Quer und (Anti-)Kapitalismus

Wie sie bereits mit ihrem Vorgängerbuch Interventionen gegen die deutsche „Beschneidungsdebatte“ bewiesen, verstehen sich die beiden Autoren* Salih Alexander Wolter und Heinz- Jürgen Voß darauf, Debatten zuzuspitzen und gleichzeitig zu versachlichen. Gemeinsam mit Zülfükar Çetin stellten sie darin dar, wie die ,Beschneidungsdebatte‘ auf antisemitische und antimuslimische Argumentationen zurückgreift und machten deutlich, wer überhaupt an dieser Debatte teilnehmen kann. Die Stärke ihres neuen Buches ist gleichzeitig seine Schwäche: Mit Queer und (Anti-)Kapitalismus haben sie zwar die Grundlage für eine – besonders im deutschsprachigen Raum – längst notwendig gewordene Diskussion über die Vielfalt an Ausschlussmechanismen im Kapitalismus geschaffen. Das Buch kann und soll die Diskussion aber nicht ersetzen. Salih Alexander Wolter zeichnet in seinem Abschnitt des Buches die lange Geschichte der zahlreichen Ausschlüsse nach, von denen Frauen*, Queers, People of Color und Arbeiter*innen innerhalb und außerhalb der eigenen Reihen stets betroffen waren. Wolter bietet damit eine Einführung in postkoloniale und queere Themen, die er mit Beispielen aus dem Bereich des Aktivismus zu unterstreichen weiß. Heinz-Jürgen Voß behandelt die Zusammenhänge zwischen Kapitalismus, Geschlechterverhältnissen und Kolonialisierung. Themen, die häufig unter den Tisch fallen, finden hier Platz, wie zum Beispiel der deutsche Kolonialismus oder die Funktion der Biologie bei der gesellschaftlichen Zurichtung von Menschen, deren Beleuchtung eines von Voß , Kerngebieten ist. Statt sich auf starre Erklärungsmuster zu versteifen, stellen Wolter und Voß Fragen: Sie zeigen auf, was ,Ökonomiekritik‘ mit Kapitalismus nicht mehr zu tun hat und wie Kämpfe, die ihren Kern nicht benennen können, zahnlos werden.

Voß, Heinz-Jürgen / Wolter, Salih Alexander: Queer und (Anti)-Kapitalismus. Schmetterling Verlag. Stuttgart 2013, 12,80 EUR