Muriel Gardiner: Geschlechterverhältnisse im Widerstand gegen den Austrofaschismus

„Wie eine Amerikanerin […] dazu kommt, sich so stark mit den österreichischen Sozialisten und Arbeitern zu identifizieren.“1

Die spätere Psychoanalytikerin Muriel Gardiner kam nach Wien, um bei Sigmund Freud eine Analyse zu beginnen, dieser lehnte sie als Patientin aber ab. Gardiner blieb trotzdem in Wien, entdeckte ihre Liebe zur Psychoanalyse, studierte Medizin und ließ sich zur Analytikerin ausbilden. Sie engagierte sich in der sozialistischen Widerstandsbewegung gegen den Austrofaschismus im Umfeld der Revolutionären Sozialisten und im Zentralkomitee der leninistischen Funke-Gruppe und half zahlreichen ihrer Genoss_innen und Kolleg_innen bei der Flucht vor den Nationalsozialist_innen aus Wien im März 1938. Trotz ihres wichtigen Engagements im Widerstand gegen den Austrofaschismus findet sie kaum eine Erwähnung in den als ‚Standardwerken‘ geltenden Arbeiten zu diesem Thema. In dem Artikel „Wir kommen wieder“ – Aber wer ist „wir“? in der Oktober-Ausgabe der Unique 10/12 habe ich argumentiert, dass Autobiografien und Erinnerungsliteratur von Frauen* zentrale Quellen in der Erneuerung der Forschung über den Widerstand gegen den Austrofaschismus sein müssen. Dass die Forschung dazu bisher, wenn überhaupt, dann eher auf essentialistische Weise über Geschlecht schreibt, liegt keineswegs an fehlenden Quellen. Am Beispiel von Gardiners Autobiografie Deckname Mary. Erinnerung einer Amerikanerin im österreichischen Untergrund kann nicht nur ihre eigene Rolle im Widerstand aufgezeigt werden, sondern ist es auch möglich, die Reproduktion und Irritation hegemonialer Geschlechterverhältnisse und die Ausübung vergeschlechtlichter Praxen im Widerstand darzustellen.

Der Weg ihrer Politisierung

Helen Muriel Morris wurde am 23. November 1901 in Chicago geboren, sie war das jüngste von vier Kindern einer wohlhabenden Unternehmer_innenfamilie. Die Gespräche über Klassenverhältnisse mit ihrem sozialistischen Kindermädchen prägten sie nachhaltig, in der Schulzeit war sie Klassensprecherin. Nachdem sie einige Frauen in der Frauen(wahl)rechtsbewegung kennengelernt hatte, organisierte sie bereits im Alter von zehn Jahren gemeinsam mit ihren Schulfreundinnen eine ‚Suffragettenparade‘. Während ihrer Collegezeit engagierte sie sich in selbstorganisierten Frauen*gruppen sowie in einem schulinternen Komitee, das europäische Universitäten und Schulen nach dem Ersten Weltkrieg finanziell unterstützte, um den Wissenschafts- und Lehrbetrieb wieder aufnehmen zu können – darunter war auch die Universität Wien. 1922 beendete sie ihr Bachelorstudium in Geschichte und Literatur, danach studierte sie in Oxford, wo sie an ihrer Dissertation zur Literatur von Mary Shelley, der Tochter von Mary Wollstonecraft arbeitete. Bei der Abschlussprüfung in Oxford stieß sie auf massiven, politisch motivierten Widerstand. Die konservative Prüfungskommission verlangte von ihr, Suizid als ‚Sünde‘ zu verurteilen, ein zentrales Thema im literarischen Werk von Shelley. Gardiner weigerte sich, dies zu tun und fiel schließlich durch ihre Defensio, eine neuerliche Vorlage der Arbeit wurde nicht empfohlen.2 Gardiner verließ Oxford, ohne ihr Studium abzuschließen und setzte ihre Reisen durch Europa fort. Durch ihren Klavierlehrer lernte sie Julian Gardiner kennen, den sie 1926 heiratete. Die Beziehung verlief konfliktreich, aber erfüllte Gardiners Wunsch nach einem Kind.­

Der Weg nach Wien

Sigmund Freud verwies sie 1926 ab due Analytikerin Ruth Mack (später Brunswick). Die ersten drei Jahre ihrer Analyse kosteten Gardiner viel Kraft und sie sehnte deren Ende herbei. Nach der Trennung von ihrem zweiten Ehemann nahm sie ihre Analyse bei Mack-Brunswick wieder auf, diesmal fühlte sie sich „sofort viel vorbehaltsloser darin einbezogen als während der ersten Phase“ 3. In der Hoffnung, daraus etwas für die pädagogische Arbeit als Lehrerin mitzunehmen, beschäftigte sie sich auch theoretisch mit der Psychoanalyse. Bald wollte sie sich als Psychoanalytikerin ausbilden lassen. Die Ausbildung schloss sie schließlich 1939 in den USA ab. Das Jahr 1927 war für sie durch den Prozess gegen die beiden Anarchisten* Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti und den Brand des Justizpalastes doppelt prägend: „Obwohl das gewiß nicht der Beginn der politischen Zwistigkeiten in Österreich gewesen ist, bedeutete es für mich doch den Ausgangspunkt dafür, diese Dinge zu verstehen und um das Schicksal des Landes ernsthaft besorgt zu sein.“ 4

Der Weg in den Widerstand

Unter dem Eindruck der Niederschlagung der Kämpfe vom 12. Februar 1934 entschied Gardiner in Wien zu bleiben und sich aktiv in den Widerstand einzubringen: „Der [austro]faschistische Angriff auf die Sozialdemokraten änderte alle meine Pläne. Ich wußte zweifelsohne, daß ich in Wien bleiben und nichts unversucht lassen würde, um den Funken der Demokratie […] zu halten.“ 5 Schließlich trat sie der Funke-Gruppe bei, ein kleines leninistisches Projekt, das sich vor allem auf den Aufbau theoretisch geschulter Kader konzentrierte und ab 1935 großen Einfluss auf die Politik der Revolutionären Sozialisten hatte. In ihrem Umfeld befanden sich zum einen zahlreiche prominente Proponent_innen der Sozialdemokratie, so etwa Karl Czenernetz oder Marie Jahoda, zum anderen etwa Joseph Buttinger, Mitglied des Zentralkomitees des Funken, welcher ab Februar 1935 Vorsitzender des Zentralkomitees (ZK) der ­Revolutionären Sozialisten wurde. Gardiner war selbst Mitglied des ZK des Funken, dort lernte sie auch Buttinger, ihren Lebensgefährten kennen. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit der Gruppe in der Forschungsliteratur fehlt weitestgehend, aber aus Gardiners Autobiografie können viele Rückschlüsse auf die innere Organisation der Gruppe und ihre politische Ausrichtung gezogen werden. So wird deutlich, dass lange vor der sogenannten ‚langen Perspektive‘ der Revolutionären Sozialisten ein solcher Weg diskutiert wurde. Darüber hinaus beschreibt Gardiner, dass der Funke aus mehreren regionalen Gruppen bestand, die sich jedoch nicht lange halten konnten, sowie aus einem Zentralkomitee, das die strategischen Entscheidungen für die Gruppe traf.
Gardiners Tätigkeiten für die illegale Arbei­­­­-
t­­er_innenbewegung während des Dollfuß-Schuschnigg-Regimes können in vier Bereiche unterteilt werden, die auch, aber nicht nur, mit ihren finanziellen Ressourcen zusammenhängen:
*    Gardiner stellte mehrfach ihre Wohnungen als Versteck und Unterkunft für Aktivist_innen zur Verfügung, die auf der Durchreise oder in ihrem Zuhause nicht mehr sicher waren. Oft waren ihr die Gäste nicht bekannt und wurden ihr über Bekannte vermittelt. Darüber hinaus fanden in ihren Wohnungen bzw. in ihrem Haus in Sulz Treffen der Funke-Gruppe und des Zentralkomitees der Revolutionären Sozialisten statt. Mit ihren Gästen diskutierte sie stundenlang über taktische und strategische Fragen und lernte so viele der unterschiedlichen Positionen in der Arbeiter_innenklasse kennen.
*    Weiters nutzte sie ihren ökonomischen Hintergrund, wo sie konnte: Dies betraf Geldmittel für Organisationen und ihre Genoss_innen ebenso wie die Übernahme von Fahrtkosten für Kurier_innendienste.
*    Vor ihrer Beziehung zu Buttinger übte Gardiner für die Revolutionären Sozialisten selbst mehrfach Kurier_innendienste aus, in denen sie Bücher, Broschüren, (Reise-)Dokumente und Geld zwischen Genoss_innen übermittelte. Nach dem 12. März 1938 schmuggelte sie Pässe von Brno nach Wien und begab sich dadurch mehrfach in große Gefahr. Nachdem Gardiner zu Gunsten der politischen Tätigkeit von Buttinger Aktivitäten aus Sicherheitsgründen aufgab, erledigte sie für ihn viele kleine Aufgaben wie das Kontakthalten zu seiner Sekretärin.
*    Den letzten Bereich umfasste die Organisation der Ausreise für zahlreiche Psychoanalytiker_innen und Genoss_innen sowie die Ausstellung der Affidavits für die Einreise in die USA, was zwischen 1938 und 1939 zu ihren zentralen Aufgaben im Widerstand gegen den Nationalsozialismus zählte.

Geschlechterverhältnisse im Widerstand

Muriel Gardiners Autobiografie stellt eine reiche Quelle für die Erforschung von Geschlechterverhältnissen im Widerstand dar. Zum einen wird in ihren Reflexionen deutlich, wie prägend die soziale Rolle der ‚Mutter‘ und die damit zusammenhängenden gesellschaftlichen Erwartungen für widerständige Frauen* waren. Immer wieder hatte sie die Gefahr ihrer Aktivitäten im Untergrund für ihre Tochter und auch sich selbst als Alleinerzieherin* abzuwägen, oft hatte sie Bedenken, die Erwartungen an die soziale Rolle nicht erfüllen zu können. In ihren Erinnerungen an das Zusammenleben mit Joseph Buttinger wird deutlich, wie stark sich hegemoniale Geschlechterverhältnisse und eine vergeschlechtlichte Arbeitsteilung auch in ihrer Beziehung reproduzierten. Um sich besser auf die Bedürfnisse ihres Lebensgefährten und seiner politischen Tätigkeit als Vorsitzender des ZK der Revolutionären Sozialisten einstellen zu können, beendete Gardiner ihre eigenen Tätigkeiten in der Funke-Gruppe. Buttinger ließ sich von Gardiner bekochen und versorgen, sie erledigte viele Wege, die für ihn als Vorsitzender des Zentralkomitees der Revolutionären Sozialisten zu gefährlich erschienen. Dadurch wird deutlich, dass auch Widerstand nicht außerhalb gesellschaftlicher Verhältnisse stattfindet und hegemoniale Geschlechterverhältnisse auch widerständige Praxen durchzogen haben.

Anmerkungen:
1    Gardiner, Muriel (1989): Deckname Mary. Erinnerungen einer Amerikanerin im österreichischen Untergrund; Wien: Promedia. S. 16.
2    Sheila, Isenberg (2010): Muriel’s war. An American Heiress in the Nazi Resistance; New York: Palgrave Macmillan. S. 44–45.
3    Gardiner 1989, S. 44.
4    Ebd. 1989, S. 41.
5    Ebd. 1989, S. 49.