Frauenidentifizierte Frauen oder keine Frauen?
Lesbische Selbstverständnisse in den 1970ern
Während es heutzutage in (queer-)feministischen Debatten rund um Heteronormativitätskritik vor allem um die so genannte Dekonstruktion von Geschlecht und Identitätszwang geht, sahen die lesbenpolitischen Aktivitäten der 2. Frauenbewegung Mitte der 1970er- bis Beginn der 1980er-Jahre anders aus. Nicht die Dekonstruktion, sondern vor allem das Sichtbarmachen der eigenen weiblichen Homosexualität sowie der hegemonialen „Zwangsheterosexualität“ standen anfangs im Vordergrund der Debatten, was auch die Bildung einer (feministischen) Lesbenidentität forcierte.
Die Entstehung der politischen Lesbenbewegung
Da sich gezeigt hatte, dass das gemeinsame „Wir“ der Frauenbewegung von vielen lesbischen Protagonistinnen nicht mitgetragen werden konnte, bildete sich nach und nach eine Lesbenbewegung. Aber auch in der Lesbenbewegung wurden Differenzen betont und Mehrfachidentitäten festge-stellt. Diese Differenzierungen hatten somit zwar einerseits ein zunehmend verstärktes Bewusstsein für andere gesellschaftliche Diskriminierungsfaktoren mit sich gebracht, andererseits hatte diese Entwicklung nach der Loslösung der Lesbenbewegung von der männlich dominierten Schwulenbewegung, sowie der heteradominierten Frauenbewegung, auch Konfliktpotential innerhalb lesbischer politischer Zusammenhänge zur Folge. Die Bezeichnung „Lesbe“ wurde zunehmend zur politischen Kategorie, deren zentrale Diskussionsthemen sich teilweise bis heute um die Unsichtbarkeit von Lesben, Fragen rund um den Lesben-Hetera-Konflikt, die unterschiedlichen Separatis-musformen sowie die Avantgardefrage dreh(t)en. In den USA verabschiedete sich die lesbisch-feministische Bewegung bereits in den 1970ern von dem Begriff „gay“ und adaptierte indessen Bezeichnungen wie „lesbian“ und „dyke“. Im deutschsprachigen Bereich hingegen wurden am Beginn der 70er Begriffe wie „homosexuelle Frauen“ oder „schwule Frauen“ zur Selbstbezeichnung herange-zogen, vereinzelt nannten sich manche bereits lesbische Frauen. In den 80ern führten Ausdiffe-renzierungen sowie die anhaltenden Debatten rund um Rassismus, Antisemitismus, Behindertenfeindlichkeit und Gewalt in den eigenen Reihen zur Herausbildung sogenannter Bindestrich- bzw. Mehrfachidentitäten. (Selbst-)Bezeichnungen wie schwarze Lesbe, jüdische Lesbe, Proll-Lesbe, Krüppel-Lesbe mit sich brachten. Aber auch entlang politischer Diffe-renzen kam es zu Bezeichnungen wie Polit-Lesbe, Anti-Imp(erialismus)-Lesbe oder in Hinblick auf Vorlieben entstanden die SM-Lesbe, Land-Lesbe oder Spiri-Lesbe.
Lesbische Selbstverständnisse
Gleichzeitig wurden auch Konzepte diskutiert, die lesbische Identitäts- und Selbstverständnisse abseits von heteronormativen Kategorien ermöglichen sollten. Die US-amerikanische Gruppe „Radicalesbians“ geht in ihrem Selbstverständnis des Lesbisch-Seins von dem Konzept „Frauenidentifizierte Frauen“ aus, das in den 1970ern auch im deutschsprachigen Raum großen Anklang fand. Sich mit Frauen zu identifizieren stand als Abgrenzung auch durchaus in einem Zusammenhang mit der anfänglich betriebenen Identifikation mit männlichen Homosexuellen. Gleichzeitig bedeutet es auch, dass Sexualität nicht auf Triebe oder Naturkonzepte zurückgeführt wurde, sondern auf die eigene Entscheidung bzw. das soziale Handeln.
Monique Wittig wiederum nahm den Satz auf, dass Lesben keine richtigen Frauen wären, indem sie meinte, „,woman‘ has meaning only in heterosexual systems of thought and heterosexual economic systems. Lesbians are not women.“ Wittig kritisierte folglich Heterosexualität als ein politisches System, dem sich Lesben verweigern müssten. Auch den Mythos Frau verwirft sie, da er ohnehin nur in heterosexuellen Denk- und Ökonomiestrukturen Sinn mache, weil die Kategorie „Frau“ eben nur in Relation zum Mann exis-tiere. Im Lesbianismus erkennt sie eine Form der Verweigerung. Ein weiteres Selbstverständnis von Lesbisch-Sein machte der in Jill Johnstons „Lesbian Nation“ entwickelte Ansatz, „alle Frauen sind Lesben, bis auf die, die es noch nicht wissen“, aus. Diesem Verständnis zufolge kann jede Frau eine Lesbe sein, und Lesbisch-Sein stellte vielmehr eine Identität dar, die Frauen frei wählen konnten. Gleichzeitig wurde Lesbisch-Sein auch als eine Widerstandsform gegen das Patriarchat betrachtet. In diesem Sinne meinte Johnston auch: „Bis alle Frauen Lesbierinnen sind, wird es keine wirkliche politische Revolution geben.“ Anfang der 1980er entwickelte Adrienne Rich das Konzept des „Lesbischen Kontinuums“, in welchem sie davon ausging, dass weibliche Homosexualität das „Brechen eines Tabus“ und die „Ablehnung einer erzwungenen Lebensweise“, der Zwangsheterosexualität, sowie der „Widerstand gegen die Versklavung der Frau“ wäre. Wenngleich die Frage nach den Wurzeln der „Frauenversklavung“ durch Männer unbeantwortet bleibt, sollen diese Herangehensweisen eine Identitätsfindung und Subjektwerdung für Frauen ermöglichen.
So zeigt sich in den unterschiedlichen lesbischen Selbstverständnissen der 1970er und 80er, dass der Infragestellung von Zwangsheterosexualität nicht nur eine bedeutende Rolle zukam und die Befreiung aus ebendiesen Strukturen angestrebt wurde, sondern auch, dass die skizzierten Diskussionen auch wichtige Vorarbeit für die Auseinandersetzungen mit Heteronormativität heute leisteten.









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