„Die eigene Geschichte selber schreiben“

Seit 2005 ist der „AK gegen den Kärntner Konsens“ gegen das größte (SS-)Veteranen-Treffen in Österreich und eines der größten im deutschsprachigen Raum aktiv: das Ulrichsbergtreffen. In dem Sammelband „Friede, Freude, deutscher Eintopf“ werden nun Recherche-Ergebnisse zusammengetragen und fünf Jahre Protest reflektiert.

2009 wurde vor allem durch die Arbeit des AK erreicht, dass das Ulrichsbergtreffen abgesagt werden musste, da Verteidigungsminister Darabos dem Bundesheer die Unterstützung untersagt hatte. Zuvor hatte der AK veröffentlicht, dass der damalige geschäftsführende Obmann der Ulrichsberggemeinschaft, Wolf Dieter Ressenig, im Internet NS-Devotionalien zum Verkauf angeboten hatte. Durch diesen Erfolg ergab sich die Frage, wie eine politische Gruppe damit umgehen soll und kann, wenn eines der vorrangigen Ziele, nämlich das Ulrichsbergtreffen zu verunmöglichen, tatsächlich erreicht wird. Zwar führt eine derartige Absage keinesfalls zu einer grundlegenden Veränderung Kärntner bzw. österreichischer Verhältnisse, Anlass die eigene Arbeit als Erfolg zu bewerten und sie kritisch zu betrachten bot das Ereignis dennoch. So entstand die Idee, die über die Jahre gesammelten Recherche-Ergebnisse zusammenzutragen und die eigene politische Praxis in einer umfassenden Publikation zu reflektieren. Eine Besonderheit des AK hatte schon immer darin bestanden, Aktionismus mit umfassender inhaltlicher Arbeit zu verbinden, was sich insbesondere in den Stadtspaziergängen in Klagenfurt/Celovec, den ZeitzeugInnengesprächen sowie den gründlich recherchierten Broschüren, die jedes Jahr die Antifaschistischen Aktionstage begleiteten, verdeutlicht.

Nicht nur in Kärnten/Koroška

So entstand die Publikation, die jedoch mehr als nur einen Sammelband zu unterschiedlichen Themen der Kärntner Geschichtspolitik darstellt. Die in drei größere Abschnitte unterteilten Beiträge stehen in starkem Bezug zueinander und ermöglichen einen umfassenden Einblick in Gedenk- und Geschichtspolitiken hierzulande. So wird in einem ersten Teil zum Thema „Hintergründe und Kontexte“ auf Geschichtspolitiken und Gedenkkulturen in Österreich, Kärnten/Koroška und am Ulrichsberg eingegangen. Dabei betonen die AutorInnen auch immer wieder, dass sich zwar in Kärnten/Koroška gesellschaftliche Missstände zugespitzter bzw. verdichteter als anderswo zeigen, es jedoch österreichische Verhältnisse sind, die diese hervorbringen und mittragen. So zeigt sich insbesondere in der Darstellung der Geschichte des Ulrichsbergtreffens sowie der dort eta-
blierten ideologischen Momente bzw. scheinbar zeitlosen Werte wie „Kameradschaft“, „Treue“, aber auch „Europa“ und „Friede“ die Anschlussfähigkeit des Treffens für einen breiten Mainstream. So lassen die AutorInnen nicht in Vergessenheit geraten, dass sich am Ulrichsberg eben nicht ausschließlich Alt- und Neonazis ein Stelldichein geben, sondern VertreterInnen beinahe aller österreichischen Parteien anwesend sind und auch so manche Durchschnittsfamilie im Rahmen eines Sonntagsausflugs auf den Berg pilgert.

Wessen wird gedacht?

Der zweite Abschnitt ist einerseits in Gedenk-traditionen, von denen es in Kärnten/Koroška eindeutig „zu viel“ gibt, unterteilt. Zu erwähnen sind an dieser Stelle vor allem der Umgang mit Vertriebenenverbänden, Europäischen „Freiwilligen“ in der (Waffen-)SS, dem Ustascha-Treffen in Bleiburg/Pliberk, Gebirgsjägern oder Wehrmacht und SS. Auf der anderen Seite wird aufgezeigt, von welchen Gedenk-
traditionen es „zu wenig“ gibt, wie beispielsweise die Erinnerung an die 1942 deportierten Kärntner SlowenInnen, Juden und Jüdinnen sowie Roma und Sinti, die dem NS zum Opfer gefallen sind, das vergessene Loibl-KZ oder PartisanInnen und Wehrmachtsdeserteure. Abgerundet wird der letzte Teil durch Ausführungen zu aktuellen Entwicklungen in Bezug auf das Bundesheer, Protestformen oder einen Ausblick, wie sich das Treffen weiterentwickeln könnte. Die gründlich recherchierte und äußerst dichte Publikation ist vor allem auch als eine wichtige Intervention in hegemoniale Geschichtspolitiken zu verstehen. Nicht zuletzt hat der AK damit auch seine Geschichte selber niedergeschrieben.

 

Literatur:

Arbeitskreis gegen den kärntner Konsens (Hg.):
Friede, Freude, deutscher Eintopf. Rechte Mythen, NS-Verharmlosung und antifaschistischer Protest. Mandelbaum-Verlag. Wien 2011. 19,90 EUR