What the fuck is Burschi?

Der Anfang eines Studiums ist immer stressig, egal ob es der Studienplan oder die nicht zu findenden Hörsäle sind. Da ruft die Szenerie, die sich jeden Mittwoch um Punkt 12 Uhr vor der Uni abspielt, in den meisten Fällen lediglich Verwunderung hervor.

Eine Gruppe von Männern, in Kostümen verpackt, tauschen freundlich Worte miteinander aus. Doch so witzig dieser Anblick im 21. Jahrhundert wohl auch sein mag, so wenig sollte dieser wöchentliche „Bummel“ unkommentiert hingenommen werden oder in Vergessenheit geraten. Denn neben ihrem peinlichen Auftreten zeichnet deutschnationale Burschenschaften ein erzreaktionäres Weltbild aus: Egal ob es um völkischen Nationalismus, Antifeminismus, Rassismus oder Antisemitismus geht – es ist fast alles dabei, was die Palette an antiemanzipatorischen Denkmustern so zu bieten hat.

Wo es gegen Demokratisierung und Emanzipation geht, da sind Burschis nicht weit weg …

Geschichtlich und entgegen eigenen Behauptungen, knüpfen deutschnationale Burschenschafter an die spätabsolutistische Bewegung nach der endgültigen Niederlage der Revolution 1848 an. Seitdem beteiligten sie sich so ziemlich an jeder antidemokratischen Erhebung1 während der Ersten und Weimarer Republik, in der es gegen Emanzipation und Demokratisierung ging. Der Nationalsozialismus war für sie dann die geschichtliche Verwirklichung ihrer eigenen politischen Ideale. Während die katholischen Burschenschaften als Rückgrat des Austrofaschismus verboten wurden, machten die deutschnationalen Korporierten keine halben Sachen und lösten sich kurzerhand selbst auf; sie waren dort angelangt, wo sie hingehörten: In den „Kameradschaften“ des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes (NsDStB). „Wofür wir im Geiste der Burschenschaften von 1817 jahraus, jahrein an uns gearbeitet haben, ist Tatsache geworden“, so die Burschenschaftlichen Blätter von 1933.

Doch auch mit der Niederlage des Nationalsozialismus und dem Sieg der Alliierten war es mit dem Drang nach dem reaktionären Getöse noch nicht vorbei. Ein Zusammenhang von deutschnationalen Korporierten und gewalttätigen Regungen des österreichischen Rechtsextremismus seit 1945 lässt sich nicht leugnen: So gilt die Burschenschaft Olympia, kurzfristig vom Staat sogar verboten, gemeinsam mit der Innsbrucker Brixia bis heute als ideologisches Zentrum des „Südtiroler Freiheitskampfes“. Dessen Terroraktionen 1956 und 1988, die auf die Autarkie der deutschen Minderheit von Italien abzielten, 21 Menschenleben forderten.

Von Menstruationsneid geplagt …

Dem Prinzip des Männerbundes verpflichtet, fühlen sich studentische Korporationen von allen Seiten bedroht. Ihre Paranoia richtet sich dabei vor allem gegen Jüd_innen, Demokra-
t_innen, Frauen2 und Bolschewist_innen. Gerade Antifeminismus und Antisemitismus weisen hierbei einen engen Zusammenhang auf. „Der Kastrationskomplex ist die tiefste unbewußte Wurzel des Antisemitismus […]. Auch die Überhebung über das Weib hat keine stärkere unbewußte Wurzel.“ (Freud 1909)3 Die mit dem 18. Jahrhundert aufkommende Geschlechterbipolarität trennt Mann und Frau in sich gegenüberstehende Entitäten mit eigenen Attributen und knüpft dabei an eine konstruierte Ungleichheit zwischen „Rassen“ an. Diese Denkmuster, welche ebenso in der Meinung der „politischen Mitte“ verhaftet sind, werden von deutschnationalen Burschenschaften zu einer angestrebten „Reinheit“ radikalisiert – sei es gegen Frauen oder Jüd_innen, denen sie ähnliche Charakterzüge zuschreiben.

… in der FPÖ zuhause.

Obwohl die völkischen Aktivisten seit der Niederlage des Nationalsozialismus ein ständiges Rückzugsgefecht führen müssen, stellen sie gerade unter der Strache-FPÖ4 erneut den ideologischen Kern der Partei. In dieser üben sie vor allem eine Scharnierfunktion zwischen dem militanten Rechtsextremismus und der parlamentarischen Rechten aus. Dabei ist ihre Relevanz für reaktionäre Gesellschaftspolitik nicht zu unterschätzen: Gerade Martin Graf, dritter Nationalratspräsident und Mitglied der Burschenschaft Olympia, ist Ausdruck einer autoritären Gesellschaftsentwicklung, die jeglicher Entwicklung nach Emanzipation und Demokratie zuwider läuft.

Es gilt, den Burschenschaften auf allen Ebenen entgegenzutreten. Sei es auf der Uni-Rampe, oder beim jährlich stattfindenden Ball des Wiener Korporationsrings (WKR), welcher als Dachverband deutschnationaler Burschenschaften in Wien fungiert. Oder um es mit einem alten Spruch zu halten: No – No – No Pasaran!

 

Anmerkungen:

1 Kapp-Putsch (1920), „Marsch auf die Feldherrenhalle“ (1923), Juliputsch (1934) etc.

2 „Frau“, „Mann“, „Weiblichkeit“ oder andere Geschlechterkategorien werden in diesem Text nicht als Entität beschrieben, sondern als eine sozio-kulturelle Erscheinung einer nach wie vor patriarchal geprägten Gesellschaftsordnung.

3 Die Analyse der Kastrationsangst baut auf der These Sigmund Freuds auf, dass die Entdeckung des kleinen Jungen, dass andere Personen keinen Penis (auch hier im symbolischen Zusammenhang als Ausdruck von gesellschaftlicher Macht verstanden) haben, zu der Interpretation führt, diesen durch Kastration verloren zu haben. Es folgt das inzestuöse Verlangen, sich von seiner Mutter zu entfernen, weil er befürchtet, der Vater könnte ihn zur Bestrafung kastrieren. Der Sohn wünscht sich nun wie der Vater zu sein und Macht zu besitzen, während er sein Begehren nach der Mütterlichkeit in der außerfamiliären Welt zu erfüllen versucht. Das geschwächte und von allerlei Ängsten gebeutelte Selbst der deutschnationalen Burschenschafter treibt sie in die mit Attributen von Mütterlichkeit ausgestatteten Verbindungen. Ihr Ausschluss von Frauen aus den Verbindungen und ihr Hass gegen den Feminismus lassen sich folglich durch die Kastrationsangst, d. h. mit dem Glauben an den Verlust gesellschaftlicher Machtpositionen, erklären.

4 Alleine 13 der 33 FPÖ-Nationalratsabgeordneten sind Mitglieder in deutschnationalen Burschenschaften

Literaturhinweis: 

Völkische Verbindungen. Beiträge zum deutschnationalen Korporationswesen in Österreich. Hrsg: HochschülerInnenschaft an der Universität Wien. Wien 2009.