Regressives Kraxeln
Eine kleine Polemik über das Klettern und was die Popularität des Trendsports mit der Verfasstheit des spätkapitalistischen Subjekts zu tun hat.
Die so plötzlich hereinbrechenden Ferien lösen oft erst einmal eine gewisse Leere und Desorientiertheit bei den Studierenden aus, und- werfen die Frage auf, was nun mit der vielen Freizeit anzufangen sei. Glücklicherweise gibt es allerlei produktive Freizeitbeschäftigungen, die der Gefahr vorbeugen, möglicherweise über die gesellschaftlichen Verhältnisse zu reflektieren und sich der eigenen Ohnmacht gewahr zu werden. Sehr empfehlenswert ist beispielsweise der neue Trendsport Klettern, der gerade im Studierendenmilieu einen besonderen Zulauf
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Der Kletterboom
Waren früher die verschiedensten Formen des Alpinismus eine eher wenig beachtete und oftmals belächelte Tätigkeit für besonders Waghalsige, boomt seit den 1980er-Jahren vor allem der Bereich des Sportkletterns. Zu dessen neuer Popularität haben wohl verschiedene, teils auch eher banale Gründe, beigetragen. So haben einige Innovationen im Materialbereich das Klettern ein gutes Stück sicherer gemacht als noch vor 30 Jahren. Ebenso erkannten diverse Sportmarken, dass sich ihre Produkte besser verkaufen, wenn sie in Verbindung mit einer spezifischen Sportart vermarktet werden. Glänzende Bilder von muskulösen, schroffe Felswände emporklimmenden Männern und Frauen prägen nun die Werbekataloge von Eybl, Sports Experts und Hervis und Sportmarken wie Mammut, The North Face oder auch Jack Wolfskin werben für spezielle Kletterkleidung und -ausrüstung.
Die meisten dieser Markenprodukte sind zwar sündhaft teuer, aber das Image der Sportlichkeit, Abenteuerlust und Naturverbundenheit kann eins sich schon mal etwas kosten lassen. Immerhin ist der finanzielle Erstaufwand, um in den Klettersport einzusteigen, nicht mehr allzu groß. Eine Jede kann heutzutage ein Paar viel zu enge, unbequeme Schuhe kaufen und in einer der wie Pilze aus dem Stadtbild sprießenden Kletterhallen die ersten Versuche an der Wand wagen.
Reproduzierbare Leistung
Während nach Unfällen im extremen Alpinismus sofort das menschenfeindliche Ressentiments auftaucht, die Verunglückten seien ‚selbst schuld‘, schließlich hätte sie niemand zu dieser sinnlosen und gefährlichen Tätigkeit gezwungen, zeigen die Bemühungen diverser nationaler Kletterverbände, die Anerkennung des Kletterns als Olympische Disziplin durchzusetzen, dass der Sport endgültig in der Moderne angekommen ist.
Die mit der Kommerzialisierung des Kletterns einhergehenden aufkommenden Wettkämpfe verlangen die Normierung des Sports. So wird die eigentlich kreative und individuelle Tätigkeit auf vergleichbare Leistung reduziert. Im Konkurrenzdenken spiegelt sich der gesellschaftliche Zwang zur Identität unter kapitalistischen Produktionsbedingungen.
Die Sehnsucht nach der -Unmittelbarkeit
Doch auch wenn es einen Großteil der KletterInnen nur selten aus der Stadt hinaus in die Natur oder gar ins Hochgebirge verschlägt, ist es wohl nicht der Reiz, in engen, stickigen Räumen mit anderen Menschen darum zu konkurrieren, sich an rutschigen und verschwitzten Griffen eine Wand hinauf- oder entlangzuhanteln, der das Klettern so populär macht. Die in den Werbekatalogen und dem Alpenvereinsmagazin verbreiteten Bilder werben nicht nur mit einer gehörigen Portion Zivilisationsfeindlichkeit und dem Versprechen auf ein Erlebnis in der grünen Natur, sondern vermitteln auch Abenteuerlust und das Meistern gefahrvoller Situationen. Wer es tatsächlich einmal hinaus oder hinauf geschafft hat, weiß: Es ist die Notwendigkeit, sich für einen Augenblick ganz auf den eigenen Körper und auf die Situation zu konzentrieren, die die Unmittelbarkeit des Moments ausmacht. Die ganz reale Gefahr bietet neben dem Adrenalinkick auch die Möglichkeit zur Erfahrung, die den warenförmigen Subjekten in der spätkapitalistischen Gesellschaft so verstellt ist.
Vermarktung des Selbst
Doch anstatt Marx zu lesen, im kritischen Dialog mit anderen zu versuchen, die Komplexität der Vergesellschaftung zu durchdringen, oder sich wenigstens im Rausch der Ekstase hinzugeben, suchen die freizeitbeschäftigten Subjekte die Erfahrung in der Bezwingung der äußeren und inneren Natur. Die erfahrene Unmittelbarkeit ist gleichzeitig auch die perfekte seelische und körperliche Reproduktion des Subjekts für den kapitalistischen Verwertungsprozess. Wer dem Elend des Alltags durch ein paar Augenblicke gefahrvoller Selbstbesinnung für kurze Zeit entrinnt, kann es später auch wieder besser ertragen. Gleichzeitig wird auch der Körper fit und gesund gehalten, denn Bewegung ist schließlich ein guter Ausgleich zum Alltagsstress. Und da eins auch auf die Sicherungspartnerin angewiesen ist, ist Klettern nicht nur ein Sport für EinzelkämpferInnen und übt letztendlich alle Fähigkeiten der modernen Topmanagerin: in gefahrvollen Situationen einen ruhigen Kopf bewahren, Teamfähigkeit und Durchhaltevermögen. So gesehen ist Klettern Ausdruck der Selbstzurichtung des Subjekts zur Steigerung seiner Leistungsfähigkeit und somit des Werts am Arbeitsmarkt – was uns KletterInnen freilich nicht daran hindern sollte, es zu genießen. Schließlich liegt gerade in den Widersprüchen der Gesellschaft die Möglichkeit, das Ganze als Falsches zu erkennen. In diesem Sinne wünsche ich schöne Ferien!









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