Beschneidung und Barbarei?

„Das Wunder der Integration aber, der permanente Gnadenakt des Verfügenden, den Widerstandslosen aufzunehmen, der seine Renitenz hinunterwürgt, meint den Faschismus.“  (Max Horkheimer & Theodor W. Adorno1)

Am 7. Mai 2012 urteilte das Landesgericht Köln, dass Knabenbeschneidung im Sinne des § 223 StGB als Körperverletzung zu werten sei. In der Folge flammte eine Diskussion auf, in der eine säkulare, rational-aufklärerische und wissenschaftliche Religionskritik einem (direkt benannten oder implizit konstruierten) ‚Anderen‘ gegenübergestellt wurde. Diese Dichotomisierung aufzubrechen und zu analysieren, ist Ziel des Buches Intervention gegen die deutsche „Beschneidungsdebatte“.

Im ersten Teil des Buches zeigen Zülfukar Çetin und Salih Alexander Wolter auf, dass das Verschmelzen von antimuslimischem Ressentiment und Antisemitismus in der Debatte kein Zufall ist. Die Grundstruktur der vorgebrachten Kritik ist von Argumentationsmustern einer protestantischen ‚Zivilisierungsmission‘ durchdrungen. Diese benötigt das ‚barbarische Andere‘ für ihre eigene Konstitution – und macht so Juden und Jüdinnen und Muslim_innen als Täter_innen aus. Zugleich ergibt sich damit ein ‚Erziehungsauftrag‘ an die Mehrheitsgesellschaft, geknüpft an die Forderung nach ‚Integration‘, also Assimilation an das mutmaßlich Fortschrittlichere.

Im zweiten Teil stellt der kritische Biologe Heinz-Jürgen Voß der ‚Wissenschaftlichkeit‘ der Beschneidungsgegner_innen eine Übersicht über medizinische Untersuchungen zur Beschneidung entgegen. Diese zeigen, dass deren Behauptungen so unhaltbar sind wie Vergleiche mit der Zwangsoperation Intersexueller oder weiblicher Genitalverstümmelung unangebracht und misogyn.

 

Zülfukar Çetin / Heinz-Jürgen Voß / Salih Alexander Wolter: Intervention gegen die deutsche -„Beschneidungsdebatte“. Edition Assemblage. Münster 2012. 9,80 EUR

1 Max Horkheimer / Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Fischer. Frankfurt am Main 2011 (1944), S. 163.