Blechas Algerien

Vor 50 Jahren erlangte Algerien die Unabhängigkeit von Frankreich. Prominente österreichische Sozialdemokraten waren aktiv daran beteiligt.

Vor 50 Jahren wurde das Abkommen von Évian unterzeichnet. Frankreich und die algerische Front de Libération National (FLN) beendeten damit den achtjährigen Kolonial- und Unabhängigkeitskrieg, dem über 150.000 Algerier und Algerierinnen und etwa 25.000 Franzosen und Französinnen zum Opfer gefallen waren. Dem Waffenstillstand von Évian folgte im Juli 1962 die formale Unabhängigkeitserklärung Algeriens. Der keineswegs nur von französischer Seite mit extremer Grausamkeit geführte algerische Unabhängigkeitskrieg war in den 1950er- und 1960er-Jahren ein zentraler Bezugspunkt für die europäische Linke. Die Erfahrungen der FLN wurden von Generationen von Linken studiert; die Methoden aus der ‚Schlacht um Algier‘ fanden international Eingang in die Handbücher der counterinsurgency; und Frantz Fanons Die Verdammten dieser Erde avancierte zum Klassiker.

Der Historiker Marcel van der Linden hat darauf hingewiesen, dass die europäische Solidaritätsbewegung mit der FLN der erste Versuch war, „die Möglichkeiten und Grenzen der politischen Kooperation von Linken und Muslimen auszuloten.“ Maßgeblich daran beteiligt waren Mitglieder der SPÖ. Schon in der Nachkriegszeit war in Österreich eine Fluchthilfeorganisation für oftmals noch jugendliche Fremdenlegionäre entstanden, die sich an den französischen Kolonialkriegen nicht mehr beteiligen wollten. Daraus entstand in den 1950er-Jahren eine Gruppe, die nicht nur publizistisch in die Diskussion über Algerien intervenierte, sondern mit Spendensammlungen, Botendiensten, Solidaritätsreisen und einem Deserteurshilfswerk für Soldaten der französischen Armee praktische Unterstützung für die FLN organisierte. Mit Erwin Lanc und Karl Blecha waren spätere Außen- und Innenminister der sozialdemokratischen Reformregierungen der 1970er- und 1980er-Jahre unmittelbar in die oftmals am Rande der Legalität angesiedelten Aktionen involviert. Mit Bruno Kreisky und Rudolf Kirchschläger unterstützten der spätere Kanzler und der spätere Bundespräsident die Hilfe für die FLN.

Nazis & die FLN

Der rechte Flügel der SPÖ agitierte gegen eine blinde Unterstützung des islamisch geprägten Panarabismus und verwies auf die historische Kooperation dieser Kräfte mit dem Nationalsozialismus, die sich in Form von Waffenlieferungen ehemaliger SS-Führer an die FLN bis in die Gegenwart fortsetze. Der Historiker Fritz Keller beschreibt in seiner Studie Gelebter Internationalismus die Begeisterung ehemaliger Nazis für die gegen Frankreich gerichtete Politik der FLN und zitiert einen linken Algerienreisenden des Jahres 1964, der seine Eindrücke lapidar so zusammenfasste: „Für den Sozialismus sind hier alle. Für Hitler auch.“ Am Beginn der Algeriensolidarität in Österreich stand die Kooperation mit der Jami’at al Islam, deren Hauptaufgabe darin bestand, sich für die 3.000 islamischen Nazikollaborateure aus Zentralasien und dem Balkan einzusetzen, die sich in Österreich aufhielten. Zentrale Figur der Jami’at al Islam und Mittelsmann zu den linken Algerienaktivisten war Smail Balic, der während des Zweiten Weltkriegs pronazistische Schriften veröffentlicht und die Bestrebungen von Amin al-Husseini, dem wüst antisemitischen Mufti von Jerusalem, bei der Aufstellung bosnischer SS-Divisionen unterstützt hatte.

„Trägerrakete des Antiimperialismus“

Während in der BRD schon während des Unabhängigkeitskrieges militärische Exzesse des Antikolonialismus und grausame Bestrafungsaktionen in den Reihen der FLN zumindest thematisiert wurden, fand Vergleichbares in Österreich kaum statt. In Frankreich setzte sich Claude Lanzmann, der Regisseur von Shoah und langjähriger Herausgeber der von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir gegründeten Zeitschrift Les Temps Modernes, anfänglich leidenschaftlich für die algerische Unabhängigkeit ein, beteiligte sich an Protesten gegen die Massaker der französischen Kolonialmacht und traf die Führer der FLN, stellte aber recht bald ernüchtert fest: „Ich hatte geglaubt, man könnte gleichzeitig für die Unabhängigkeit Algeriens und die Existenz des Staates Israel sein. Ich hatte mich getäuscht.“ Chronisten der österreichischen Aktivitäten konstatieren heute eine große Naivität von Blecha & Co, die jede irgendwie nach Sozialismus klingende Verlautbarung der FLN begierig aufgegriffen hätten, während sie sich für die erzreaktionäre Politik des algerischen Antikolonialismus, die rigide gegen Café-Besuche, Missachtung des Ramadan und Alkoholkonsum vorging, kaum interessierten. Von Karl Blecha ist bis heute kein kritisches Wort zur vorbehaltlosen Unterstützung der FLN zu vernehmen. Der ehemalige Innenminister bezieht sich im Vorwort zur erwähnten Studie von Keller auf Otto Bauer, der verkündet hatte, die „antikolonialistische Revolution“ würde „durch ihren unausbleiblichen Erfolg vor allem die Bewegung der demokratischen Sozialisten stärken – und das weltweit.“ Blecha, der Ausbildungslager des militärischen Flügels der FLN besucht hat, scheint das auch heute noch zu glauben. Er bezeichnet die Algerien-Solidarität als „eine Trägerrakete des Antiimperialismus“, behauptet und bedauert aber, dass sie „in Österreich keine nachhaltige Wirkung hatte.“

Dem kann man getrost widersprechen: Kreiskys Hofierung der PLO, als sie noch offen zur Vernichtung Israels aufrief, hat ebenso in der linken Algeriensolidarität der 1950er- und 1960er-Jahre ihre Grundlegung erfahren wie das Verhalten gegenüber dem Iran unter Khomeini, dem genau jener Erwin Lanc als erster westlicher Außenminister 1984 seine Aufwartung machte, der rund 20 Jahre vorher in die Unterstützung der FLN involviert war. Diese unkritische Haltung gegenüber islamischen Bewegungen findet ihren Nachhall noch in der Gegenwart, beispielsweise wenn mit Thomas Nowotny Kreiskys ehemaliger Sekretär im Kanzleramt fordert, doch endlich die radikal-islamistische Hamas als Gesprächspartnerin anzuerkennen.