Denker der subversiven Kritik

Vor zehn Jahren starb der Politikwissenschaftler Johannes Agnoli.

Lenin empfahl den Revolutionären, sich in Zeiten der Konterrevolution in „Geduld und Theorie“ zu üben. Der linkskommunistische Kritiker Johannes Agnoli setzte hingegen auf Geduld und Ironie. Auf den Einwand, es sich damit im falschen Ganzen hedonistisch bequem zu machen, entgegnete der von 1972 bis 1990 am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin (FU Berlin) Politikwissenschaft lehrende Professor in einem unveröffentlichten Gespräch mit seinem Verleger Joachim Bruhn: „Man braucht doch kein Jesuit, Jakobiner oder Bolschewik zu sein, bloß weil man vorhat, den Staat zu zerstören. Der echte Revolutionär muss sich immer einen Rest von Ironie und Selbstironie bewahren. Kommunismus ist wichtig, aber Osso bucco ist auch nicht ohne.“

Mit dieser ironischen Distanz versuchte Agnoli, sich die verdummenden Zumutungen der spätkapitalistischen und postfaschistischen Gesellschaft, so gut das eben geht, bis zu seinem Tode vom Leib zu halten. Vor zehn Jahren, am 4. Mai 2003, ist Johannes Agnoli im Alter von 78 Jahren im italienischen Lucca verstorben, wohin er sich nach seiner Emeritierung zurückgezogen hatte.

1925 in Norditalien geboren, engagierte sich Agnoli in seiner Jugend in der Gioventù Italiana del Littoria, der faschistischen Jugendorganisation. Später, als anarcho-kommunistischer Antifaschist, setzte er sich immer wieder mit den unterschiedlichen Strömungen des italienischen Faschismus auseinander. Er meldete sich bei der Waffen-SS, kämpfte in der deutschen Wehrmacht und geriet in britische Kriegsgefangenschaft in Ägypten. 1948 wurde Agnoli nach Deutschland entlassen, arbeitete als Hilfsarbeiter und studierte in Tübingen, wo sich ihm durch intensive Marx-Lektüre eine neue Welt eröffnete. Nach seiner Promotion unterrichtete er in Tübingen und Stuttgart, trat eine Assistentenstelle in Köln an, die er aufgrund seines Engagements für die Anerkennung der DDR schnell wieder verlor, und wurde später an die FU Belin berufen. Dort verunsicherte er, als unter anderem wegen Verunglimpfung des Staates gegen ihn ermittelt wurde, seinen Arbeitgeber und die Justiz ebenso wie seine akademischen Kollegen und Kolleginnen, indem er sie mit Texten wie dem Versuch, Strafkammer und Staatsanwaltschaft über Faschistoides und Form Staat aufzuklären traktierte. Über sein Wissenschaftsverständnis schrieb dieser, der Staatsfeind auf dem Lehrstuhl, ausgehend von Immanuel Kant, dem jungen Georg Friedrich Wilhelm Hegel und Karl Marx: „Die Abschaffung des objektiven, durchaus interessierten, also besonderen Interessen zweckdienlichen Zwangscharakters der Gesellschaft: zu diesem Ende soll Politische Wissenschaft betrieben werden.“ 1 In einer Prüfungssituation soll ein Professorenkollege Agnoli einmal angefahren haben: „Wenn Sie an die Macht kommen, stellen Sie mich sicher an die Wand!“ Worauf dieser  ebenso verschmitzt wie trocken erwiderte: „Wo denken Sie hin, Herr Professor. Wenn wir an die Macht kommen, sind Sie auf unserer Seite. Sie sind doch immer auf der Seite der Macht.“

Für jemanden, der 30 Jahre als beamteter Professor tätig war, hat Agnoli ein vergleichsweise schmales Werk hinterlassen. Er konzentrierte sich auf Aufsätze, die oft in nicht-akademischen Publikationen erschienen, anstatt dicke Wälzer zu schreiben, die ungelesen in den Bibliotheken verstauben; und er las lieber, anstatt sich in ein professorales Textverarbeitungsprogramm zu verwandeln, was ihn einmal zu der Äußerung animierte: „Lesen kostet Zeit, während Habermas schreibt.“

„Negation als destructio“

Einen Eindruck von Agnolis Lehrtätigkeit vermittelt die Lektüre der Subversiven Theorie, eines Mitschnitts seiner vorletzten Vorlesung an der FU Berlin. Agnoli stand im schroffen Gegensatz zu den akademischen Sachbearbeitern und -bearbeiterinnen, die selbst noch Marx den kritischen und polemischen Stachel gezogen haben. Nicht theoretische Stimmigkeit um ihrer selbst Willen war Agnoli ein Anliegen, sondern in Begriffe zu fassende reflektierte Erfahrung zum Zwecke der Intervention in die gesellschaftliche Wirklichkeit.

Agnoli versucht in der Subversiven Theorie von den antiken und christlichen Mythen über das Mittelalter bis zur Neuzeit die Geschichte der theoretisch-intellektuellen und der praktischen Subversion nachzuzeichnen. Er liefert Beispiele für einen möglichen anderen Umgang mit politischer Philosophie- und Ideengeschichte und zeigt, wie widerständige, subversive oder auch einfach nur unbequeme Denker und vor allem Denkerinnen im Mainstream der Wissenschaften missachtet, fehlinterpretiert oder auch pathologisiert wurden und werden. Den Begriff der Subversion definiert er als Form menschlicher Emanzipation in finsteren Zeiten. Die Subversion ist nicht die Revolution selbst, sondern ihre Vorbereitung. Subversion ist nicht Negation der Negation, was nach Agnoli Versöhnung implizieren würde, sondern „Negation sans phrase, Negation als destructio, als eigenwillige Vernunft.“ 2 Sie ist eine sowohl theoretische als auch praktische Tätigkeit, die die Ordnung angreift, ohne jedoch wie die Vertreter und Vertreterinnen der konformistischen Revolte eine „noch ordentlichere Ordnung“ einzufordern.3

In Agnolis Streifzug durch die Philosophiegeschichte lassen sich immer wieder die Grundzüge seiner Staats- und Politikkritik erkennen, wie er sie in seinen bekannteren Texten wie der Transformation der Demokratie entwickelt hat, die als ‚Bibel der Außerparlamentarischen Opposition‘ galt,  auch in Wien zur Pflichtlektüre der 68er gehörte und weit über linksakademische Kreise hinaus rezipiert wurde. Wenn es zum Wesen der Subversion gehört, dass der Mensch sich dagegen wendet, immer nur Gegenstand, reines Objekt zu sein, so müsste sich die Subversion auch gegen die Politik richten, denn in ihr sei der Mensch „nie Mittelpunkt der Politik (wie die Parteien sagen), sondern er ist ein Mittel der Politik – etwa im Wahlakt als bloßes Mittel der Machtverteilung der Parteien untereinander.“ 4 Gegen die Institutionalisierung der Subversion setzt Agnoli seine Parlamentarismuskritik, in der er auf eine Involutionstendenz der modernen Demokratien verwies. Am Beispiel der ‚Anti-Institution‘ des römischen Volkstribunats legt er dar, dass Macht nicht dann wirksam kontrolliert und schon gar nicht sabotiert werden kann, wenn sich die Subversion auf die Institutionen der Macht einlässt, sondern nur dann, „wenn die Vernunft auf der Straße in Permanenz tagt.“ 5 Dementsprechend war Agnoli ein strikter Gegner jenes „Marsches durch die Institutionen“, mit dem sich viele der von ihm zunächst inspirierten 68er ihre Anpassung und ihren Aufklärungsverrat schöngeredet haben. Er wusste, dass die Institutionen in aller Regel stärker sind als die Menschen, die sich in sie hineinbegeben.

Postnazismus & Islamismus

Agnoli hat nachdrücklich darauf hingewiesen, dass wir es in den europäischen Nachkriegsstaaten keineswegs mit Gesellschaften zu tun haben, die aus dem Nichts entstanden sind, sondern mit postfaschistischen Gesellschaften, die zahlreiche Komponenten des Faschismus in modifizierter Form in sich aufgenommen haben. Wenig Beachtung hingegen erfährt bei ihm die Tatsache, dass es sich bei der BRD nicht nur um einen postfaschistischen, sondern vor allem um einen postnationalsozialistischen Staat handelt. Die Auseinandersetzungen über Nation und Nationalismus, Antisemitismus und falsche Kapitalismuskritik, wie sie spätestens seit Anfang der 1990er Jahre in der deutschsprachigen Linken geführt wurden, konnten aus Agnolis Texten kaum Impulse erhalten. Das liegt in erster Linie daran, dass jene grundlegende Gemütslage nationalstaatlicher Warenmonaden, die sich darin äußert, dass man sich permanent betrogen und übervorteilt fühlt, einen diffusen Hass gegen ‚die da oben‘ hegt und womöglich noch von geheimen Mächten im Hintergrund fantasiert, die am eigenen Elend Schuld sein sollen, dass diese also bei Agnoli nicht Gegenstand der Kritik ist, sondern ganz im Gegenteil immer wieder als Beleg für die grundsätzliche Widerständigkeit der abhängigen Massen herhalten muss. Die antisemitischen Implikationen jenes antikapitalistischen Ressentiments, das einzelne Kapitalisten und Kapitalistinnen und Politiker und Politikerinnen kritisiert, aber nicht das Kapital und die Form Staat, bekommt Agnoli nur selten in den Blick. Selbst noch der rigide Antiintellektualismus deutscher Werktätiger, der fast nie ohne eine latent antisemitische Einfärbung auskommt, schien ihm bisweilen eine Bestätigung für die ursprüngliche Aversion der Arbeitenden gegen Herrschaft jeglicher Art zu sein.

Doch seine Kritik eines autoritären Staates rechtsstaatlicher Prägung, seine Überlegungen zum Staat als „Gesellschaftsplaner“ oder seine Charakterisierung der postnazistischen Parteienlandschaft der BRD als „plurale Fassung einer Einheitspartei“6 haben nichts an Aktualität verloren. Bei aller Kritik an seiner positiven Bezugnahme auf ‚die Beherrschten‘, an seiner mitunter traditionsmarxistischen Interpretation der Kritik der politischen Ökonomie, an einem funktionalistischen Antisemitismusbegriff in seinen faschismustheoretischen Schriften und an seiner praxisfetischistischen Ablehnung der Kritischen Theorie (eine Ablehnung, über die er sich in seinen letzten Lebensjahren allerdings sehr selbstkritisch geäußert hat), bleibt seine stets vom basso continuo der Ironie begleitete Kritik allein schon angesichts des staatsidealistischen Konformismus und der verbiesterten Humorlosigkeit großer Teile der  heutigen Linken aktuell.

Dass Johannes Agnoli sich auch am Ende seines Lebens sehr deutlich vom Mainstream der Linken abhob, kann man in dem Film Das negative Potential von 2003 sehen, in dem er  – nur wenige Jahre, nachdem sich ein maßgeblicher Teil der globalen Linken im Abfeiern der antisemitischen Massaker in der zweiten Intifada und des Massenmords von 9/11 endgültig von jeder kritischen Aufklärung verabschiedet hatte – mit völliger Selbstverständlichkeit vom Islamismus als einer ähnlichen Bedrohung für die Emanzipation spricht, wie es historisch der Faschismus gewesen ist.

 

Anmerkungen:

1 Die Transformation der Demokratie und andere Schriften zur Kritik der Politik. Freiburg 1990, S. 20. Agnolis Gesammelte Schriften sind im ça-ira-Verlag erschienen, aber aufgrund von aberwitzigen juristischen Auseinandersetzungen mit den Erben Agnolis nicht mehr lieferbar. Mittlerweile sind sie komplett im Internet verfügbar.

2 Subversive Theorie. „Die Sache selbst“ und ihre Geschichte. Freiburg 1996, S. 16.

3 Ebd., S. 14.

4 Ebd., S. 29.

5 Ebd., S. 79.

6 Transformation der Demokratie, a.a.O., S. 53.