Reinventing Laura Jane Grace

Tom Gabel ist jetzt Laura Jane Grace und Against Me! sind immer noch eine der wichtigsten Punkbands überhaupt – jetzt mehr denn je.

Against Me! aus Gainesville in Florida gehören definitiv zu der Kategorie Bands, die schon so viele Konzerte auf dem Buckel haben, dass sich mittlerweile wohl Routine eingeschlichen haben dürfte. Doch als sie am 25. Mai dieses Jahres in San Diego die riesige Open-Air-Bühne erklommen, auf der sie als Vorband für The Cult auftraten, muss es dennoch etwas ganz Besonderes gewesen sein –  denn es war die erste Show der Band, bei der nicht mehr Tom Gabel, sondern Laura Jane Grace am Mikrofon stand.

Coming-out im Rolling Stone

Keine zwei Wochen zuvor hatte Gabel in einem Interview mit dem amerikanischen Musikmagazin Rolling Stone erklärt, er fühle sich schon lange als Frau und wolle in Zukunft als eine leben.- Er oder besser gesagt sie habe bereits mit der Einnahme von Hormonen begonnen und wolle in Zukunft den Namen Laura Jane Grace tragen. Ihre Ehefrau Heather unterstütze diesen Schritt und die beiden wollen weiterhin zusammenbleiben.

Die Nachricht schlug in der Welt der Punk- und Rockmusik ein wie eine Bombe. Dabei hatte es durchaus Anzeichen für diesen Schritt gegeben. Bereits 2007 hieß es in dem Song The Ocean: „[…] if I could have chosen I would have been born a woman“. Als die Band eben jenen Song in San Diego spielte, brach die Menge Augenzeug_innenberichten zufolge spontan in Jubel aus. So zeigte Grace sich nach dem Auftritt auch sichtlich gelöst und erfreut darüber, dass ihr Schritt offenbar auf breite Akzeptanz stößt. Das war nicht unbedingt zu erwarten. Immerhin ist ein Coming-out als trans* auch heute noch mit der Gefahr der Zurückweisung oder gar Schlimmerem verbunden, da Trans*phobie nach wie vor zu den am weitesten verbreiteten Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit gehört. Umso erfreulicher ist daher die Welle der Solidarität und Unterstützung, die Grace jetzt entgegenkommt. Mike Shinoda von Linkin Park äußerte öffentlich seine Unterstützung, ebenso wie Brian Fallon von The Gaslight Anthem oder der Profiwrestler CM Punk.

Du bist nicht alleine!

Laura Jane Grace ist jedoch nicht die erste prominente Musiker_in, die diesen Schritt gewagt hat. Das bekannteste Beispiel neben Grace ist wohl Mina Caputo, die früher unter dem Namen Keith Caputo bei der Alternative-Rock-Band Life of Agony sang und später eine Solokarriere startete. Der_die kanadische Country-Musiker_in Rae Spoon dagegen erklärte im vergangenen Jahr, nach zehn Jahren als female-to-male Trans*person, sich nicht mehr als „he“, sondern als „they“ zu bezeichnen, um dem eigenen Nicht-Identifizieren mit beiden Geschlechtern Ausdruck zu verleihen. Eine Entscheidung, die zwar nachvollziehbar, aber rein sprachlich leider recht schwer ins Deutsche zu übersetzen ist, da im Deutschen „they“ genauso „sie“ bedeutet wie „she“.

Es wäre einfach und billig zu sagen, dass es doch eigentlich egal ist, welches Geschlecht ein_e Musiker_in hat. Schließlich kommt es doch nur auf die Musik an. Doch ist die Position, aus der heraus eine Person, die trans* lebt, singt und musiziert, unweigerlich eine andere wie die einer cis-Person1. Sie stößt zwangsläufig an sichtbare wie unsichtbare Grenzen, die für andere gar nicht wahrnehmbar sind. Songs, die diese Erfahrungen verarbeiten, sind oft ebenso wichtig wie interessant. Die Stärke von Bands und Musiker_innen wie Against Me! oder Rae Spoon war schon immer die Art und Weise, wie sie über ihr eigenes echtes Leben sangen, statt sich in unkonkretem Blabla zu ergehen. Daher wird sicher sehr spannend zu hören, was Laura Jane Grace auf der kommenden Platte ihrer Band zu erzählen hat. Der programmatische Titel der Platte, Transgender Dysphoria Blues, verspricht jedenfalls Einiges.

 

Anmerkung:

1 Da im Lateinischen ‚cis‘ (‚diesseits von‘) das Gegenteil von ‚trans‘ (‚jenseits von‘) bezeichnet, hat sich der Begriff ‚cis‘ als Bezeichnung für all jene, die nicht trans* sind, eingebürgert.