Real und verkehrt

Die einen beziehen sich auf die Fetischkritik, um ihr Ansehen in linken Gruppen zu steigern, die anderen sehen in ihrer Ablehnung eine seltsame Art der ‚coolen‘ Identitätsbildung – die nächsten fragen gar nicht erst nach, was sie denn bedeute, und bestreiten ihr politisches Engagement lieber ohne den Begriff, um sich die Blöße des Nicht-Bescheidwissens nicht geben zu müssen. Dabei sollten Überlegungen zu Waren-, Geld- und Kapitalfetisch als grundlegenden Strukturen der kapitalistischen Gesellschaft im Zentrum linker Gesellschaftskritik stehen, wenn diese etwas an bestehenden Unterdrückungs- und Ausbeutungsverhältnissen ändern möchte.

Um zu verstehen, was Karl Marx mit dem Begriff des Fetischismus meinte, ist es wichtig, sich vor Augen zu führen, dass dieser Terminus mittlerweile gänzlich anders gebraucht wird als noch zu seinen Zeiten. Denn durch -Sigmund Freud wurde die Bedeutung von Fetisch stark verändert. Davor war Fetischismus die abwertende, rassistisch konnotierte Bezeichnung für die Verehrung eines heiligen Dinges durch -‚primitive‘ Völker. Marx verwendete es in ebendiesem Sinne – und ganz bewusst, um der sich besonders aufgeklärt wähnenden bürgerlichen Gesellschaft zu zeigen, dass auch sie einem solchen Fetischismus unterliegt: dem der kapitalistischen Produktion, der dazu führt, dass gesellschaftliche Verhältnisse verdeckt werden.

Ware.

Marx fragte nach der entscheidenden gesellschaftlichen Struktur, die dem Kapitalismus zu Grunde liegt – er stellte sich also eine ganz andere Frage als bürgerliche ÖkonomInnen, als jene, die in der VWL beispielsweise diskutiert werden, und eine Frage, die auch heute gleichermaßen aktuell ist. Dabei kam er zu dem Schluss, dass das markanteste Merkmal kapitalistischer Produktion die Warenproduktion sei: Und er hält die Eigenschaften der Warenproduktion für besonders tückisch, weil er in der Ware den Ausdruck der Arbeitszeit der Menschen sieht, die ‚am Markt‘ in Beziehung zueinander gesetzt werden. Wenn Waren getauscht werden, dann werden, so Marx, nicht Topfpflanzen und externe Festplatten gegeneinander und gegen Geld gehandelt – denn der Gebrauchswert einer Topfpflanze und einer externen Festplatte ist für jede Person und jede Verwendung -unterschiedlich und nicht allgemein messbar. Sondern: es wird die Arbeitszeit jener Menschen in Beziehung gesetzt, die die Festplatte hergestellt und sich um die Orchidee gekümmert haben. Dabei zählt jedoch nicht, ob die Festplattenwerbedesignerin faul war und sich lange Zeit für das Design der Produktverpackung genommen hat, sodass dann insgesamt die Kosten und der Wert der Festplatte steigen – sondern: Es zählt die Arbeitszeit, die gerade gesellschaftlich durchschnittlich notwendig ist, um die Festplatte herzustellen, zu verpacken, zu vermarkten etcetera. Nahezu nebenbei wird also in der Ware so einiges verschleiert. Denn: Einerseits sind es nicht die Äpfel und die Taschentücher, die von sich aus Wert besitzen, wenn sie gekauft werden, sondern es ist umgekehrt: Der Wert der Ware ist der unsichtbar gemachte gesellschaftliche Aushandlungsprozess, der definiert, was denn überhaupt Arbeit ist, auf welche Art und wie schnell sie zu verrichten ist, und wer welchen Anteil an Gütern zur Verfügung bekommt. Im Warentausch verstecken sich also die gesellschaftlich nicht bewusst ausgehandelten Bedingungen, um in dieser Gesellschaft (über-)leben, arbeiten und ‚Freizeit haben‘ zu können. Also: gesellschaftliche Verhältnisse – Produktionsverhältnisse, Geschlechterverhältnisse, Ausbeutungsverhältnisse – werden komprimiert, gleichgesetzt, unsichtbar gemacht und im Warentausch ‚vermittelt‘.

Diese Tatsachen nennt Marx „Warenfetisch“, oder den „Fetischcharakter der Ware“. Der Ware wird in der bürgerlichen Gesellschaft eine unheimliche, fast schon religiös-übermächtige Fähigkeit als Vermittlungsinstanz zwischen den Menschen zugesprochen, die jeden Tag aufs Neue ihre materielle und eiskalte Wirkmächtigkeit entfaltet, sodass sich ihr keineR von uns entziehen kann. Dabei ist leider festzuhalten, dass es noch nichts an der Welt verändert, wenn wir uns dieser Verschleierung durch die Warenproduktion nur gedanklich bewusst werden.1 Wir müssen an den ökonomischen Verhältnissen selbst etwas ändern, damit dieses Auf-den-Kopf-Stellen der Gesellschaft, bei dem es so wirkt, als würden die Dinge über uns herrschen, und bei dem gesellschaftliche Machtverhältnisse unbewusst und kapitalförmig ausgehandelt werden, beendet werden kann.

Geld.

Als weitere fetischistische Kategorie führt Marx das Geld an: Geld ist als allgemeines Äquivalent aller Waren eine spezielle Ware und ermög–
licht der Warenform, sich bewegen zu können.2 -Der Fetischcharakter des Geldes besteht nun darin, dass es nicht selbst als eine Ware unter vielen erscheint, der die Eigenschaft als allgemeines Äquivalent zukommt. Sondern: es scheint so, als wäre es das Geld selbst, das überhaupt erst die Werte der Waren hervorbringt.3 Verdeckt wird dadurch, dass eigentlich Waren gegeneinander getauscht und über Geld in Beziehung zueinander gesetzt werden. Auch dies erscheint umgekehrt: Als würde Geld selbst die Beziehung zwischen Waren herstellen. In Geld sind somit „die Productionsverhältnisse selbst in ein Ding verwandelt“, wie Marx in dem Text Die Trinitarische Formel schreibt.4

Kapital.

Als dritte Form des Fetisches entwickelt Marx die Kategorie des Kapitalfetischs. Das Kapital ist vergegenständlichte Mehrwertarbeit mit dem Ziel, mehr Wert zu erzielen.5 Es ist ein Quantum Mehrwert, das wieder in die Produktion hineinfließt. Für das fetischistische Bewusstsein erscheint das Kapital auf der Oberfläche der Zirkulation als Geld heckendes Geld, als sich selbst verwertender Wert, der aus sich selbst heraus mehr wird.

Der Mehrwert, der durch die Differenz zwischen dem Wert der erschaffenen Produkte und dem Lohn der ArbeiterInnen entsteht, wird nicht als Ausbeutung der menschlichen Arbeit begriffen, sondern als ‚natürliche‘ Eigenschaft des Kapitals selbst gesehen. Dabei erlischt der Mehrwert in der Ware, und es ist hier, wie bereits gezeigt, nicht mehr sichtbar, dass menschliche Arbeitszeit überhaupt verausgabt wurde. Und so scheint bei der mystifiziertesten Form des Kapitalfetischs, dem Zins, das Geld ausschließlich selbst zu arbeiten. Das Kapital ist daher die Sphäre, in der die Verhältnisse der ursprünglichen Wertproduktion komplett verdeckt sind und „völlig in den Hintergrund treten“, wie Marx schrieb.6 Wert und Mehrwert scheinen im Zirkulationsprozess zu entstehen, anstatt aus der Arbeit zu entspringen. Dadurch scheine es auch, als ob der Profit aus der Produktion von „Prellerei, List, Sachkenntniß, Geschick der Käufer und Verkäufer und tausend Marktconjuncturen“ abhänge sowie von der „Circulationszeit“, so Marx.7

Zusammenfassend: Die Ware verwandelt die gesellschaftlichen Verhältnisse, denen sie als Trägerin dient, in Eigenschaften der Waren selbst, das Geld verwandelt die Produktionsverhältnisse „noch ausgesprochener“ selbst in ein Ding und im Kapital, der herrschenden Kategorie des Kapitalismus, „entwickelt sich dieß noch viel weiter in eine verzauberte und verkehrte Welt“, so Marx.8 Die „Einheit des unmittelbaren Productionsprocesses und des Circulationsprocesses“ (Marx) wird hier komplett verdeckt und die sich gegeneinander verselbständigten Wertbestandteile „verknöchern“ sich in scheinbar selbständige Formen.9

Sein und Schein.

Beim Fetisch handelt es sich also nicht nur um falsches Bewusstsein, sondern um eine real existierende Verkehrung der Verhältnisse durch ihre Verdeckung in der Ökonomie. Es geht also um ein daraus entspringendes dialektisches Verhältnis zwischen Sein, Schein und Bewusstsein auf der Basis der ideellen und materiellen Verkehrung der Verhältnisse. Verkehrt wird dabei unter anderem, dass unpersönliche, nicht bewusst gestaltete und abstrakt-vermittelte- Herrschaftsstrukturen einerseits als Eigenschaften von Dingen und andererseits als Eigenschaften von Einzelpersonen wie ‚Spekulanten‘ oder ‚Bankerinnen‘ erscheinen.

Wer also den Kapitalismus grundlegend kritisieren und aufheben möchte, sollte sich besser seinen komplexen grundlegenden Dynamiken und Prozessen annähern als vorschnell mit dem Finger auf seine objektiven Erscheinungsformen zu zeigen. Die Auseinandersetzung mit der Marxschen Fetischkritik offenbart also nicht nur die Ansatzpunkte einer antikapitalistischen Gesellschaftskritik, sondern genauso die Fallstricke des Antikapitalismus. Und zeigt einmal mehr: Die Herrschaft des Werts über die Menschen, der Kapitalismus, ist kein Naturgesetz. Weiterhelfen kann diese Erkenntnis allerdings erst dann, wenn ihr Taten folgen.

 

 

Anmerkungen:

1 Heinrich, Michael: Kritik der politischen Ökonomie, Eine Einführung, theorie.org, Schmetterling Verlag, Stuttgart 2009, S. 69 ff.

2 Marx, Karl/ Engels, Friedrich: Gesamtausgabe (MEGA) II, Ökonomische Manuskripte 1863–1867, Band 4, Teil 2, Dietz Verlag, Berlin 1992; Trinitarische Formel, S. 850

3 Vgl.: Marx, Karl/ Engels, Friedrich: MEW 23, Das Kapital, 39. Auflage, Dietz Verlag, Berlin 2008, S. 118

4 Die Trinitarische Formel, S. 849

5 Wenn ArbeiterInnen den KapitalistInnen ihre Ware Arbeitskraft verkaufen, dann bestimmt sich ihr Tauschwert an jener Zeit, die es gebraucht hat, die eigene Arbeitskraft herzustellen und zu pflegen: Um diesen Wert kauft die Kapitalistin die Arbeit. Der Gebrauchswert der Ware Arbeitskraft liegt aber notwendigerweise höher als ihr Tauschwert (Arbeiter-Innen, die 150 Sternfrüchte am Tag ernten, erhalten nie mehr als 150 Sternfrüchte am Tag Lohn) – die Differenz, den sogenannten Mehrwert, behält sich die Kapitalistin ein. Sie kann ihn entweder selbst nutzen oder aber beispielsweise weitere Arbeitskraft ankaufen, um noch mehr Mehrwert zu erzielen: Dann wird das Geld, das mit dem Ziel, mehr Geld zu erzielen, eingesetzt wird, zu Kapital.

6 Das Kapital, 39. Auflage, S. 109

7 Die Trinitarische Formel, S. 850

8 ebda., S. 849

9 ebda., S. 850

 

Literaturhinweise:

Grigat, Stephan: Fetisch und Freiheit, ça ira Verlag, Freiburg 2007

Heinrich, Michael: Kritik der politischen Ökonomie, Eine Einführung, theorie.org, Schmetterling Verlag, Stuttgart 2009

Marx, Karl: Das Kapital, Erster Band, ident mit MEW 23, 39. Auflage, Dietz Verlag, Berlin 2008

Marx, Karl: Das Kapital, Dritter Band, ident mit MEW 25, 33. Auflage, Dietz Verlag, Berlin 2010

Marx, Karl / Engels, Friedrich, Gesamtausgabe (MEGA) II, Ökonomische Manuskripte 1863–1867, Band 4, Teil 2, Dietz Verlag, Berlin 1992, S. 834–853

Schiedel, Heribert: Fallstricke des Antikapitalismus, in: Context XXI, 1/2004