Zone, Strahlung, Sarkophag
Das heurige 25-jährige Jubiläum der Katastrophe von Tschernobyl steht unter symbolkräftigen Vorzeichen. Während sich in Japan eine erneute nukleare Kata-strophe anbahnt, wird andernorts eine Sperrzone für den Tourismus geöffnet.
Eine endlose Geschichte
Am 26. April 1986 ereignete sich im Leninkraftwerk nahe der Stadt Tschernobyl eine der größten atomaren Katastrophen. Nach Vertuschungsversuchen seitens der sowjetischen Behörden wurde erst zwei Tage nach dem Unglück die nahegelegene Arbeiter_innenstadt Pripjat evakuiert. Um den zerstörten Reaktorblock IV des Kernkraftwerks wurde in einem Radius von 20 km eine Sperrzone errichtet, in der menschliches Leben aufgrund der hohen Strahlenbelastung dauerhaft nicht möglich ist. Die genaue Opferzahl ist bis heute nicht gänzlich geklärt und die nachfolgenden Generationen werden weiterhin an den gesundheitlichen Folgen der Radioaktivität leiden. Der zerstörte Reaktor wird durch einen provisorisch errichteten Schutzmantel, einen sogenannten Sarkophag, von der Umwelt abgeschirmt. Aufgrund seiner Baufälligkeit wird seit einigen Jahren an einer neuen Schutzhülle gearbeitet, die schließlich den Reaktor gänzlich umschließen soll.
Katastrophen-Museum
Seit einigen Jahren bieten ukrainische Reiseunternehmen Tagesausflüge in die Zone um Tschernobyl an. Diese werden geleitet, da nur in bestimmten Gebieten die Strahlung ein für Menschen relativ ungefährliches Maß hat. Laut ZEIT reisen pro Jahr zwischen 8.000 und 20.000 Menschen in das kontaminierte Gebiet (1). Unter dem Eindruck einer bevorstehenden massentou-ristischen Erschließung stellt sich die Frage, was dies für die Wahrnehmung der Katastrophe bedeutet. Insgesamt lässt sich von einer Musealisierung der Zone sprechen, die zum Bewahrungsort von Kulturrelikten wird. Im Konkreten handelt es sich um ein symbolisches Ensemble des Nuklearzeitalters und der Zeit vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Da die hier zurückgelassene Welt ihr Sozialsystem verloren hat, erlangen die Gegenstände eine metafunktionale Bedeutung. Beispielhaft hierfür sind etwa die Schrottplätze mit Hubschraubern, Militär- und Baufahrzeugen, die aufgrund ihrer hohen Strahlung zurückgelassen werden mussten. Aus heutiger Sicht verweisen diese Relikte auf den Versuch der Abwendung einer Katastrophe.
Auswirkungen auf das Gedächtnis
Abgesehen von gesundheitlichen Bedenken einer Reise in die Zone ergeben sich aus einer touris-tischen Erschließung des Gebietes Vor- und Nachteile. Einerseits verweist das Interesse vieler Menschen auf das Bedürfnis der Aufarbeitung dieses bisher relativ unbearbeiteten Kapitels der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Andererseits impliziert die Musealisierung eine bestimmte Sicht auf die Vergangenheit. Auch im Zusammenhang mit der Katastrophe im japanischen Kernkraftwerk Fuku-shima I wird hierbei kritisch zu beobachten sein, welche Perspektive auf den Umgang und die Folgen der Kernenergie entwickelt und im Zuge der Kommerzialisierung tradiert wird.
Bewältigungsversuche
Mit der „Einsargung“ von Reaktorblock IV in Tschernobyl kann der Ausgangspunkt der Katastrophe symbolisch abgeschirmt werden, das Unglück erscheint dadurch kontrollierbar. Der Tourismus hat eine stützende Funktion für diese Symbolik. Im Zuge der Musealisierung erscheint die Zone einerseits als Mahnmal des Atomzeitalters und vermittelt den trügerischen Eindruck der Endlichkeit der Katastrophe von Tschernobyl. Diese wird noch weitere Generationen begleiten, insofern die Geschichte der Kernkraft noch viele Jahrtausende lang nicht abgeschlossen ist.









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