auch Reinhard Heydrich, Edmund Heines und Rudolf Heß stellte er als homosexuell dar. Für Heß wurde von der Exil-Presse bzw. in der Bevölkerung der Spitzname ‚Fräulein Heß‘ verwendet, um eine Beziehung zwischen ihm und Hitler zu implizieren. Zugleich wurde sich damit darüber lustig gemacht, dass Heß ‚bloß‘ Sekretär sei, in der damaligen Norm ein (sexuell aufgeladener) Frauenberuf und für einen ‚echten‘ Mann als unpassend erachtet. Hier kommt erneut ein tief misogynes Element zum Tragen. Kronfeld führte also aus, warum Homosexualität, körperliche Beeinträchtigungen, Fettleibigkeit, Hässlichkeit, Drogenkonsum und sogar das Tragen einer Brille (Himmler) Zeichen von ‚Degeneration‘ sein sollen. Dabei konstruierte er nebenbei das Ideal des heterosexuellen, gesunden und schönen Mannes, der offenbar allein in der Lage ist, einen Staat zu leiten. Ideologische Überzeugungen spielen in dieser entpolitisierten Analyse keine Rolle.
Wilhelm Reich, linker Sexualforscher, formulierte als Erster die These, dass unterdrückte Homosexualität zu einer Anfälligkeit für Autoritarismus führe. Die Lösung sei eine befreite Heterosexualität. Diese beschrieb er als dekadent und bürgerlich. Die These der „unterdrückten Homosexualität“ der Nazis und der daraus entstehenden Aggression als konstituierendes Merkmal des Nationalsozialismus hält sich bis heute. Die Frankfurter Schule und Theodor W. Adorno brachten das in dem Leitsatz „Totalität und Homosexualität gehören zusammen“ auf den Punkt. Damit suggerieren sie einen ursächlichen Zusammenhang zwischen einer unterdrückten Sexualität, die nicht der Norm entspricht, und Gewalt bzw. Faschismus.2­ Es wird kein ursächlicher Zusammenhang zwischen Heterosexualität oder bürgerlichen, also ,normalen‘, Männlichkeitsbildern und Gewalt gezogen, sondern nur einer von einem Bild, das als nicht ‚normal‘ erachtet wird.2 Dabei darf vor allem nicht vergessen werden, dass Homosexuelle im Dritten Reich stark verfolgt wurden. Dies betraf insbesondere schwule Männer, die von den Nazis als Bedrohung ihres eigenen Männlichkeitsbildes gesehen wurden. 7.000–7.500 schwule Männer wurden in den Konzentrationslagern ermordet. Auch lesbische Frauen wurden deportiert, die Zahl war aber geringer. Die Angabe einer genauen Opferzahl ist schwierig, da diese meist unter einem anderen ,Grund‘ registriert waren, da weibliche Homosexualität nicht unter den  Paragraph 175 fiel. Sie wurde als weniger relevant angesehen. Darin spiegelt sich erneut eine deutliche Abwertung von Frauen und deren Identitäten wider.

Fazit

Der Zusammenhang zwischen Homophobie und Antifaschismus ist kein rein historisches Phänomen. Das zeigt sich unter anderem in den Männlichkeitsbildern und ausgeprägten Mackerposen, die in diesem Bereich gerne propagiert werden. Auch im Zusammenhang mit Jörg Haiders Tod war eine homophobe ‚Hohoho‘-Mentalität in der politischen Öffentlichkeit, vor allem in den Medien, allgegenwärtig, anstatt die Ideologie und menschenverachtenden Aussagen Haiders in den Fokus zu rücken. Hier bedarf es einer ständigen Reflexion darüber, wie eigentlich versucht wird, Nazis abzuwerten. Dies betrifft auch weitere Kategorien wie Intelligenz, formale Schulbildung, Aussehen, soziale Herkunft oder auch psychologisierende, pathologisierende und dämonisierende Ansätze.

Literaturhinweise:
zu Nieden, Susanne  (Hg.): Homophobie und Staats­räson, Campus Verlag, 2005.
Brunotte, Ulrike / Herrn, Rainer (Hg.): Männlichkeiten und Moderne. Geschlecht und Wissenskulturen um 1900, transcript, 2008.

Anmerkungen:
1    Der Text und eine wissenschaftliche Aufarbeitung finden sich hier: http://www.bifff-berlin.de/IfSw7.html
2    zu Nieden, Susanne: Homophobie und Staats­räson. In: Susanne zu Nieden (Hg.), Homophobie und Staatsräson, Campus Verlag, 2005. S. 43.