Auswirkungen der Krise auf das kapitalistische Geschlechterverhältnis

Geschlecht wirkt über Epochen hinweg als eine unveränderliche Kategorie zur Einteilung von Menschen, die den Boden für Ungleichbehandlung bereitet. Welche kapitalistischen Mechanismen wirken auf die unreflektierte Konstruktion von Geschlecht – und wie wirken Krisen auf sie?

Mit Beginn des Kapitalismus hat sich eine Sphärentrennung durchgesetzt, die das Geschlechterverhältnis grundlegend neu strukturiert hat. Die Unterteilung in verschiedene Lebens- und Arbeitsbereiche wird mit einer Natürlichkeit begründet, die konstruierter nicht sein könnte. Frauen* und Männern* werden kategorisch gegenteilige Attribute zugeordnet: beginnend bei Leistungsschwäche bzw. -stärke, Empathie bis hin zu Teamfähigkeit. Durch die Teilung in weiblich* geprägte Arbeitsbereiche, die – egal ob bezahlt oder unbezahlt – Mehrwert für die Gesellschaft produzieren, kommt es zu einer so genannten Abspaltung des männlich geprägten ‚Werts‘.

Männer* werden eher in den Bereich der Produktionsarbeit (meist entlohnte Arbeit, die Produkte oder Dienstleistungen erzeugt) und Frauen* in den Bereich der Reproduktionsarbeit (meist unbezahlte, scheinbar unsichtbare Arbeit zur Erhaltung menschlichen Lebens und der Produktionsarbeit) verwiesen. Diesen Widerspruch zwischen den Sphären hat der Kapitalismus zwar nicht erfunden, jedoch gänzlich verändert.

Was hat Geschlecht mit Kapitalismus zu tun?

Schon ab der bürgerlichen Moderne waren Frauen* aus fundamentalen Bereichen der Gesellschaft – im Besonderen von der Konstituierung dieser – ausgeschlossen. Während Bildung nur langsam, aber dennoch Frauen* zugänglich gemacht wurde, blieben sie aus der öffentlichen Späre ausgeschlossen, z. B. von höher qualifizierter Erwerbstätigkeit. Der sich durchsetzende Kapitalismus führte zu einer weitgehenden Trennung von Reproduktions- und Produktionsarbeit, die es zuvor in dieser Form nicht gab. Zum einen führte die Entstehung von Lohnarbeit zur Trennung in ‚öffentliche‘ und ‚private‘ Bereiche, wo vorher noch Menschen allerorts ähnliche Arbeiten verrichteten. Zum anderen wendet sich auch bürgerliches Denken nicht von der ‚natürlichen‘ Andersartigkeit der Geschlechter ab. Ganz im Gegenteil: Die bürgerliche Gesellschaft führte für manche Frauen* zu einer klaren Verschlechterung ihrer Stellung und Teilhabe im gesellschaftlichen Leben. Für adelige Frauen* teilweise selbstverständliche Partizipation an politischen Prozessen erschien fürs Erste wieder in weite Ferne gerückt.

In neoliberalen Ausprägungen des Kapitalismus ist aber auch eine scheinbare Umkehrung zu beobachten. Diese führt dazu, dass Frauen* aufgrund ihnen zugeschriebener Eigenschaften eher eingestellt werden können. Ein gutes Beispiel zur Verdeutlichung sind Erwerbstätigkeiten im Pflege- und Erziehungsbereich. In diesen Bereichen arbeiten mehrheitlich Frauen*, Führungspositionen sind allerdings öfter männlich besetzt. Die Bezahlung ist in diesem Sektor geringer als in den meisten anderen, vor allem männlich* geprägten, Sektoren wie Industrie. Die Bezahlung von Frauen* ist selbst bei mehrheitlich von Frauen* ausgeübten Tätigkeiten wieder geringer als die von Männern*.

Was hat die Krise damit zu tun?

Auf den ersten Blick sind die geschlechtsspezifischen Unterschiede in Arbeitsbereichen, Bezahlung und sozialer Absicherung offensichtlich. Während 2011 44% aller erwerbstätigen Frauen* teilzeitbeschäftigt waren, sind es nur 8,9% der Männer* gewesen.1 Zwei von drei geringfügig Beschäftigten sind Frauen*.2 ‚Gerettet‘ wurden während der Krise vor allem männlich besetzte Branchen wie die Automobilindustrie, wobei es auch dort in den untersten Etagen zu massiven Entlassungen bzw. Umstrukturierungen in Kurz- oder Leiharbeit gekommen ist. Weiblich geprägte Arbeitsdomänen wie der Gesundheits- und Bildungsbereich überstehen einzelne Krisen oft besser als andere Bereiche. Eine Investition in diese hat aber auch nicht stattgefunden, obwohl ein großer Bedarf herrscht und dieser Sektor besonders schlecht bezahlt wird.

Besonders in den Aktionen, die nicht gesetzt wurden, ist die patriarchale Verfasstheit besonders ersichtlich. Laut einer Umfrage der Statistik Austria sind 7% der Frauen von Armut betroffen, 13% sind armutsgefährdet. Dies betrifft vor allem Migrantinnen* und Alleinerziehende.3 Eine höhere Vermögens- und Einkommensbesteuerung könnte Frauen* dienen, da diese öfter unter der Armutsgrenze leben als Männer. Dafür müsste allerdings das Sozialsystem ausgebaut, nicht beschnitten werden. Ein häufiger Trugschluss, bei der Analyse dieser Daten, ist, dass sich Frauen komplett in den kapitalistischen Produktionsprozess einordnen sollten – und sich dieses Problem somit auflösen würde. Dabei wird übersehen, dass es sich hierbei um ein strukturelles Problem handelt.

Eine tiefergehende Beschäftigung mit den Entwicklungen der Krise zeigt, dass es zwischen Arbeitslosenquoten von Frauen* und Männern* nur geringfügige Schwankungen in beide Richtungen gibt. Sie pendeln sich in beiden Kategorien etwa bei 9% ein. Die Arbeitslosenquoten der letzten zehn Jahre zeigen keine eindeutige geschlechtliche Zuweisung.4

Die niedrigere Bezahlung von Frauen*, und damit ihre Erwerbstätigkeit, scheinen eine stabilisierende Wirkung auf den Kapitalismus zu haben. Und dieser wirkt wiederum stützend für das patriarchale Geschlechterverhältnis: indem geschlechterspezifische Unterschiede als vermeintliche Qualifikationen konstruiert und kapitalistisch verwertet werden. Sei es die ‚natürliche‘ Fürsorgebereitschaft in der Pflege oder die angesprochene Teamfähigkeit im Management-Bereich. Je höher der soziale Status, desto stärker findet eine Annäherung im Anteil an Produktions- und Reproduktionsarbeit zwischen Männern* und Frauen* statt. Sei es durch staatliche Interventionen wie Elternteilzeit und Papamonat oder einen oberflächlichen Feminismus. Eine scheinbare Emanzipation im Arbeitsbereich funktioniert aber nur auf Kosten der Ausbeutung anderer! Die Reproduktionsarbeit der Frauen* und Männer* mit höherem sozialen Status wird mehrheitlich an Frauen* mit Migrationshintergrund und niedrigerem Status ausgelagert, während diese ihre Reproduktionsarbeit weiterhin unsichtbar und unbezahlt -leisten (müssen).

 

Was tun?

Seit Beginn der Krise findet eine stärkere Auseinandersetzung mit alternativen Modellen zum Kapitalismus – besonders in seiner neoliberalen Ausprägung – statt. So bietet z. B. Frigga Haug mit der dialektischen Forderung „Teilzeit für alle“, also einer radikalen Arbeitszeitverkürzung, zwar keine Lösung, aber einen Ansatz, der zumindest nicht die Vollzeiterwerbstätigkeit aller Menschen als emanzipatorische Handlung propagiert, oder bei realitätsferner Theoriearbeit verharrt.

Aus ihrer Vier-in-einem-Perspektive (Arbeit, Reproduktion, Kultur, Politik) bietet die radikale Arbeitszeitverkürzung eine Möglichkeit Raum zu schaffen für die kulturelle und politische Emanzipation aller Menschen. Diese sollen nach der Tätigung gesellschaftlich notwendiger Arbeit Zeit und Kraft für Weiterbildung und politischen Aktivismus finden.5

Das ändert nichts daran, dass die vorherrschenden Geschlechterverhältnisse dem Kapitalismus inhärent sind und umgekehrt. Eine ausreichend weite Kritik des Arbeitsbegriffs, besonders in Zusammenhang mit Lohnarbeit findet nicht statt, ebenso wenig hat der Ansatz systemüberwindenden Charakter. Diese These überwindet nicht den ‚Wert‘ und seine Abspaltung, und führt im Gegenteil zur Zementierung von Geschlechterverhältnissen, auch bei verkürzter Arbeitszeit.

Aber die Arbeitszeitverkürzung könnte dem Trend der Ausbeutung anderer auf Kosten der eigenen individuellen Emanzipation entgegensteuern, die mit der Auslagerung der Reproduktionsarbeit stattfindet. Und sie bietet das Potenzial zur Weiterentwicklung von praktischen Ansätzen nicht nur in Arbeitskämpfen, sondern allgemein im politischen Aktivismus.

„Es genügt nicht, weltweit oder regional die Hälfte vom schimmligen Kuchen zu fordern. Wir werden einen anderen Kuchen backen müssen und wir werden neu darüber nachdenken müssen, mit wem, für wen und unter welchen Arbeitsbedingungen und mit welchen Ressourcen und Energien wir backen wollen.“ (Gisela Notz)6

 

Zur Ergänzung siehe: „Love and care“

 

Anmerkungen:

http://www.statistik.at/web_de/statistiken/arbeitsmarkt/arbeitszeit/teilzeitarbeit_teilzeitquote/index.html
2 http://derstandard.at/1325485533207/Nahezu-verdoppelt-Immer-mehr-Frauen-geringfuegig-beschaeftigt
3 EU SILC 2008
http://www.statistik.at/web_de/statistiken/arbeitsmarkt/arbeitslose_arbeitssuchende/arbeitslose_internationale_definition/index.html
5 Haug, Frigga: Die Vier-in-einem-Perspektive. Politik von Frauen für eine neue Linke, Argument Verlag
6 http://www.leibi.de/takaoe/89_07.htm

Empfehlung:

www.heinzjuergenvoss.de/