Kapitalismus und Adorno

Comics und Graphic Novels aus den Bereichen Theorie, Politik und Geschichte erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Doch den Kapitalismus oder Theodor W. Adorno ins Bild/ Text-Format zu übersetzen birgt Risiken.

Das Angebot an derartigen Büchern ist mittlerweile recht groß. In kleine Häppchen unterteilt und umfangreich illustriert werden den LeserInnen Theorien entweder gebunden an Personen wie Karl Marx, Michel Foucault, Slavoj Žižek und Sigmund Freud1 oder thematisch gegliedert (‚Ethik‘, ‚Psychoanalyse‘, ‚Relativitätstheorie‘ uvm.) nähergebracht.

Daktari und Talking Heads

Die Graphic Novel Theodor W. Adorno von Ansgar Lorenz und Reiner Ruffing beginnt biographisch und wird dann theoretischer. Geboten werden Infoboxen zu Personen wie Marcel Proust, Arnold Schönberg, Walter Benjamin, Ingeborg Bachmann oder Martin Heidegger. Dazu kommen zahlreiche Exkurse; etwa zum kategorischen Imperativ und Georg Lukács’ Geschichte und Klassenbewusstsein.

Bereits auf Seite 7 üben sich die Autoren in kruden Vererbungstheorien. Es wird erwähnt, dass Adorno einen jüdischen Vater und eine katholische Mutter hatte. „Von seinem Vater hatte der katholisch getaufte Adorno wohl einen gewissen Sinn für finanzielle Fragen (…) geerbt“, heißt es im darauffolgenden Satz.

Die Kombination Biographie/Theorie, deren Wechselwirkung Detlev Claussen in Theodor W. Adorno. Ein letztes Genie so gekonnt meisterte, scheitert in der Graphic-Novel-Version. Nicht aufgrund des Mediums, sondern wegen des Unvermögens der Autoren, Adornos Texte so ernst zu nehmen, dass wenigstens die daraus abgeleiteten Witze zum Lachen statt zum Kopfschütteln animieren. Viele geben lediglich die gängigen Irrtümer der Adorno-Rezeption wieder. So wird etwa behauptet, zu den menschlichen Schwächen des „großen Kritikers der Kulturindustrie“ zähle lediglich, „dass er regelmäßig im ZDF die Serie Daktari- (…)“ verfolgte. Hier schwingt die oftmals in den Raum gestellte Behauptung mit, Adornos Fernsehkritik oder gar die gesamte Kritik der Kulturindustrie sei nicht ernst zu nehmen, da der Kritiker selbst die Gegenstände seiner -Kritik konsumierte.

Auch sonst wird man mit reichlich Party-Gossip-tauglichen Anekdoten aus der Welt der Kritischen Theorie ausgestattet. Die Autoren folgen damit ganz den Vorgaben der Reihe, die statt „komplexe Einführungen“ zu liefern, mit „reichlich anekdotischem und biographischem Material“ versucht, das „Denken der Philosophen“ zu erschließen.

Kapitalismus. Ein Sachcomic von Dan Cryan und Sharron Shatil erzählt die Geschichte des Kapitalismus anhand männlicher Talking Heads. Ein komplexer ökonomisch/historischer Prozess wird zu einer Aneinanderreihung der Ideen männlicher Denker. Adam Smith, Thomas Hobbes, Karl Marx und die Theoretiker der Frankfurter Schule stellen den LeserInnen ihre Theorien vor und erzählen, wie diese die Welt zugleich erklärt und verändert haben.

Kraken und McDonalds

Gleich zweimal wird Queen Victoria als Riesenkrake, die ihre Fangarme um den Globus schlingt, gezeigt. Ob der Kopf Queen Victorias die Krakenzeichnung von ihrer antisemitischen Bildtradition befreit, scheint fraglich.2 Die einzige prominent vorkommende Frau als weltverschlingendes Monster zu zeichnen, ist fragwürdig genug.

Nur fallweise sind Arbeiterinnen oder Bäuerinnen zu sehen. Zu Wort kommen sie jedoch nicht. Selbst der Umstand, dass Frauen während des Ersten Weltkriegs in großer Zahl als Arbeitskräfte eingesetzt wurden, erklärt uns Lord Kitchener und keine der zwei ArbeiterInnen, auf deren Schultern sich in paternalistischer Pose der rechte Arm des Lords befindet.

Vor Klischees schreckt man generell nicht zurück. Hier ein grimmig aussehender Uncle Sam, der sich die Welt mit Deutschland aufteilt. Da eine Landkarte Europas und Nordafrikas, auf der die muslimischen Königreiche durch einen grimmig dreinblickenden, bärtigen, mit einem Schwert drohenden Muslimen symbolisiert werden.

Auch der Adorno-Comic ist nicht arm an problematischen Bildern. Etwa wird Seite 31, die sich der Dialektik der Aufklärung und der Frage der Möglichkeit von Kunst nach Auschwitz widmet, mit einem Engel, der ein Schwert trägt, illustriert. Der Engel ruft: „Verschwindet! Zur Strafe gibt es nur noch McDonalds und Privatfernsehen.“ Bezieht man andere Stellen mit ein, fällt eine latent antiamerikanische Lesart der Texte Adornos auf. So werden etwa die -Minima Moralia lediglich als Zusammenfassung von Adornos „negativen Erfahrungen in Amerika, wo er sich nie so richtig heimisch fühlte“, vorgestellt.

Auch wenn die Lektüre des Kapitalismus-Comics im Vergleich zur Adorno-Einführung nicht ganz so ernüchternd war, lassen beide viele Fragen offen. Zwingt die bildliche Darstellung zur Verkürzung? Die Bilder könnten andere sein, drängt sich als Antwort auf. Geschichte muss nicht zwangsläufig von männlichen Talking Heads erzählt werden, genauso wie Graphic Novels problemlos ohne latent antisemitische oder antiamerikanische Bildkompositionen auskämen. Die Entscheidung liegt bei AutorInnen, IllustratorInnen und den Verlagen.

 

Anmerkungen:

1 Weder in der INFOcomics-Reihe noch bei Philosophie für Einsteiger ist bis jetzt ein Buch über eine Theoretikerin erschienen. Eine Übersetzung der auf Englisch erschienenen Graphic Novel Feminism wurde bisher nicht angekündigt.

2 Siehe auch Unique # 06/12 „Acta und die Kraken“