Saturday Night in the City of the Dead

Sie tragen schwarz, schauen finster drein und können einander nicht verstehen. Die Wiener Gothic-Szene ist vor allem eins: gespalten.

Alle paar Monate trifft sich die Wiener Gothic-Szene zum lokalen Großereignis, dem Schwarzen Reigen. Hier mischt sich eine Subkultur, die sonst über Wien verteilt und eigentlich alles andere als homogen ist. Zwar eint beim Reigen die Dominanz schwarzer Kleidung die Massen, aber man merkt schnell, dass hier verschiedene Welten aufeinanderprallen.
Kritisch beäugt ein älterer Herr mit Joy-Division-Shirt einen auf der Tanzfläche herumalbernden Gasmaskenträger mit neongrüner Schweißerbrille. Eine viktorianisch gekleidete Dame stolziert mit gerümpfter Nase an Teenagern im Mangalook vorbei, während ein weiterer Besucher damit kämpft, seine Plastikvampirzähne mit einer Flasche Bier in Einklang zu bringen. Ja, es ist schon nicht leicht, sich in der schwarzen Szene Wiens zurechtzufinden. Das einzige, das offensichtlich scheint, ist, dass hier etwas nicht recht zueinander passt.

Dressed in uniforms so fine

Die Geschichte der schwarz-schwarzen Parallelgesellschaft in Wien kann man als eine Geschichte von Uniformen erzählen, als eine Geschichte von zwei Musikprojekten aus Wien, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Es ist die Geschichte von Der Blutharsch und Nachtmahr.
Der Blutharsch ist ein Musikprojekt um den Musiker Albin Julius, welches seit Ende der 90er Jahre auf Grund einer gewissen faschistischen Ästhetik, simplen, aber stilsicheren schwarzen Uniformen und teils recht provokanten Texten international Aufsehen erregen konnte. Musikalisch zwischen Neo-Folk, Industrial und militärischem Taktgefühl angesiedelt, waren Der Blutharsch für die damals in Stagnation befindliche schwarze Szene etwas relativ Neues und Aufregendes.
Obwohl Julius immer wieder betonte, dass es sich bei dem Projekt nicht um eine rechtsradikale Band handle, zog sich Der Blutharsch durch sein öffentliches Auftreten natürlich schnell und nicht ganz unverschuldet den Ruf einer Neonazi-Band zu. Der Fokus von Der Blutharsch lag aber wohl nichtsdestotrotz immer eher darauf, die eigene Inszenierung zu zelebrieren als Marschmusik zur faschistischen Machtübernahme zu produzieren.
Um 2007/08 verließ Der Blutharsch den Weg der rechtsoffenen Provokation und wandte sich anderen Sphären zu. Aber eine andere Wiener Band sollte just in diesem Moment beginnen, auf dem von Julius geebneten Pfad zu wandeln. Unter dem Namen Nachtmahr gibt Thomas Rainer, einer der Betreiber des einzigen dezidierten Gothic-Veranstaltungsorts in Wien, des Club Pi, seitdem seine Interpretation des schwarzen Uniformfetisch zum Besten. Zu dem stumpfen Geballer einer gut produzierten, aber reichlich uninnovativen Mischung aus düsterer Grundstimmung und Techno präsentiert sich Nachtmahr mit jungen Damen in Fantasieuniformen, während Rainer dazu passende Textzeilen über Mädchen in Uniform von sich gibt. Nachtmahr kommt dabei mit einer Art weichgespültem Popfaschismus daher, der ohne Provokationen à la Der Blutharsch auskommt und von Beginn an mit einem recht guten Marketingkonzept versehen war. Ein gut konsumierbares Kombipaket also, das mittlerweile geradezu einen Uniformhype unter jungen SzenegängerInnen ausgelöst hat.

Love will tear us apart

Die Kluft, welche sich zwischen Nachtmahr und Der Blutharsch auftut, kann als symptomatisch für die Kluft innerhalb der schwarzen Szene Wiens gesehen werden. Auf der einen Seite hat man die eher klassischen Gothics, die sich an den düsteren 80ern und der ausgefeilten Inszenierung der eigenen Persönlichkeit hin zu einer Tiefe verheißenden Ausstrahlung orientieren. Man gibt sich den Schein der/s intellektuell versierten und künstlerisch interessierten MelancholikersIn, welche/r mit den vermeintlichen Kommerzorgien der Jugend nichts anzufangen weiß. Dass man auch mal 70 Euro für eine Neo-Folk-Platte hinblättert und mit Lovecraft und Co. wohl die gleichen AutorInnen liest wie die Nachtmahr hörende Jugend, tut der Verachtung gegen eben diese keinen Abbruch.
Auf der anderen Seite feiert die schwarze Partyjugend im Club Pi bei Neonlicht und Technobeats. Man will vor allem Spaß haben und dabei noch ein wenig den Glanz der/s AußenseitersIn, der/s individualistischen RebellIn auf der bleichen Haut spüren. Provokation oder die ins Extrem getriebene Selbstinszenierung zum Aufbau der eigenen Identität spielt hier weniger eine Rolle als gute Unterhaltung und finstere Themenparties.
Am Ende, also in der U-Bahn am Morgen nach dem Reigen, bedeutet das alles recht wenig. Die tuschelnden Jugendlichen ein paar Sitze weiter wissen nämlich ganz genau, wo man einzuordnen ist: „Emo…“, hör ich sie noch leise flüstern.