Liebe und Sexualität im lauf der Geschichte

Ein kurzer Abriss über Liebe und Sexualität verschiedener Zeitalter

Katherina und Anna möchten heiraten, dürfen aber nicht, weil Kirche und Staat es verbieten. Katherina ging zuvor eine Vernunftehe mit einem Mann ein, den sie nicht der Liebe wegen heiratete, sondern aus ökonomischen Gründen. Als sie sich nach der Trennung von den gesellschaftlichen Normen befreien wollte, wurde ihr per Gesetz verboten, ihre Liebe für Anna öffentlich zu machen. Ökonomische Rechte konnten sie nicht erlangen. In der Praxis kümmerte sie das kaum und sie fanden ihren eigenen Weg, ein erfülltes und entfaltetes Sexual- und Liebesleben zu erfahren. Könnte sich diese Geschichte so heutzutage abspielen? Wahrscheinlich schon. Vermutlich gibt es einige Menschen, die diese Geschichte in etwa selbst erlebt, aus dem Bekanntenkreis oder den Medien erfahren haben. Tatsächlich aber stammt diese Geschichte aus dem 18. Jahrhundert. Zugegeben, es handelte sich bei den beiden Charakteren um eine Frau und einen Mann, Katherina und Joseph Arthaber. Sie, 40 Jahre alt, durfte ihren Stiefsohn, 31 Jahre, in Österreich nicht heiraten. Daher wandten sie sich an die protestantische Kirche in Ungarn und konnten sich dort später offiziell vermählen.1

Die Vernunftehe

Die Zuneigung zwischen Stiefmutter und -sohn im 18. Jahrhundert erklärt sich durch den hohen Altersunterschied zwischen Eheleuten und der Eheschließung als Politikum. Katharina musste mit 19 Jahren Joseph Arthabers Vater heiraten und war im gleichen Alter wie seine jüngsten Kinder. Zu jener Zeit wurde die erste Ehe als Vernunftehe angesehen, nicht selten wurde unter Zwang geheiratet, während sich Witwer und Witwen bei der zweiten Ehe für eine Liebesehe entscheiden konnten.
Romantische Liebe, wie wir sie seit dem 20. Jahrhundert in Europa verstehen, existierte zu jener Zeit nicht, zumindest nicht formal. Die Rezeption von Liebe ist extrem zeitgebunden. Liebe im 18. Jahrhundert ist mit „Treue, Liebe, Gemeinsamkeit, Sorge für Kinder und einer guten Wirtschaftsführung“2 konnotiert. Eheschließungen des Adels hingen zu jener Zeit stark mit Herrschaftsansprüchen und Schenkungen zusammen. Trotzdem konnten junge männliche Adelige mit Geschick den Vater überzeugen, nicht die angedachte Frau, sondern eine andere zu heiraten. Das Abwägen zwischen ‚Vernunft‘ und Ehe war essentieller Bestandteil der Partner*innenwahl. Liebe wurde als christliches Verhaltensgebot angesehen und innerhalb der Ehe wurde davor gewarnt, „die eheliche Liebe zu übertreiben“3.

Eheverbot

Während für den Adel strenge Gebote und Regeln zur Eheschließung galten, durften schwächer gestellte Stände wie z. B. Dienstbot*innen und Handwerksgesell*innen nicht heiraten. Aus diesem Grund weisen historische Quellen eine hohe Anzahl unehelich gezeugter Kinder aus. Außereheliche Kinder lassen aber nicht auf sexuelle Freizügigkeit schließen, sondern verdeutlichen den wirtschaftlichen und sozialen Ausschluss eines Bevölkerungsteils von ehelicher Sexualität. Mitte des 18. Jahrhunderts entwickelte sich allmählich „eine Intensivierung und Emotionalisierung der Beziehungen“4, elterliche Intimität begann sich zu entwickeln, welche sie vor ihren Kindern verbargen. In früheren bäuerlichen Verhältnissen schliefen die Kinder im Gegensatz dazu oft in den Betten der Eltern.

Kontinuitäten

Kontinuitäten im gesellschaftlichen Diskurs um Sexualität sind deutlich. Die Liste ist lang: Vernunft- und Zweckehen finden wir in den Geschichten der griechischen Gottheiten und sie sind auch im 18. Jahrhundert in Europa die Norm; Diskussionen über Transgender sind schon bei den Habsburger*innen zu finden. So trugt Erzherzog Ludwig Viktor, bekannt als Luzivuzi, im 19. Jahrhundert gerne Frauenkleider und hatte Liebesaffären mit Männern. Am Beispiel von Conchita Wurst zeigt sich, dass Diskussionen um Transgender bis heute nicht abgeschlossen sind. Das Thema Prostitution innerhalb der Beziehung zwischen Prostituierten und Kunden. So heiratete der Habsburger Leopold Ferdinand von Salvator eine Prostituierte namens Maria Magdalena Ritter, wofür er sogar seinen Titel ablegte. Auch heute können wir den Diskurs über Prostitution in den Medien verfolgen und zum Schluss kommen, dass die Diskussion weitgehend an einem Strang mit der Gesetzgebung zieht. Legalität und Moral sind Schlüsselbegriffe, während Liebe, Beziehung und Ökonomie kaum thematisiert werden.

Brüche

Die Kritik, dass die Erforschung von Sexualität bis heute höheren Stellenwert erhält und von seriösen Historiker*innen betrieben würde, während Liebe „denselben Ruf wie Ritterromane des 16. Jahrhunderts“ habe, übte auch die Historikerin Edith Saurer 1997: „Die Verwissenschaftlichung der Auseinandersetzung mit Sexualität und die Überzeugung, dass individuelles und gesellschaftliches Leben von ihr maßgeblich geprägt würde, hatten zur Folge, dass Liebe zu einem vorwissenschaftlichen Begriff wurde.“5 Der Wiener Historiker Franz X. Eder forschte bis 2009 an der Geschichte der Sexualität im deutschsprachigen Raum. Er arbeitete heraus, dass Selbstbefriedigung im 19. Jahrhundert verpönt und geächtet war: Mediziner [sic!] sahen darin eine Krankheit; die Kirche arbeitete mit dem Instrument der Sünde, und Pädagogen [sic!] versuchten, Onanie auf ein Erziehungsproblem zurückzuführen.6 Der Grund für das große Interesse an der Erforschung von Sexualität liegt sicherlich in der so genannten sexuellen Revolution der 1960er/1970er Jahre. Diese ist zwar durchaus zu kritisieren, hat aber auch positive Ergebnisse hervorgebracht: z. B. den Kinsey-Report, der mit statistischen Mitteln feststellte, dass Onanie nicht nur weit verbreitet ist, sondern auch zur Befriedigung sexueller Bedürfnisse führt.7 Seit dieser Zeit sind Debatten über Sexualität hoch im Kurs.

Anmerkungen:
1 Saurer, Edith: Liebe, Geschlechterbeziehungen und Feminismus, in: l’Homme 8,1, Juni 1997, S. 17–20.
2 Lesemann, Silke: Liebe und Strategie. Adlige Ehen im 18. Jahrhundert, in: l’Homme 8,2, August 2000,
S. 203.
3 Sieder, Reinhard: Ehe, Fortpflanzung und Sexualität. In: Mitterauer, Michael / Sieder, Reinhard: Vom Patriarchat zur Partnerschaft. Zum Strukturwandel der Familie, C. H. Beck: München 1977, S. 156.
4 Ebd.
5 Saurer 1997, S. 13.
6 Eder, Franz X.: Kultur der Begierde. Eine Geschichte der Sexualität, C. H. Beck Verlag: München 2002. Der Themenblock Sexualität im Nationalsozialismus ist so umfassend und umstritten, dass es aufgrund des beschränkten Rahmens hier nicht möglich ist, ihn zu bearbeiten. Ein Hinweis für alle Interessierten: Radonic, Ljiljana: Genitalfixiert statt polymorphpervers. In: UNIQUE, November 2012.
7 Kinsey, Alfred: Kinsey Report. Das sexuelle Verhalten der Frau, G. B. Fischer & Co: Berlin 1963, S. 126–163.