„Auschwitz und Ravensbrück werden immer präsent sein“

Die Kinder von KZ-Häftlingen sind von den Traumata ihrer Eltern geprägt. Die Lagergemeinschaft Ravensbrück/ Freundeskreis e. V. hat zu dieser Thematik das Buch Kinder von KZ-Häftlingen – eine vergessene Generation herausgegeben.

Meine Mutter geriet in Panik, als bei uns daheim einmal ein Sonntagsbraten angebrannt war. Der Geruch erinnerte an den Gestank des Krematoriums in Ravensbrück“, erzählt Rosel Vadehra-Jonas in Erinnerung an ihre Mutter, die als kommunistische Widerstandskämpferin verfolgt und im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück interniert war. Der in Israel geborene Joram Bejarano ist der Sohn von Esther Bejarano, eine der letzten Überlebenden des Mädchenorchesters von Auschwitz. Die traumatischen Erlebnisse seiner Mutter waren Joram lange unbekannt: „Erst als meine Mutter Anfang der 80er Jahre begann, sich darüber öffentlich zu äußern, haben wir dann Details gehört – vorher gar nichts oder nur wenig. Es war schon klar, dass sie im KZ war und dass die Angehörigen ermordet wurden.“ Rosel Vadehra-Jonas und Joram Bejarano sind beide als Kinder von KZ-Häftlingen im damaligen Westdeutschland aufgewachsen.

Lebenslanges Leiden unter dem ‚KZ-Syndrom‘

Dass ihre Eltern anders als die Eltern ihrer KlassenkollegInnen waren, haben sie bereits als Kinderfestgestellt. Denn Rosels und Jorams Eltern waren durch ihre Zeit als Opfer des NS-Terrors im KZ traumatisiert. Nahezu alle ehemaligen KZ-Häftlinge leiden bis an ihr Lebensende an dem ,Überlebenden-Syndrom‘, das in der Psychologie auch als ,Holocaust-Syndrom‘ oder ,KZ-Syndrom‘ bezeichnet wird. Es umfasst einen Komplex von psychischen und körperlichen Spätfolgen auf die Extrembedingungen im Konzentrationslager. Neben den Misshandlungen, den Torturen, der systematischen Folter und dem psychischen Extremstress kamen bei einigen auch die Folgen der an ihnen durchgeführten medizinischen Experimente hinzu. Im zunehmenden Alter kehren bei den ehemaligen KZ-Häftlingen die Erinnerungen wieder zurück. Rosel Vadehra-Jonas war langjährige Vorsitzende der Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis und erinnert sich an die letzten Tage ihrer Mutter: „Es war für mich sehr schmerzlich zu sehen, dass sie auf dem Sterbebett die Verfolgung von Neuem erlebte. Wenige Tage, bevor sie einem Krebsleiden erlag, schrie sie mich unter dem Einfluss von Schmerzmitteln an: ‚Hol die Gestapo, ich unterschreibe das Protokoll!‘“

Ablehnung durch die Nachkriegsgesellschaft

Die KZ-Überlebenden und deren Kinder wurden nach 1945 mit den nationalsozialistischen Kontinuitäten innerhalb von Politik und Gesellschaft konfrontiert. Die Mehrheitsgesellschaft reagierte auf sie ablehnend und ignorant. Jüdische Überlebende litten unter dem nach wie vor grassierenden Antisemitismus der west- und ostdeutschen sowie österreichischen Nachkriegsbevölkerung. Roma und Sinti wurden als Opfer des NS-Regimes jahrzehntelang ignoriert. Eine gezielte intensive psychologische und medizinische Betreuung bekamen die KZ-Überlebenden in den Nachkriegsjahren nicht. „Wie sollten die Eltern das Erlebte ertragen? Es gab keine Psychologen, die sich um sie kümmerten. Also wurde das Erlebte innerhalb der Familie zum allgegenwärtigen Thema. Die gesundheitlichen Folgen für die Eltern wurden immer sichtbarer“, erzählt Josef Pröll, der heute u. a. auch Referent der KZ-Gedenkstätte Dachau ist. In Josef Prölls Familie waren beide Elternteile als politische Häftlinge in verschiedenen Lagern interniert. Der Großvater mütterlicherseits wurde im KZ Dachau ermordet, zwei seiner Onkel kamen ebenso im KZ ums Leben. Er reflektiert darüber: „Das Naziregime hat nicht nur meine Ursprungsfamilie und damit in erster Linie meine Eltern vollkommen verändert. Lange Zeit nach 1945 waren wir ‚KZ-ler‘. Von Behörden wurde Mutter lange wie eine Vorbestrafte behandelt. Wegen ‚Vorbereitung zum Hochverrat‘ war sie im Frauengefängnis Aichach und im KZ Moringen.“

Rückkehr zur Kindheitserinnerung

Von der Mehrheitsgesellschaft unverstanden und im Bewusstsein, dass die Aufarbeitung des Nationalsozialismus nicht gewollt war, gründeten die KZ-Überlebenden nach ihrer Befreiung Zusammenschlüsse wie das Internationale Auschwitz-Komitee oder die Lagergemeinschaft Ravensbrück & FreundInnen.

Die Komitees und Zusammenschlüsse waren und sind für die Überlebenden und ihre Angehörigen ein wichtiger Halt und ein wichtiger Ort des gegenseitigen Verständnisses. Die Slowakin Eva Bäckerova lebte ab 1942 mit ihrer jüdischen Familie im Versteck und wurde 1944 gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer dreijährigen Schwester nach Ravensbrück verschleppt. Der Vater kam im KZ Ebensee ums Leben, die Schwester im KZ Ravensbrück. Eva Bäckerova ist 1993 Mitbegründerin der Organisation The Hidden Child, die vor drei Jahren in eine europäische Assoziation jüdischer Kinder, die den Holocaust überlebten, umgewandelt wurde. Während der Gründungsphase hat sie zum ersten Mal über ihr Überleben gesprochen: „Das Allerwichtigste jedoch war, dass wir nach vielen Jahren in unsere Kindheitserinnerungen zurückkehrten und beginnen konnten, über das zu sprechen, das wir so lange Jahre verborgen hatten, wovon wir nicht sprechen konnten, weil diese Traumata aus der Kindheit – physische und auch psychische – tief in unserem Unterbewusstsein saßen und wir sie von dort nicht hervorholen wollten […] Heute haben die meisten von uns keine Probleme damit, die Ereignisse auszusprechen und über sie zu sprechen, nicht nur untereinander, sondern auch in Gemeinschaft mit Nichtjuden, Gespräche mit Schülern und Studenten in Schulen zu führen, in Funk und Fernsehen aufzutreten. Wir sind offener geworden, freier.“

 

Literatur:

Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis e. V. (Hg.): Kinder von KZ-Häftlingen – eine vergessene Generation. Münster: Unrast 2011.