Fremdenfeindlichkeit und Kapitalismus

Vor knapp 30 Jahren zog der Begriff Islamophobie von Teheran in die Welt hinaus, um nach der Jahrtausendwende Universitäts-Seminare und linke Diskussionen im Sturm zu erobern. Französische Marxisten und Marxistinnen wie Étienne Balibar leisteten mit ihrer Theorie vom „Rassismus ohne Rassen“ die Vorarbeit dazu; die Terroranschläge des 11. September und die Hetze der FPÖ gegen die Muslime in Österreich ab 2006 besorgten den Rest.

Dem Islamphobie-Ansatz zufolge hetzt eine kriegstreibende Allianz, die von den Antideutschen bis zur extremen Rechten reicht, gegen Muslime und den Islam, um ihr neoliberales Programm zu realisieren.1 Dass die extreme Rechte einen Ethnopluralismus vertritt, der die Muslime und Muslima aus Europa ausweisen will, ihren Kampf im Nahen Osten gegen den US-Imperialismus aber mit Wohlwollen verfolgt, passt nicht in die Theorie, genau so wenig wie das Bündnis der ungarischen Jobbik mit dem iranischen Regime.

Das Erklärungsmodell der Islamophobie steht damit in der linken Tradition der Beschäftigung mit dem Rassismus. Auch sie wird als Spaltungsinstrument der herrschenden Klasse oder der neoliberalen Clique verstanden. Gänzlich übersehen wird dabei der strukturelle Zusammenhang von Kapitalismus und Fremdenfeindlichkeit. Dieses Fehlen einer tiefergehenden Analyse ist der Grund für die Popularität dieser Theorie in gleichsam universitären wie linksliberalen Kreisen.

Bürgerliche Ökonomie

Doch genau diesen Zusammenhang gilt es nachzuzeichnen, denn wie konnte in einer Gesellschaft, die sich doch einmal Gleichheit auf die Fahnen geschrieben hatte, Fremdenfeindlichkeit entstehen? Dazu müssen wir uns die bürgerliche Ökonomie genauer ansehen. Die bürgerlichen Ideale der Freiheit und Gleichheit entstammen der Zirkulationssphäre und scheinen dort auf. Dem steht jedoch die Ungleichheit in der Produktion gegenüber.2 Der Kolonialismus entsteht, bedingt nun die Möglichkeit der Fremdenfeindlichkeit und daraus folgend des Rassismus. Gesellschaften, die von den europäischen Kolonisatoren und Kolonisatorinnen erobert wurden, waren sowohl von der Kultur als auch vom Stande der Produktivkräfte von Europa verschieden. In den Kolonien war es aufgrund der rückständigen Produktivkraftentwicklung notwendig, auf Ausweitung und Extensivierung der Mehrarbeit zu setzen. Um also für den Weltmarkt konkurrenzfähige Waren zu produzieren, waren die Kolonisierten ständig dazu gezwungen, die Ware Arbeitskraft unter ihrem Wert zu verkaufen, was sie dann selbst in der Sphäre der Zirkulation zu Ungleichen oder ‚Minderwertigen‘ machte.3 In einer Gesellschaft, in der Menschen davon ausgehen, dass die Gesetze ihrer Wirtschaftsform aus der menschlichen Natur entspringen, kann die Unterschiedlichkeit der Menschen in verschiedenen Weltregionen auch nur aus deren Natur abgeleitet werden. Die Vorstellung der ‚Rasse‘ trat erst nachträglich hinzu und legitimierte die Vorstellungen der kulturellen Differenz in Zeiten, in denen Rassentheorien in der Wissenschaft fast unhinterfragt vertreten wurden. Nach 1945 war der Rassebegriff diskreditiert, doch die Leerstelle wurde durch die Begriffe ‚Identität‘ und ‚Kultur‘ gefüllt.

Das Versagen des Antirassismus

Dieser Schein der natürlichen Ungleichheit der Menschen wäre wie folgt aufzulösen: Die verschiedenen Gruppen von Menschen ha-
ben aufgrund regional verschiedener Natureinflüsse eine unterschiedliche gesellschaftliche Entwicklung durchlaufen. Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte des Stoffwechselprozesses mit der Natur, darin formt der Mensch durch Arbeit nicht nur die Natur um, sondern dieser Prozess formt auch ihn und seine Gedanken. Dies beeinflusst dann wiederum die Art, wie er sich vergesellschaftet. Diese teilweise isolierte Entwicklung von Gesellschaften kam aber mit der Etablierung des Weltmarktes, spätestens im 19. Jahrhundert, an sein Ende. Karl Marx beschrieb dies in seinem wohl bekanntesten Werk Manifest der Kommunistischen Partei folgendermaßen: „Die nationale Absonderung und Gegensätze der Völker verschwinden mehr und mehr schon mit der Entwicklung der Bourgeoisie, mit der Handelsfreiheit, dem Weltmarkt, der Gleichförmigkeit der industriellen Produktion und der ihr entsprechenden Lebensweise.“ 4 Von Marx keinesfalls als Kritik an der Gleichmacherei des Liberalismus beabsichtigt, war er davon überzeugt, dass das Proletariat die Gegensätze weiter vermindern könnte. Die ‚eine‘ Menschheit sollte realisiert werden. Im heutigen Antirassismus hofft man dagegen nicht mehr auf diesen Universalismus, sondern erkennt in ihm den zu bekämpfenden Rassismus.

Die kulturelle Eigenart der ‚Völker‘, die in Folge von geschichtlichen Zufälligkeiten und der Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur entstand, wird unabhängig von deren Inhalt gegen jeden Universalismus verteidigt. Alain -Finkielkraut zufolge versucht der heutige Antirassismus deshalb, den Rassismus durch ein Denksystem zu bekämpfen, durch das er sich historisch etablierte: „Wie die alten Lobsänger der Rasse halten die gegenwärtigen Fanatiker der kulturellen Identität den einzelnen im Gewahrsam seiner Zugehörigkeit. Wie jene setzen diese die Unterschiede absolut und zerstören im Namen der Mannigfaltigkeit der einzelnen Kausalität jede den Menschen gemeinsame Natur oder Kultur.“ 5

 

Anmerkungen:

1 Vgl. http://www.jungewelt.de/2012/05-12/001.php, Zugriff 6.6.2012

2 Vgl. Stephan Grigat: Fetisch und Freiheit. Freiburg 2007, S. 307

3 Vgl. ebd., S. 307-308

4 Karl Marx: Manifest der Kommunistischen Partei. Stuttgart 2005, S. 40

5 Vgl. Alain Finkielkraut: Die Niederlage des Denkens, Hamburg 1989, S. 85