Partizipative und emanzipatorische TechnoWissenschaften

Über (Un)Möglichkeiten der ­Mitsprache bei Design und ­Anwendung von Technologien

Unser Alltag ist durchdrungen von Produkten der Naturwissenschaften und Technologien. Nicht nur, dass wir von neuesten Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) abhängig sind, wir haben zudem wenig Einfluss darauf, ob wir von Atomenergie, gentechnisch modifizierten Lebensmitteln oder gar so fancy Dingern wie Nano-Titan-Beschichtungen für Schokoriegel betroffen sein wollen. Auch im vermeintlich so technologie-feindlichen Österreich sind wir von wirkmächtigen Entscheidungen und Entwicklungen in den TechnoWissenschaften betroffen. Es wäre also an der Zeit, auch hier Mitsprache und kritische Methoden zu fordern.

Bürger*innen sprechen mit?

Gerade in den letzten zehn Jahren hat sich hier aber durchaus etwas getan. Wohin es geht, ist allerdings vage. Beispielsweise ist in Großbritannien bereits in den späten 1980er-Jahren ein Boom um public engagement in den TechnoWissenschaften entstanden. Hierzulande wurde dieses Konzept Anfang der 2000er-Jahre aufgegriffen. Inzwischen dürfte dieser Hype schon wieder abflauen, vermutlich auch, weil die Partizipation größtenteils nur zum Schein stattfand. Gerade in Bezug auf emerging ­technosciences – also neue Entwicklungen, für die Gefahrenpotentiale und Auswirkungen schwieriger abzuschätzen sind und denen gegenüber oft auch Widerwillen in der Bevölkerung oder vielmehr bei bestimmten Interessensverbänden bestehen – werden dann gerne mal Bürger*innen-Konferenzen, Fokus-Gruppen oder andere Szenarien, in denen Bürger*innen mitreden sollen, eingesetzt. In der Praxis heißt das vielmehr, dass Wissenschafter*innen einigen ausgewählten Bürger*innen erklären, worum es geht und beteuern, dass alle eventuellen Risiken sorgfältig­ abgewogen werden. Selbst dort, wo kritische Fragen gestellt werden können, ist der Ergebnisrahmen dennoch meist schon vorher abgesteckt. Schlaue NGOs halten sich entsprechend von derartig inszenierter Partizipation bewusst fern. Diese pseudo-partizipativen Legitimationsstrategien sind prinzipiell auch nichts Neues: Sherry Arnstein hat in A Ladder of Citizen Participation bereits in den 1960er-Jahren darauf hingewiesen, dass einige vermeintliche Partizipationsformen eigentlich keine sind, da sie höchstens Alibifunktionen haben.

 

Das Labor als Elfenbeinturm der TechnoWissenschaften?

Wieso aber bringen diese Partizipationsübungen in den TechnoWissenschaften so wenig? Das dürfte größtenteils daran liegen, dass der Rahmen vorab definiert ist und die konkreten Entwicklungen dann doch im verschlossenen Labor passieren. Die angepriesenen Bürger*innenbeteiligungen spielen sich fast ausschließlich in Form von Policy-Debatten ab, in deren Rahmen ein paar ethisch-moralische Bedenken ausgetauscht werden. Bestenfalls wird eine Empfehlung für die Politik darüber abgegeben, unter welchen Voraussetzungen in einem bestimmten Feld geforscht werden soll. Wie dann aber tatsächlich geforscht und entwickelt wird, bleibt außen vor. Mensch könnte hier meinen, dass die konkrete Arbeit ja ohnehin nur im Labor von den Wissenschaftler*innen selbst gemacht werden könne. Ein Blick auf weniger gehypte, aber umso erprobtere partizipative Methoden auf der konkreten Entwicklungsebene könnte sich hier lohnen.

Das Labor auf die Straße ­bringen?

Ein solcher Ansatz nennt sich Participatory­ Design und ist in der Informatik angesiedelt – obgleich auch dort eher marginalisiert. Participatory Design wurde in den 1970er-Jahren ausgehend von Skandinavien im Kontext ­betrieblicher Restrukturierungen durch IKT entwickelt. Forscher*innen haben ursprünglich vor allem Gewerkschafter*innen in Betrieben dabei unterstützt, bestehende und neue Technologien in ihrem Sinne zu verwenden, zu adaptieren oder gar zu entwickeln. Im Laufe der Zeit hat sich dieser Ansatz über einen reinen Arbeitskontext hinaus gewagt, inzwischen gibt es verschiedenste Methoden und Herangehensweisen im partizipativen Design. Deren gemeinsamer Nenner ist die Beteiligung jener Personen(gruppen) an einem Technikentwicklungsprozess, die letztlich auch davon betroffen sind. Je nach Technologie werden sich dabei unterschiedliche Nutzer*innengruppen und Öffentlichkeiten finden. Ziel ist, Technologie besser zu machen, das heißt, sich an den Bedürfnissen jener zu orientieren, deren Leben davon beeinflusst wird. Das ist freilich ein hoher Anspruch, der im Kapitalismus nicht ganz erfüllt werden kann, da hier Wachstum und Profit über der Bedürfnisorientierung stehen und diese Widersprüche auch in kleinen alternativen Projekten nur partiell aufhebbar sind. Dennoch weist dieser Ansatz vielversprechende Unterschiede zu den vorher erwähnten Pseudo-Partizipations-Events auf. So werden hier potentielle User*innen, wie auch Nicht-User*innen, bereits in die Evaluierung von Prototypen einbezogen. Mit entsprechenden Methoden können die Bedürfnisse jener Lai*innen in die Ebene technischer Definitionen übersetzt werden. Die Verantwortung hierfür liegt jedoch bei den Entwickler*innen selbst. Deren Interesse muss es sein, ihren eigenen Vorstellungshorizont zu überwinden und jene in der Artikulation ihrer Bedürfnisse zu unterstützen, die in der klassischen Technikentwicklung nie gehört werden.
Grundlage für viele Praxen im Kontext partizipativen Designs stellen feministische Analysen dar. Insbesondere die Erkenntnis feministischer Epistemologien, dass die Objektivität so eine ganz und gar nicht neutrale Sache ist, führte auch zur Notwendigkeit von Partizipation. Nur so können beispielsweise weiße Mittelstands-Akademiker*innen zumindest ansatzweise sicherstellen, dass sie ihre hegemonialen Lebensbedingungen nicht ungebrochen in ihre Produkte einfließen lassen. An welchen Stellen dabei welche Formen von Partizipation angebracht sind, bleibt oft eine offene Frage, die auch erst im jeweiligen Forschungsprozess erörtert werden muss. Hier gibt das partizipative Design keine Lösungen vor, sondern ist selbst Prozess eines emanzipatorischen Strebens. Was paradoxerweise in diesem Bereich fehlt, ist die Partizipation auf der Policy-Ebene. Was also überhaupt erst einmal erforscht wird, ist weiterhin eine Entscheidung im stillen Kämmerchen. Entsprechend sind konkrete partizipative Forschungsvorhaben marginalisiert und nur mit geringen Mitteln ausgestattet.

Auf die Barrikaden! Labore ­besetzen!

Wir TechnoWissenschaftler*innen müssen uns also damit auseinandersetzen, wie unsere eigenen Praxen demokratischer gemacht werden können – die Sozial- und Geisteswissenschaften können uns das nicht abnehmen. Letztere sollten sich dann auch mehr mit der technologischen Ebene gesellschaftlicher Prozesse auseinandersetzen und sich in deren Entwicklung hineinreklamieren. Wenn über Hochschulreformen gesprochen wird, fordern wir ja auch die Beteiligung der Nicht-Gehörten und Enteigneten, wieso nicht auch dann, wenn es um Entwicklung gesellschaftlich wirkmächtiger TechnoWissenschaften geht? Letztlich wäre es auch zu überlegen, wie Partizipation in Sozial- und Geisteswissenschaften aussehen könnte. Kann es gar sein, dass uns hier die TechnoWissenschaften im Sinne emanzipatorischer Praxis etwas voraus haben?

Ein anschauliches Beispiel von Participatory Design in der Praxis findet sich hier beschrieben:

http://bit.ly/zCahbu/

Für weitere Infos ist die Autorin auch per E-Mail ­erreichbar: annadrea@diebin.at.