Begegnung mit Miraz Bêzar

Miraz Bêzars Film „Min dît“ (1) lief als erster kurdischsprachiger Film am Filmfestival von Antalya und sorgte nicht nur innerhalb der Türkei für regen Diskussionsstoff.

„Am besten ist es wohl, wenn ihr euch mal den Film anseht und wir nachher darüber diskutieren, in Ordnung?“ Bêzars Begrüßung ist locker und herzlich, sein Akzent erinnert an Berlin-Kreuzberg. Der Kinosaal ist bis auf den letzten Platz gefüllt, als er die BesucherInnen zu der Vorführung seines Films „Min dît – Die Kinder von DiyarbakΙr“ auf den VI. Kurdischen Filmtagen in Wien begrüßt. Die primär kurdischen KinobesucherInnen blicken dem legeren Filmemacher neugierig hinterher. Er trägt Jeans, eine olivfarbene Armyjacke, Dreitagebart und eine schwarz-umrandete Brille. Vielleicht haben sich die BesucherInnen auch einen Filmemacher, der in der Türkei durch seinen kurdischsprachigen Film für so viel Aufsehen gesorgt hat, nicht so natürlich und unvoreingenommen vorgestellt.
Miraz Bêzar wurde 1971 in Ankara als Sohn kurdischer Eltern geboren. Als Kind in der Vor-Junta-Zeit aufgewachsen, verließ er mit seiner Familie nach dem Militärputsch 1980 die Türkei. Er wuchs in Bremen auf und entdeckte während seiner Abiturzeit das Theater für sich. Die Aufnahmeprüfung für die Berliner Film- und Fernsehakademie schaffte er 1994, wo er mehrere Kurzfilme drehte. „Min dît – Die Kinder von DiyarbakΙr“ ist sein erster Spielfilm. Auch die kurdische Sprache hat Bêzar erst während der Dreharbeiten zu „Min dît“ gelernt. Der Film erzählt das Schicksal der zehnjährigen Gulistan (Şenay Orak) und ihrem Bruder Firat (Muhammed Al), die nach der Ermordung ihrer Eltern durch türkische Paramilitärs (Jitem) auf der Straße leben. Auf dem Höhepunkt der Handlung entdeckt das Mädchen den Mörder ihrer Eltern und beschließt zu handeln. Miraz Bêzar hat für den Film keine Förderung bekommen. Das Geld für die Realisierung des Projekts wurde innerhalb seiner kurdischen Großfamilie gesammelt. Die Kinder sind alle LaiendarstellerInnen und wurden von Miraz Bêzar in DiyarbakΙr gecastet. Als Co-Produzent sprang Bêzars Freund Fatih Akin ein, der von dem Film fasziniert war.
Das folgende Interview wurde mit Miraz Bêzar im Anschluss an die Filmvorführung geführt.

Wie hat die kurdische Community in Deutschland auf „Min dît“ reagiert?

Die kurdische Community war in vielen Dingen zweigeteilt. Sie hat wohl vergessen, wie hart und schwierig die Neunziger waren und wollte nicht wahrhaben, dass es möglich war für Kinder von linken engagierten Eltern, auf der Straße zu landen. Aber ich habe das recherchiert und wusste, dass dies so geschehen ist. Denn das soziale Netzwerk ist quasi verschwunden und der Krieg hat die Bevölkerung stark verändert. Die Not hat die Menschen gezwungen, primär an sich und das eigene Überleben zu denken. Das spiegelt auch der Film wider. Das war ein kleiner Kritikpunkt der kurdischen Zuschauer. Aber ich kann sehr gut damit leben, weil ich weiß, woher das kommt.

Während der 1990er Jahre wurden deutsche Waffen in den kurdischen Gebieten eingesetzt. Was hältst du davon und was sagst du zu der Situation der KurdInnen in Deutschland?

Letztendlich muss man sagen, dass Deutschland sehr scheinheilig damit umgeht. Genauso wie mit dem Iran wird auch mit der kurdischen Thematik umgegangen. Denn die Türkei ist ein wichtiger Handelspartner und strategischer Partner, den man nie so richtig vergraulen wollte. Das sieht man auch heute: trotz der Ablehnung durch die EU wird die Türkei auch heute noch umgarnt. Das ist die Politik. Anfang der 1990er Jahre wurden die NVA-Panzer und NVA-Bestände (2) quasi an die Türkei verschenkt. Und dann wollte man mit den Flüchtlingen aus der Türkei nichts zu tun haben, die aus ihren zerstörten kurdischen Dörfern geflohen waren und in Deutschland Asyl beantragt hatten. Das funktioniert aber in unserer globalisierten Welt nun nicht mehr. Man hat durchaus eine Verantwortung für das was die Regierung mit Menschen tut.
Ein anderes Beispiel ist Saddam Hussein. Jahrelang wurde mit Saddam verhandelt und Giftgas an ihn geliefert. Jene Giftgasfässer, mit denen er Kurden vergast hat (3). Also hat Deutschland eine Mitverantwortung für das, was im Irak passiert ist. Das ist auch der Grund, warum Saddam so stark wurde: weil er wusste, dass er sich auf die Westmächte verlassen konnte. Also insofern spielt Deutschland eine sehr klare und große Rolle, was die kurdische Situation betrifft. Die andere Kurdenpolitik – die Deutschland betreibt – erfolgt ziemlich parallel mit der türkischen Regierungspolitik. Denn auch in Deutschland wird zwischen „guten“ und „schlechten“ Kurden unterschieden. Man will so tun, als ob es auf der einen Seite die PKK gäbe, die ja „Terror“ betreiben würde. Und dann gibt es die Kurden, die gegen die PKK sind. Diese versucht man dann zu unterstützen.

Gibt es im politischen Film Idole, die dich geprägt haben?

Ja, natürlich YΙlmaz Güney, der einerseits ein linker kurdischer Intellektueller und andererseits ein Revolutionär für das türkische Kino war. Für das türkisch-kurdische Kino, aber auch für das türkische Kino generell, weil er ein sehr authentisches, politisch engagiertes Kino gemacht hat. Einer der ersten Filme, die ich gesehen habe, war „Die Herde“ / „Sürü“ [türk.], in dem er eine kurdische Familie beschreibt. Und ich kann mich noch gut erinnern, dass ich mit meinen Onkel als ich sieben Jahre alt war ins Kino gegangen bin und zweimal hingehen musste, weil das erste Mal Bombenalarm war. Rechte in der Türkei hatten gedroht, dass sie während der Aufführung das Kino in die Luft sprengen würden. Die Aufführung hat damals nicht stattgefunden – also sind wir ein zweites Mal hingegangen. Das prägt einen natürlich als Kind – das heißt: Politisches Kino, das in Europa eher verpönt ist, ist für mich ein Kino, das Dinge bewegen kann.

Du machst auch Theater. Dein Stück „Das Märchen vom letzten Gedanken“ handelt vom Völkermord an den ArmenierInnen 1915. Bis heute darf man in der Türkei nicht von einem Genozid an den ArmenierInnen sprechen. Hast du Probleme bekommen wegen des Theaterstücks?

Nein. Warum weiß ich selber nicht. Vielleicht weil das Stück nur in Deutschland gelaufen ist. Das Stück ist in Kreuzberg aufgeführt worden und das ist ein sicherer Raum für mich. Natürlich gibt es auch dort rechte Kräfte. Im Moment habe ich aber nicht das Gefühl, dass die organisiert gegenüber Andersdenkenden vorgehen. Ich kann mich nicht erinnern, in den letzten fünf Jahren von türkischen Faschistenübergriffen auf Institutionen oder Vereine gelesen zu haben. Insofern passiert das nicht. Aber die sind auch nicht ins Stück gekommen und wollten sich das angucken. Ich weiß zum Beispiel auch von einigen Älteren aus der Arbeiterbewegung, die meinen, dass man das so nicht erzählen kann. Das ist bei so einem Tabuthema auch ganz normal. Man versucht das Tabu zu brechen und damit auch die Leute zu erreichen und nicht nur die Türken. Auch die deutsche Beteiligung am armenischen Genozid ist nicht so klein wie man sich das vielleicht erhofft.

Es gibt Menschen, die behaupten, dass Filme bzw. Kunst nichts verändern kann. Sie behaupten, dass sich kritische Filme nur Menschen ansehen, die ohnehin schon kritisch denken und die „Normalbevölkerung“ nicht erreicht werden kann. Was sagst du dazu?

Ich versuche sehr stark, mich selbst zu verwirklichen. Aber in meiner Biographie steckt ja auch sehr viel – nicht nur das Kurdische. Zum Beispiel: Während der 1980er Jahre war ich ein orientierungsloser Jugendlicher. Ich war entwurzelt und als ich nach Deutschland kam, da habe ich zwar erfolgreich meine Schule besucht, aber ich war total orientierungslos. Damals war Theater meine Rettung! Hätte ich nicht das Theater gefunden, so wäre ich heute wahrscheinlich nicht hier. Ich glaube auch nicht, dass man die Welt nur mit Filmen verändern kann. Aber wenn ich in der Türkei 25 Millionen Zuschauer habe – sowohl Kurden als auch Türken – oder in Deutschland ein deutsch-kurdisches Publikum habe, dann bewirkt das etwas. Und dann merke ich: Ja, man kann bestimmte Sachen verändern – zwar nicht die Welt – aber ich glaube, dass ich in der Türkei viele Menschen sensibilisiert habe für die kurdische Gewalthistorie. Für jene Historie, die einfache Menschen an Gewalt erlebt haben. Und wenn man das Gefühl weitergeben kann, dann ist das schon sehr viel. Denn genau das verändert viel. Und wenn der Film eventuell im Fernsehen gezeigt wird, dann wird er größere Massen erreichen. Aber ist das nicht absurd? 87 Jahre Türkische Republik und erst dann kommt einer aus Deutschland und macht den ersten kurdischsprachigen Film in der Türkei. Und genau das habe ich geschafft. Also kann Kino auch sehr viel verändern.

Min Dît – Die Kinder von DiyarbakΙr ist seit Ende Jänner 2011 auf DVD erhältlich.
Informationen zum Film: http://www.min-dit.com/

1 „Min dît“ (kurd.) bedeutet: „Ich habe gesehen“
2 NVA-Panzer sind Panzer der ehemaligen DDR-Armee
3 Am 16. März 1988 bombadierte die irakische Luftwaffe die irakisch-kurdische Stadt Halabja mit Giftgasbomben. 5000 Menschen kamen dabei ums Leben.