Out and Proud in India

Stell dir vor, es ist Regenbogenparade und keiner geht hin. Aus Angst vor Festnahmen und den drohenden zehn Jahren Gefängnisstrafe verstecken sich Millionen homosexueller Inder_innen in heterosexuellen Beziehungskonstrukten. Das diesbezügliche Gesetz Section 377 wird derzeit am Supreme Court in Dehli ausjudiziert. Anhand von drei Stationen soll die Situation der LGBT1-Community in Indien geschildert werden.

I’m homosexual! – That’s ok! So und so ähnlich lauten die Rufe, die von Schwulen, Lesben und Transgender auf der Pride in Mumbai gerufen werden. Nach einer mühsamen Fahrt treffen wir am Nachmittag des 28. Jänner 2012 beim Kranti Maidan (Treffpunkt) ein. Dort präsentieren bereits hunderte von Menschen sich und ihre Plakate und verteilen Miniregenbogenfahnen. Von der Bühne aus feuern Organisator_innen sowie Vertreter_innen der über 30 unterstützenden Gruppen die Community an. Bevor wir gemeinsam hinter der überdimensionalen Fahne losmarschieren, werden die Regeln erklärt: Wir wollen sichtbar sein, aber nicht provozieren! Das heißt, auf dem vorgesehenen Fahrstreifen bleiben, zügig marschieren und keinen Müll hinterlassen. Die für die Pride eigens abgestellten Polizisten2 achten gemeinsam mit den Organisator_innen darauf, dass diese Regeln eingehalten werden und winken den Verkehr auf dem zweiten Fahrstreifen vorbei. Auf den Gehsteigen versammeln sich zahlreiche Schaulustige sowie Unterstützer_innen. Beim Chowatty Beach angekommen zerstreut sich die Community am Strand, um für die Afterpride-Party am Abend aufzutanken. In einem Gespräch mit einer der Mitarbeiterinnen von LABIA3- erfahre ich, dass die Pride in den letzten Jahren zunehmend kommerziell und entpolitisiert wird. Dennoch sind alle glücklich mit dem friedvollen Verlauf und feiern ausgelassen bis zur Sperrstunde.

Supreme Court in Dehli

Der 2. Juli 2009 ist ein historischer Tag. Section 377 wurde abgeschafft. Privater Geschlechtsverkehr zwischen gleichgeschlechtlichen Erwachsenen ist in der Region Dehli nicht mehr strafbar. Ob dies auch für das restliche Indien gilt, wird aktuell am Supreme Court in Dehli verhandelt. Problematisch dabei ist, dass Section 377 auch der einzige Paragraph ist, welcher biologisch männliche Kinder und Jugendliche vor Missbrauch schützt. Daher hat sich in der Diskussion ein intersektionaler Zugang bewährt, bei dem die unterschiedlichen Rechte berücksichtigt werden. Durch die 2009 getroffene Entscheidung entwickelte sich Homosexualität vom Tabu zu einem viel diskutierten öffentlichen Thema, zu dem jede_r eine Meinung zu haben scheint. Die Abschaffung dieses Paragraphen ist für viele Aktivist_innen eine Bestätigung des jahrelangen Kampfes um gleiche Rechte. Dennoch werden mit der Abschaffung neue Fragen aufgeworfen, da mittels Arbeitsrecht und Familiengesetz Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung weiterhin diskriminiert werden.

Pune – like a Bird against the wind4

In den Großstädten sowie in den Medien erfreut sich Homosexualität zunehmender Akzeptanz. Viele Bars haben mittlerweile LGBT-Parties und Bollywoodfilme enthalten bereits homosexuelle Akteure sowie Liebesgeschichten. Der Alltag sieht allerdings anders aus. Viele Personen befinden sich in arrangierten Ehen und wagen es nicht, sich zu outen. Da an das Konzept der monogamen heterosexuellen Familie viele Sicherheiten geknüpft sind, ist es auch für viele bereits geoutete Personen schwer, eine Alternative zu leben. Homosexualität wird zum Phänomen der Reichen, denn es benötigt finanzielle Unabhängigkeit, um auch ohne Familie überleben zu können. Häufig wird auf Drängen der Familie dennoch in eine heterosexuelle Ehe eingewilligt. Ob Homosexualität auch jenseits der urbanen Zentren an Akzeptanz gewinnt, hängt stark von der Entscheidung in Dehli ab. Dass mittlerweile auch in kleineren Städten wie zum Beispiel Pune im Dezember 2011 eine erste Pride veranstaltet wurde, lässt zumindest die engagierte Community vor Ort auf eine bessere Zukunft hoffen.

 

Anmerkungen:

1 Lesbian/Gay/Bisexual/Transgender

2 ausschließlich Männer

3 Lesbians and Bisexuals in Action – A queer feminist collective

4 „BOAF – Birds of a feather“ ist eine der bekanntesten Supportgruppen, die zahlreiche Events veranstalten.

 

Quellen:

http://queerazaadi.wordpress.com/

http://www.indianjpsychiatry.org/article.asp?issn=0019-5545;year=2012;volume=54;issue=1;spage=69;epage=72;aulast=Kalra;type=0

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/19962634

http://www.iias.nl/iiasn/29/IIASNL29_10_Vanita.pdf

http://journals.cambridge.org/action/displayFulltexttype=1&fid=2177788&jid=SPS&volumeId=7&issueId=04&aid=2177780