Das ist der volle Ernst!
Eine Replik auf den Text „Überall nur Opfer“
„Das kleine Ich bin Ich“ hat es sich in der Ausgabe 05/12 der Unique zur Aufgabe gemacht, die Aufruftexte aller Mobilisierungen rund um den 8. Mai einer gründlichen Kritik zu unterziehen. Problematisch daran sind nicht nur einige der inhaltlichen Argumente, sondern auch der Standpunkt, von dem aus der Text geschrieben wurde.
Im Kern besagt der Text Überall nur Opfer, der 8. Mai könne nicht als Tag der Befreiung begangen werden, da er im Gegenteil der Tag der Niederlage ‚der Deutschen‘1 sei. Und genau in dieser These liegt das zentrale Problem der Argumentation. Denn was hier vorgenommen wird, ist eine Homogenisierung ,der Deutschen‘, die weder theoretisch noch empirisch haltbar ist. Es werden eben jene Menschen dadurch unsichtbar gemacht, die Opfer des Nationalsozialismus wurden und ebenso jene, die aus den unterschiedlichsten Gründen Widerstand dagegen geleistet haben. All diese Menschen wurden befreit und sie haben ein gutes Recht, das auch zu feiern. Es geht dabei aber keineswegs darum, zu behaupten, dass am 8. Mai niemand besiegt wurde.
In der Auseinandersetzung um die Bedeutung dieses Datums muss es gerade heute darum gehen, zu bestimmen, wer in welcher Tradition steht und in welcher Position er/sie sich zur heutigen Gesellschaft befindet, die durch die spezifische Geschichte überdeterminiert ist.
Aus einer politisch-strategischen Sichtweise muss das Datum mit einer bestimmten Bedeutung aufgeladen werden. Meines Erachtens ist es hier wichtig, den 8. Mai als Tag der Befreiung zu positionieren, allerdings nicht als Befreiung des ‚ersten Opfers Österreich‘, sondern als Befreiung für alle, die bis heute politische Positionen vertreten, die vor diesem Datum mit massiver Verfolgung verbunden waren und für alle, die aufgrund antisemitischer, rassistischer oder homophober Motive verfolgt wurden.2
Als aktiver Linker kann für den Autor hier kein Zweifel bestehen, dass der 8. Mai eine Befreiung darstellt, insofern sie ihm erlaubt, heute (unter diversen Einschränkungen) politisch aktiv zu sein und in der Zeitschrift der ÖH-Uni Wien mit anderen eine Debatte über strategische Fragen zu führen. Das bedeutet noch lange nicht, zu behaupten, nach 1945 wäre der Nationalsozialismus und seine Ideologie kraft der Befreiung im Nichts verschwunden.
Themenverfehlung?
Ein weiterer Vorwurf, der in dem Text des „kleinen Ich bin Ich“ gegen das Bündnis Offensive gegen Rechts erhoben wird, besteht quasi in der Themenverfehlung durch Überbetonung der FPÖ. Gerade das unterscheidet den Aufruftext von den anderen und macht seinen zentralen politischen Einsatz aus. Für die Offensive gegen Rechts geht es am 8. Mai nicht nur um ein paar Burschis und um Geschichtspolitik, sondern darum, dieses Datum in Bezug zum aktuellen Aufstieg der Rechten in der Krise zu setzen.
Der 8. Mai und noch stärker der WKR-Ball haben die wichtige Stellung deutschnationaler Burschenschaften in der FPÖ als eine offene Flanke gezeigt.
Es ist eben der volle Ernst der Lage, der wir uns stellen müssen. Wir sehen uns mit einer Situation konfrontiert, in der die rechtsextreme FPÖ3 davor steht, nach den nächsten Wahlen stärkste Kraft zu werden. Vor diesem Hintergrund gilt es den ernsthaften Versuch zu unternehmen, diesem Aufstieg etwas entgegenzusetzen und hier müsste die Debatte ansetzen.









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