Strumpfband versus Stöckelschuh

Birgit Jürgenssen und Valie Export – zwei künstlerische Herangehensweisen an Geschlechterverhältnisse zwischen Subversion und Frontalangriff

Derzeit ist in Wien eine ungewohnt große Zahl an feministischen Kunstschaffenden ausgestellt. Das Bank Austria Kunstforum zeigt Birgit Jürgenssen, in der Kunsthalle sind verschiedene Künstlerinnen der Pop-Art zu sehen und Valie Export stellte dieses Jahr bereits im Belvedere und im Lentos Museum in Linz aus. Sie alle werden unter dem Schlagwort „feministische Kunst“ gehandelt, dennoch sind sowohl künstlerisch als auch inhaltlich sehr unterschiedliche Ansätze und Strategien vertreten.
Valie Export und Birgit Jürgenssen sind beispielsweise zwei Künstlerinnen, die viel gemeinsam haben und doch unterschiedlicher kaum sein könnten. Sowohl Export wie auch Jürgenssen waren in bzw. seit den 1970er Jahren in Wien als Künstlerinnen aktiv, beide werden explizit als feminis-tische Künstlerinnen begriffen – dennoch ist, trotz vieler Parallelen, ihr Kunstschaffen stark von unterschiedlichen Strategien geprägt: Während Valie Export vor allem durch ihre tabubrechenden öffentlichen Aktionen berühmt wurde, arbeitet Jürgenssen vielmehr subtil.
Valie Export ging seit Beginn ihrer künstlerischen Karriere stark in die Öffentlichkeit und versuchte bewusst, und mit Erfolg, ihren Namen als Marke zu etablieren. Sie zählt heute zu den bekanntesten Künstlerinnen der Aktionskunst und ist auch einem kunstfernen Publikum, unter anderem als feministische Ikone, ein Begriff. Birgit Jürgenssen hingegen war lange Zeit unbekannt, die große Einzelausstellung im Kunstforum ist erst die zweite Retrospektive und als Besucher_in hat mensch seine/ihre Ruhe, denn die Ausstellung ist leider schwach besucht.
Ein zweiter Blick lässt den Fokus weit tiefer in das Werkinnere fallen, denn Jürgenssen und Export vertreten auch inhaltlich divergierende Positionen. Während in Exports Werk, speziell im bekannten Frühwerk, stark auf den Subjektstatus der Frau hingearbeitet wird, ist bei Jürgenssen ein pluralistischer Identitätsbegriff fassbar.
Ein Beispiel sind Exports Körperkonfigurationen. Die Künstlerin fotografiert darin ihren eigenen Körper in eigenwilligen Posen, die sich der jeweiligen Umgebung und Architektur anpassen, so ergibt sich beispielsweise der kniende Körper der Stufenform des Theseustempels im Wiener Volksgarten – eine Verbildlichung der Konditionierung weiblicher Körper, wie sie in einer männlich dominierten Mehrheitsgesellschaft durch die Erfüllung fremdbestimmter Erwartungen und ständige Wiederholung vorgefertigter Verhaltensmuster eintritt, zum Beispiel im Unterliegen unter Schönheitszwänge.
Valie Export macht klare Aussagen, Jürgenssen hingegen liebt das Wortspiel. Zum einen ist die Auseinandersetzung mit Sprache in ihrem Werk eine Konstante, zeichnerisch behütet sie den Augapfel und trägt das Match mit sich selbst aus. Aber auch in vielerlei anderen Bezügen tendiert sie zu pluralistischen Bedeutungsebenen. Anders als Export geht es bei Jürgenssen nicht nur um die den herrschenden Geschlechterverhältnissen inhärente Unterdrückung der Frau – sie spielt genauso auf andere Dichotomien wie etwa Mensch und Tier, Natur und Kultur an, und unterläuft so ein System von Dualitäten in seiner Gesamtheit, welches auch die momentane Geschlechterordnung binär organisiert. Jürgenssen arbeitet mit subtilen (teils selbst-)ironischen Mitteln und ist so in ihrem Umgang mit Geschlechterrollen und Sexualität im Feld subversiv parodistischer Methoden zeitgenössischer Künstler_innen, aber auch Theoretiker_innen zu verorten. Diese subversive Ironie zeigt sich in Jürgenssens Serie Schuhwerk: sie fertigt aus verschiedensten Materialien Schuhe, durch die sie durch geschickte Verwendung von Material und Form den Fetischcharakter der Modewelt und die Fetischisierung der weiblichen Sexualität entlarvt, während sie gleichzeitig interessante und ästhetische Objekte schafft.
Auf die Spitze getrieben wird der Vergleich im Umgang mit dem eigenen Körper, den als künstlerisches Material selbstbestimmt zu bearbeiten kennzeichnend ist für die feministische Kunst der 70er Jahre. Aber gerade hier zeigt sich ein unterschiedliches Verhältnis von Identität und Körper – Export greift in radikaler Form in den eigenen Körper ein, sie trägt am Oberschenkel ein eintätowiertes Strumpfband, eine klare Kritik an der Sexualisierung des weiblichen Körpers. Jürgenssens Körperprojektionen hingegen, in denen sie mittels Overheadprojektor ihren Körper zur Projektionsfläche verschiedener Bilder, Themen, Masken macht, lassen Grenzen von Körperlichkeit verschwimmen und stellen den Körper als mit beliebigen Identitäten bespielbare Bühne dar, eine Arbeit, die in sich prozessorientiert und veränderbar ist.
Der Kontrast, den diese beiden Positionen bilden, macht auch jenseits der unterschiedlichen feministischen Perspektiven greifbar, wie vielfältig sich die Rolle von Kunst innerhalb sozialer Bewegungen und gesellschaftlicher Auseinandersetzung gestalten kann.