Überall nur ‚Opfer‘? – Ein Nachruf der Aufrufe zum 8. Mai
Aufruftexte werden oft zu Orten des Phrasendreschens – das ist nichts Neues. Dass es zum 8. Mai Mobilisierungsversuche voll mit ebendiesen gibt, mittlerweile auch nicht mehr. An dieser Stelle soll ein Blick auf die dem Anlass zugrundeliegende Phraseologie geworfen werden.
Spannend an Phrasen ist, dass sie scheinbar eindeutig daherkommen, aber in ihrer Ambivalenz alles, nichts und noch weniger aussagen können. Das führt zur Frage, was das Bündnis Offensive gegen Rechts (OGR), die Plattform Jetzt Zeichen Setzen und Michael Spindelegger gemeinsam haben. Um die Frage gleich vorweg zu beantworten: Offensichtlich wurden sie alle befreit! In der obigen Reihenfolge klingt das dann jeweils so: „der 8. Mai ist kein Tag der Trauer, sondern der Tag der Befreiung und des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ (1), „Wir feiern am 8. Mai die Befreiung vom nationalsozialistischen Verbrechensregime“(2) und zu guter Letzt „[...] den 8. Mai als Tag der Befreiung von der Nazi–Diktatur am Heldenplatz feierlich begeh[en]“ (3).
So weit, so Banane
Wie kommt es also dazu, dass Gruppen und ‚Einzelpersonen‘, die eigentlich wenig bis gar nichts gemeinsam haben, sich so vergleichbarer Textbausteine bedienen? Warum benutzen alle, wenn auch verschieden plakativ und in unterschiedliche Geschichtserzählungen eingebettet, das Schlagwort ,Befreiung‘?
Am 8. Mai 1945 trat die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht in Kraft, womit der Zweite Weltkrieg in Europa und in Konsequenz die nationalsozialistische Herrschaft beendet wurden. In der DDR wurde der 8. Mai lange als staatlicher Feiertag, eben als „Tag der Befreiung“, begangen, nicht aber in den ‚westlich‘ orientierten Nachfolgestaaten des Dritten Reiches, also in Österreich und der BRD. Gerade in Österreich war die staatliche Motivation gering, an das Ende des Zweiten Weltkrieges zu erinnern: schließlich wären dabei unangenehme Details zur Rolle von ÖsterreicherInnen im Dritten Reich zur Sprache gekommen. Allerdings war etwa die massenhafte Beteiligung von Österreicher-Innen am deutschen Vernichtungskrieg für einen nicht unwesentlichen Teil der österreichischen Öffentlichkeit ein wichtiger Bestandteil nationalen Gedenkens. So wird am Österreichischen Heldendenkmal am Heldenplatz sowohl Wehrmachtsangehörigen als auch Angehörigen der SS gedacht. Seit 2002 trauern ebendort jedes Jahr am 8. Mai Burschenschafter und die angeschlossene FPÖ um ihre ‚Helden‘. Dieser österreichische Normalzustand wäre nun nicht besonders überraschend, wenn sich nicht infolge der Proteste gegen den Ball des Wiener Korporationsrings eine veritable Gegenveranstaltungskonkurrenz entwickelt hätte und die oben genannten zwei Initiativen getrennt zu Protest aufriefen.
An und für sich wäre das ja auch begrüßenswert, es kommt ohnehin viel zu selten vor, dass in Österreich unterschiedliche Formen von Engagement nebeneinander existieren und sich nicht eine Seite beleidigt zurückzieht. Problematisch wird es an dem Punkt, an dem jenseits von historischen Fakten, politischen Rahmenbedingungen und purer Vernunft der Anlass benutzt wird, um Phrasen zu dreschen, und in diesem Fall, schlimmer noch, die eigene Exkulpation (4) zu betreiben. Damit wären wir auch wieder bei den Eingangszitaten angelangt. Und an diesem Punkt sollte klar gestellt werden: Der 8. Mai ist zunächst der Tag der Niederlage des Dritten Reiches. Es ist der Tag, an dem die Deutschen besiegt wurden. Alle jene auf dem Gebiet des sogenannten Altreichs ebenso wie in Österreich, Tschechien, Südtirol und den anderen besetzten Gebieten, in denen zuvor den einmarschierenden deutschen Truppen zugejubelt wurde – alle diese Menschen wurden besiegt und nicht befreit. Wenn nun die Rede von ,Befreiung‘ ist, dann bietet das den heutigen ZeitgenossInnen Raum, sich selbst als die besseren Menschen zu sehen. Als eineN von jenen, ‚die damals nicht dabeigewesen sind‘. Die Notwendigkeit, sich selbst als Objekt der Kritik zu sehen, tritt zurück vor der ungleich leichteren Möglichkeit, sich selbst aus dem TäterInnenkontext zu nehmen und stattdessen die TäterInnen anderswo zu suchen.
Wer nicht feiert, der hat was?
Wenn nun, wie im Fall der OGR, der 8. Mai zu einem weiteren aktivistischen Pflichttermin ,gegen rechts‘ gemacht wird und Slogans wie „ihre Niederlage, unsere Befreiung“ oder „wer nicht feiert hat verloren“ bemüht werden, darf mit gutem Recht bezweifelt werden, ob die -Beteiligten ihren Part zu Ende gedacht haben – auch in Anbetracht der Tatsache, dass sich ein beträchtlicher Teil des Aufrufes nicht um den Termin und den Anlass, sondern um die FPÖ dreht. Zweifelsohne notwendig; ob jedoch die im Text behandelte „Krise“ ursächlich etwas mit dem Termin und dem burschenschaftlichen „Heldengedenken“ zu tun hat, darf bezweifelt werden. Ähnliches gilt für die inflationäre Verwendung des Terminus „rechtsextrem“. Dass der Extremismus-Begriff vollkommen ungeeignet ist, um jenseits von verfassungsschützerischen Interessen angewendet zu werden, sollte zumindest politisch linken Gruppen klar sein.
Im Gegensatz dazu muss dem Aufruftext der zivilgesellschaftlichen ‚Konkurrenzveranstaltung‘ zugestanden werden, dass er auf dem schmalen Grat zwischen politischem Kampagnensprech und historisch-politischer Richtigkeit zu balancieren versucht. Nichtsdestotrotz macht die Teilnahme der Israelitischen Kultusgemeinde und verschiedener Verfolgtenverbände weder die Grünen noch die ÖH-Bundesvertretung zu Opfern des NS-Regimes. Ebenso muss angemerkt werden, dass der positive Bezug auf ein „privates Andenken“ an Wehrmachtssoldaten oder die Floskeln vom „Leid der Bevölkerung in Österreich“ die Grenze zur Anbiederung an rechte und revisionistische ZeitgenossInnen klar überschreiten.
Gut gemeint ist auch daneben!
Aber auch Kritik an den oben erwähnten Konzepten, die allesamt bereits vor dem 8. Mai bekannt waren und seit Jahr(zehnt)en diskutiert werden, hat es gegeben. Problematisch wird es allerdings, wenn eine sich selbst als linksradikal definierende Gruppe wie die autonome- -antifa [w] ihren Aufruf zu einer Diskussion über Interventionen und Inhalte von Anfang an so formuliert, dass es schwer fällt, sie politisch ernst zu nehmen. „Österreich, du Opfer“(5) ist einfach nicht lustig. Mag sein, dass damit der österreichische Umgang mit der Geschichte, vielleicht auch die Reetablierung des „Opfermythos“ auf individualisierter Ebene, gemeint war, aber alles das ändert nichts daran, dass diese Formulierung schlicht und ergreifend MackerInnenscheiß ist. Dieser Gestus zelebriert die eigene Erhöhung und stellt gleichzeitig die Abwertung des Gegenübers zur Schau. Die inflationäre Verwendung der Bezeichnung „Opfer“ verharmlost die Situation von Personen, denen real Gewalt widerfahren ist. Sie reproduziert- Verhaltensweisen und Rollenbilder, die zu kritisieren und zu bekämpfen sind. In diesem Kontext muss die Formulierung auch als Herabwürdigung der Opfer des Nationalsozialismus verstanden werden, vor allem dann, wenn die Begriffsbedeutung der Jugendsprache auf den historischen Fall übertragen wird. Im Übrigen sollte es mittlerweile auch bis zur autonomen -antifa- [w] durchgedrungen sein, dass unter den TäterInnen des NS auch Frauen waren – auch wenn laut Text nur „Volksgenossen“ beteiligt scheinen. Zu guter Letzt muss noch, und diese Kritik geht auch an die bagru powi, die in den Jahren zuvor die Nationalfahnen der Alliierten geschwenkt hat und sich dieses Jahr nur in Form eines Interventionstextes an der Diskussion beteiligte (6), die etwas süffisante Frage gestellt werden, ob die unbedingte Identifikation mit den Aliierten nicht nur als positive Referenz, sondern ebenso als in diesem Fall akklamierende Exkulpationsstrategie verstanden werden kann? Auch dieses Verhalten mag sich aus dem problematischen Wunsch erklären, außerhalb der TäterInnengemeinschaft zu stehen – jedenfalls wenn es unreflektiert passiert.
Meint ihr das wirklich ernst?
Schlussendlich kann nur an alle beteiligten Gruppen die Frage gestellt werden, ob sie das wirklich ernst meinen. Ist es der autonomen -antifa- [w] wirklich ernst mit einer Intervention, die erst inhaltlich ins Klo greift und dann daraus besteht, auf der Demo mit Transparenten aufzutauchen und Fahnen zu schwingen? Will Jetzt Zeichen setzen sich allen Ernstes begrifflich mit dem österreichischen Vizekanzler und Coleurbruder Spindelegger ins Boot setzen, um den 8. Mai in das staatliche Selbstverständnis zu inkorporieren? Und wollen die AktivistInnen der OGR ernsthaft behaupten, dass sie den Slogan „ihre Niederlage – unsere Befreiung“ für politisch vertretbar halten? Hoffentlich nicht!









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