„Dass es nur zwei Entwicklungswege gibt, ist unrealistisch“

Der Biologe Heinz-Jürgen Voß hat sich in seiner Dissertation zu biologischer Geschlechterentwicklung auf queer-feministisches Terrain gewagt. Im Gespräch mit der UniqUe erklärt er, warum auch das biologische Geschlecht gesellschaftlich bedingt und eine vermeintliche Zweigeschlechtlichkeit konstruiert ist.

Wie kam es zu Ihrer großen Faszination für das Thema Geschlecht?
Das hat eine längere Vorgeschichte, insbesondere queer-feministisches Engagement. Gleichzeitig habe ich mein Biologiestudium verfolgt. Das war lange einfach nur unreflektiert auf die Uni gehen und mal machen. Aber in den Vorlesungen wurden einige Themen problematisch verhandelt. Beispielsweise hatte ich eine Vorlesung in der Zoologie zu ‚Sexualität des Menschen‘: Ein ganzes Semester lang ging es nur um Heterosexualität. In keiner einzigen Stunde tauchte Homosexualität überhaupt auf. Es ging immer nur darum, warum Frauen dies und Männer jenes besser könnten. Das war mir zu simpel. Andererseits hatte ich in der Genetik eine Vorlesung, wo komplexe Verhaltensweisen über ein einzelnes Gen erklärt werden sollten. Dadurch begann ich mich mit der Frage zu beschäftigen, was es bedeutet, wenn man gleich zu Beginn geschlechtlich unterscheidet und die Untersuchungsgruppen in männlich und weiblich einteilt oder aber diese Einteilung weglässt. Beispielsweise bei Fragestellungen aus der Hormonforschung. Ich habe insgesamt ca. zwölf Professor_innen angefragt, aber keine_r von ihnen wollte eine solche vergleichende Arbeit betreuen. Später hat sich ein Kontakt zu Prof.in Sigrid Schmitz und Prof. Rüdiger Lautmann ergeben. So kam es, dass ich meine Dissertation einerseits sozialwissenschaftlich, andererseits naturwissenschaftlich angesiedelt habe.

Inwieweit sind Körperlichkeiten biologisch- determiniert bzw. gesellschaftlich konstruiert?
Eine vermeintliche Natur kann nicht losgelöst von einer Gesellschaftlichkeit betrachtet werden. Auch während der Embryonalentwicklung wirkt der elterliche Organismus mit, weitere Umgebungsfaktoren wie Stress und ähnliches haben ebenso Einfluss, mit der Geburt des Kindes z. B. auch die Ernährung. Je nachdem, wie viel Aufmerksamkeit ein Kind erhält, welche Möglichkeiten es in puncto Bewegung hat, bilden sich auch körperliche Merkmale aus. Dass z. B. Kinder den aufrechten Gang erlernen, bedeutet einerseits, dass bestimmte Muskelpartien ausgeprägt werden, aber sich auch im Gehirn bestimmte Synapsen ausbilden, die das koordinieren können. Die gesellschaftliche Eingebundenheit geht also mit physischen, physiologischen und psychischen Merkmalen einher. Das ist eben auch der Fall, wenn Menschen in weiblich und männlich unterschieden werden und ihnen verschiedene Bereiche zugeschrieben werden. Beispielsweise wenn Eltern von Mädchen häufiger der Gedanke kommt, dass ihrem Kind etwas passieren könnte, und aus diesem Grund ein kleinerer Bewegungsradius zur Verfügung steht. Bei Jungen wird eher erwartet, dass sie sich auch ein bisschen raufen und ihnen wird ein größerer Bewegungsspielraum zugestanden. Solche ungleichen Behandlungen von Mädchen und Jungen haben unter anderem Einfluss auf den Orientierungssinn, schön beschrieben etwa von Sigrid Schmitz im online verfügbaren Aufsatz Wie kommt das Geschlecht ins Gehirn? 1.

Was bedeutet das für die Geschlechtermerkmale?
Jeder Genitaltrakt entwickelt sich ganz individuell vielgestaltig. Das Geschlecht eines Menschen ist immer individuell, es gibt nicht nur einen oder zwei Wege, die typisch sind. Es gibt also nicht männlich und weiblich. Der Genitaltrakt kann dabei zur Fortpflanzung tauglich sein, das muss aber keineswegs der Fall sein.

Wie entstehen diese Geschlechter?
Die gängige populäre Vorstellung besagt, dass bereits mit den Chromosomen ein Geschlecht eindeutig vorgeprägt wäre. Das ist aber keineswegs so einfach. So gibt es schon auf chromosomaler Ebene zahlreiche Kombinationsmöglichkeiten. Es gibt so unter anderem ‚XY-Frauen‘, Personen mit einem als männlich eingeordneten Chromosomenbestand und einem als weiblich betrachteten Erscheinungsbild. Genauso gibt es ‚XX-Männer‘, also Personen mit einem als typisch weiblich betrachteten Chromosomenbestand und als typisch männlich angesehenem Erscheinungsbild. Nicht nur chromosomal, auch genetisch zeigt sich diese Vielfalt: Mittlerweile wurden ca. 1.000 Gene und Genprodukte als bedeutsam für die Ausbildung des Genitaltraktes beschrieben, sodass es vollkommen unrealistisch scheint, dass es nur zwei Entwicklungswege geben sollte. Man muss sich das eher als Modell komplexer Wechselwirkung vorstellen, wo eben auch Einflüsse aller möglicher Art, beispielsweise aus umliegenden Zellen, chemischen Stoffen, auch aus der weiteren Umgebung, wie Hormonen aus dem elterlichen Organismus, Einwirkungen haben. Deshalb ist es spannend, diesen Entwicklungsprozess genauer in den Blick zu nehmen und zu fragen, welche Faktoren an welchen Stellen auf die Entwicklung von Geschlecht Einfluss haben. Gene stellen einen bestimmten Abschnitt der DNA dar, aus dem dann ganz unterschiedliche Genprodukte mit ganz verschiedenen Wirkungen hervorgehen. DNA beinhaltet noch keine ‚Information‘, wie oft populär behauptet wird, vielmehr ist wissenschaftlich gezeigt – und auch Biologie- und Medizinstudierende wissen das –, dass erst durch die Regulationsmechanismen der Zelle konkrete Information aus einer bestimmten DNA-Sequenz hergestellt wird.

Warum entwickeln sich bei einem Großteil der Menschen die zumindest äußeren Ge­­schlechtsmerkmale so ähnlich?
Nach dem Äußeren kann man das eigentlich gar nicht beurteilen, weil die Genitalien meistens nicht sichtbar sind. Es ist eher die Frage, wie dieses Bild von etwas Typischem aufkommt. Dabei sind beispielsweise männliche Brüste sehr spannend. Nach gängigen Studien entsprechen 50 bis 90 Prozent der Brüste von Jungen und Männern – je nach Alter – nicht dem als ‚typisch männlich‘ Geglaubten, sondern haben entweder zu viel Fett- oder Drüsengewebe oder sondern Milch ab. Wo kommt also überhaupt dieses ‚typisch‘ her, wenn ein so großer Teil dem nicht entspricht? Genauso verhält es sich bei Genitalien. Wir haben ja im alltäglichen Umgang nur beschränkt Einblick, etwa in der Schulumkleide und in Badebereichen. Aber da zeigen sich eher die Leute nackt, die wenig Probleme mit ihrer Geschlechtlichkeit haben. Diskriminierung und soziale Ausschlüsse führen zu einem gewissen Verhalten und einer bestimmten Uniformität. Sineb El Masrar macht z. B. in ihrem Buch Muslim Girls deutlich, wie Mädchen auf Grund von Bartwuchs diskriminiert werden.
Menschen, die sich mit der Darstellung auf Plakaten oder in der Pornografie vergleichen, können sich darin oft nicht wiederfinden, passen sich an oder lassen sogar Genitalkorrekturen vornehmen. Die Österreichische Gesellschaft für Gynäkologie warnt aktuell davor, dass Frauen zunehmend und leichtfertig Schamlippenverkleinerungen bzw. -vergrößerungen vornehmen lassen. Genauso ist es bei männlichen Geschlechtern mit Penisverlängerungen, bei denen der Penis operativ vom Schambein gelöst wird und damit weiter aus dem Körper heraushängt. Auch das ist keineswegs ein simpler Eingriff und viele sind sich der Nebenwirkungen nicht bewusst. Menschen passen sich einer wahrgenommenen Norm an.

Sie fordern ein Verbot von geschlechterzuweisenden Eingriffen. Warum ist das so wichtig?
Solche Eingriffe sind in den meisten Fällen mit extremen Traumatisierungen und Gewalterfahrungen verbunden. Einerseits sind da die Operation und danach die lebenslange medizinische Behandlung, die schon in den ersten Lebensmonaten einsetzt. Wenn beispielsweise ein weibliches Geschlecht hergestellt wird, wird die Vagina in der medizinischen Praxis immer durch einen Finger oder einen dildoähnlichen Gegenstand geweitet. Das wird schon bei Kleinkindern vollzogen. Fast immer treten durch die geschlechtszuweisenden Eingriffe schwere und schwerste Komplikationen auf, die etwa mehrere Operationen nach sich ziehen und eine lebenslange Behandlung und psychologische Betreuung notwendig machen. Nirgendwo sonst würden solche hohen Komplikationsraten in Kauf genommen werden. Trotzdem werden die Behandlungen durchgesetzt. Deshalb braucht es ein gesetzliches Verbot geschlechtszuweisender Eingriffe, weil sonst das medizinische Dogma und jenes der Zweigeschlechtlichkeit einfach zu stark sind.

Sie sprechen davon, dass die Zweigeschlechtlichkeit im Interesse bestimmter Personen steht, was sind Ihrer Meinung nach diese Interessen?
Hier geht es um konkrete Machtinstanzen in der Gesellschaft. Ökonomische Fragestellungen spielen eine gewisse Rolle, also wie innerhalb eines Systems Privilegien verteilt sind. Einerseits durchaus, dass die besitzenden Männer und Frauen durch Eheschließungen untereinander auf dieser Position verbleiben. Andererseits gerade das Regieren des Sexuellen. Das Sexuelle wurde von der Kirche und später in der kapitalistischen Ordnung als wirksamer Angriffspunkt erkannt, um Menschen regieren zu können. Entweder erst mal durch Gewalt und Macht. Andererseits dadurch, dass Menschen lernen, dass sie dieser Gewalt auch ausweichen können, wenn sie sich entsprechend verhalten. Also eine gewisse Selbstregierung erlernt wird.

Welchen Einfluss hatte der NS auf die Forschung, wie veränderte sie sich?
Anfang der 1930er Jahre waren durchaus plurale Geschlechterverständnisse verbreitet, in denen davon ausgegangen wurde, dass jeder Mensch weiblich und männlich zugleich sei. Die führenden Wissenschaftler_innen in der Forschung zu Geschlecht und Sexualität waren Wissenschaftler wie Magnus Hirschfeld, Bernhard Zondek und Richard Goldschmidt – auf Grund einer gemäß der Nazi-Rassenideologie jüdischen Abstammung mussten sie emigrieren. Andere wurden ermordet. In der Emigration fanden sie keine so guten Forschungsmöglichkeiten mehr vor. Helga Satzinger hat das in Differenz und Vererbung sehr gut für Richard Goldschmidt gezeigt. Dadurch wurden sie und mit ihnen auch wichtige Positionen pluraler Geschlechtlichkeit aus dem Diskurs ausgeschlossen. 1933 bzw. 1936 folgten Leute auf ihre Lehrstühle, die ein Verständnis von Geschlechtlichkeit hatten, das der NS-Ideologie klarer Geschlechterrollen entsprach, und das auch in die Forschung hineintrugen. Diese Positionen konnten dominant werden, etwa die von Adolf Butenandt. Diese Auswirkungen sind noch wesentlich zu reflektieren – auch um zu zeigen, wie eine heutige Annahme klarer binärer Geschlechtlichkeit gerade auch durch politische Entwicklungen beeinflusst wurde.

Anmerkung:
1    http://www.bdwi.de/forum/archiv/archiv/97754.html (Abruf 01.03.2013)