Krise und Revolutionserwartung
Groß waren die Hoffnungen der Linken, als 2008 die Krise ‚hereinbrach‘ 1 und die Agitation für eine andere Welt oder mehr staatliche Eingriffe in die Wirtschaft begann. Schnell stellte man jedoch enttäuscht fest, dass aufgrund gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse nicht der Sozialismus durch die Krise auf der Tagesordnung stand, sondern krisenpolitische Eingriffe wie die Bankenrettung.
Dabei hatte bereits Karl Marx auf den Zusammenhang von Krise und Revolution aufmerksam gemacht. Ab einer gewissen Stufe der Entwicklung geraten die Produktivkräfte in Konflikt mit den Verteilungsverhältnissen, wie den ihnen entsprechenden Produktionsverhältnissen – die Krise offenbart sich. Wenn sich eine historische Form der Produktionsverhältnisse überlebt, mache sie einer höheren Form Platz.2
Von diesem Zusammenhang war Marx dermaßen überzeugt, dass er 1857 an Engels schrieb: „Ich arbeite wie toll die Nächte durch an der Zusammenfassung meiner Ökonomischen Studien, damit ich wenigstens die Grundrisse im Klaren habe vor dem déluge.“ 3 Marx hatte ehrliche Angst davor, dass seine Jahre in der Bibliothek von London umsonst wären und die Krise den Kapitalismus hinwegfegen würde, bevor er seine ökonomischen Studien beendet hätte. 1858 flaute die Krise ab und Marx konnte nicht nur seine Grundrisse, sondern 1863 auch noch den ersten Band des Kapitals veröffentlichen. So lächerlich diese Krisenhoffnung heute erscheint, im 19. Jahrhundert war sie bis zu einem gewissen Grad begründet.
Der Liberalismus als Utopie
Marx und andere Kommunist_innen des 19. Jahrhunderts kritisierten eine Ideologie, die selbst mit dem Anspruch angetreten war, Freiheit, Gleichheit und ewigen Frieden zu realisieren. Die liberale Ideologie des Bürger_innentums und deren wissenschaftliche Ausprägung in der Politischen Ökonomie waren selbst eine Utopie. Der Liberalismus hatte sich auf die Fahnen geschrieben, eine vernünftig eingerichtete Welt zu schaffen. Dabei sollte die Gesellschaft frei von persönlicher Herrschaft und Willkür sein, je nach Geschmack glaubten die liberalen Ideologen, dies würde sich durch die „unsichtbare Hand“ von Adam Smith oder die „volonté générale“ von Jean-Jaques Rousseau realisieren. Einmal umgesetzt, blamierte sich die liberale Vernunft-Utopie jedoch an der Realität der gesellschaftlichen Ungleichheit und Ausbeutung. Hier konnte die sozialistische Kritik am Liberalismus und seinem adäquaten Wirtschaftsystem des Kapitalismus ansetzen und ihm seine Unfähigkeit allgemeines Glück herzustellen vor Augen führen. Gegen den Liberalismus trat die Arbeiter_innenbewegung und die Kritik der politischen Ökonomie seine Erbschaft an.4
Aber bereits mit der Durchsetzung des Liberalismus wandelte sich seine vernünftige Kritik am Merkantilismus in eine gesellschaftliche Mythologie, die die Gesetze der Gesellschaft direkt aus der menschlichen Natur ableitete – wodurch sie unüberschreitbar wurden. Mit dem Abschied der bürgerlichen Gesellschaft von der Utopie verschlechterte sich jedoch auch die Agitationsmöglichkeit der kommunistischen Kritiker_innen. Denn wie sollte man eine Gesellschaft kritisieren, die von sich aus gar nicht mehr den Anspruch hatte, allgemeines Glück herzustellen.
Die Wissenschaft begleitete diese Entwicklung mit der Herausbildung des Positivismus, der mit naturwissenschaftlichen Prinzipien sowohl die Gesellschaftsphilosophie als auch die aufklärerische Politische Ökonomie in der Gesellschaft ablöste. Das Forschungsobjekt der neu entstandenen Fachwissenschaften war das Individuum als solches, das als vorgesellschaftlich wie auch natürlich galt. Damit wurde die bis dahin vorherrschende bürgerliche Gesellschaftstheorie durch eine naturalistische An-thropologie ersetzt. Zwar fanden sich im Liberalismus schon immer naturalisierende Tendenzen, zur Entfaltung kamen sie jedoch erst mit der Preisgabe utopischer und an der Vernunft ausgerichteter Ziele. Die gesellschaftlich produzierte Ungleichheit, die bei Adam Smith einfach als vorausgesetzt hingenommen wurde, verdinglichte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Rassentheorie.5 Gerhard Stapelfeldt bemerkt zu diesem Übergang von Liberalismus zum Imperialismus im Anschluss an die Weltwirtschaftskrise 1873: „Die postliberale, imperialistische bürgerliche Politik-Ökonomie ist ein im ganzen irrationaler, in seinen Teilsystemen rationaler sozialer Kosmos, der die Welt integriert-desintegriert: durch einen politischen, ökonomischen und militärischen Weltbürgerkrieg, der rational den Rassismus legitimiert und mit wissenschaftlich-technischen Mitteln geführt wird.“ 6
Marxens Hoffnung
Die Abwendung des Bürger_innentums von der Utopie war jedoch auch ökonomischen Entwicklungen geschuldet, denn polit-ökonomisch war der klassische Liberalismus der -kapitalistischen Gesellschaft nicht mehr adäquat. Die in Konkurrenz liegenden Mittel- und Kleinbetriebe, die die liberalen Theoretiker bei der Abfassung ihrer Werke vor Augen hatten, waren Kartellen und Monopolen gewichen. Zudem setzten immer mehr Staaten im Gefolge der Weltwirtschaftkrise, allen voran Deutschland, auf Staatsintervention.
Karl Marx ahnte dies im Krisenjahr 1873 noch nicht und schrieb noch überaus optimistisch: „Die widersprüchliche Bewegung der kapitalistischen Gesellschaft macht sich dem praktischen Bourgeois am schlagendsten fühlbar in dem Wechselfällen des periodischen Zyklus, den die moderne Industrie durchläuft, und deren Gipfelpunkt – die allgemeine Krise. Sie ist wieder im Anmarsch, obgleich noch begriffen in den Vorstadien, und wird durch die Allseitigkeit ihres Schauplatzes, wie die Intensität ihrer Wirkung, selbst den Glückspilzen des neuen heiligen, preußischen-deutschen Reichs Dialektik einpauken.“ 7
Es kam jedoch anders: Die Krise 1873 war vor allem in Deutschland kein Einspruch der Vernunft gegen den Widerspruch des Kapitalismus mehr. Den ehemaligen Glückspilzen des preußischen-deutschen Reiches war der Antisemitismus als Erklärung für die Krise einleuchtender als die Dialektik und Überwindung des krisenhaften Kapitalismus. Der Vernunft entledigt und die unsichtbare Hand des Marktes durch den festen Griff des Staates ersetzt, erschien die Krise nun als Sabotageakt Einzelner an einer ansonsten beherrschten und durchgeplanten krisenfreien Gesellschaft. Fatalerweise hielt es ein Großteil der Arbeiter_innenbewegung in der Folge mehr mit Ferdinand Lassalle als mit Marx und begleitete den Staatsinterventionismus wohlwollend.
Bereits in den 1930er Jahren wies Erich Baumann in der Zeitschrift für Sozialforschung auf den Zusammenhang von Staatsinterventionismus und autoritären Gesellschaftsvorstellungen hin. Über den vor allem in grünen und sozialdemokratischen Kreisen sehr geschätzten John Maynard Keynes schrieb Baumann: „Die Verwandtschaft der Keynes’schen Gedankengänge mit den autoritären Theorien lässt sich noch an vielen anderen Einzelheiten zeigen. Hierher gehören seine Sympathien mit der merkantilistischen Wirtschaftspolitik, die man bisher arg verkannt habe, die Forderung großer öffentlicher Arbeiten als Konjunktur-Regulator, die Verteidigung der mittelalterlichen Wuchergesetze und die pathetische Denunziation des raffenden Kapitals.“ 8
Doch die kritischen Sätze Baumanns fanden in der Linken keinen Anklang. Als hätte sich nicht schon vor 140 Jahren im Verhältnis von Krise und Revolution etwas fundamental verändert, propagiert die Mehrheit der Linken weiterhin die Staatsintervention und hofft auf die Krise. Dabei gelte es, in der Krise das Schlimmste zu verhindern. Heute fahnden Volksbewegungen, die mit einer befreiten Gesellschaft überhaupt nichts am Hut haben, nach den Schuldigen an der Krise und landen, wie amerikanische Marxist_innen im Fall der Wall-Street-Proteste dokumentiert haben, nicht selten bei antisemitischen Verschwörungstheorien.9 Die Verhältnisse des 19. Jahrhunderts, in der die Krise der gewaltsame Einspruch der Vernunft gegen den Kapitalismus war, sind dahingeschieden – unwiderruflich. Statt an alten Revolutionshoffnungen in der Krise festzuhalten, wäre danach zu fragen, wie Gesellschaftskritik unter diesen Verhältnissen noch möglich ist. Eines ist aber klar: In Zeiten der Krise steht es nicht gut um sie.









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