Töchter der Wissenschaft

Frauen wurde an österreichischen Universitäten lange das Studium verweigert. Aktuell sind 60 Prozent der StudienabsolventInnen weiblich, aber Frauen stellen nur fünf Prozent aller ProfessorInnen.

Elise Richter hieß sie, die erste Frau, die in Österreich habilitierte. Richter wurde 1865 als Tochter eines wohlhabenden Arztes geboren, über ihre Mutter ist wenig bekannt. Sie erhielt zunächst gemeinsam mit ihrer Schwester Helene (einer späteren Anglistin) Privatunterricht, ab 1891 besuchte die junge Frau als Gasthörerin Vorlesungen an der Uni Wien. 1896, als es Frauen erstmals gestattet wurde, die Reifeprüfung abzulegen, maturierte Richter und inskribierte ein Jahr später Romanistik und Sprachwissenschaften.
1907 promovierte sie mit dem Thema Zur Entwicklung der romanischen Wortstellung aus der lateinischen und arbeitete als Privatdozentin. Erst Jahre später erhielt sie eine außerordentliche Professur. Die Linguistin untersuchte physiologische und psychologische Grundlagen der Sprache. Sie interessierte sich besonders für romanische Sprachen – ihre wissenschaftlichen Errungenschaften auf diesem Gebiet machten sie international bekannt. Richter engagierte sich frauenpolitisch, gründete den Verband der akademischen Frauen Österreichs, dessen Vorsitzende sie bis 1930 blieb.
Die rassistischen und antisemitischen Gesetze des Nationalsozialismus zwangen Richter dazu, die Universität 1943 zu verlassen. Kurz darauf wurde die Wissenschaftlerin ins Ghetto Theresienstadt deportiert, wo sie am 21. Juni desselben Jahres starb.

Bildungshürden an den Unis

Elise Richter ist nur eines von vielen Beispielen für die historisch tief verwurzelte Exklusivität akademischer Bildung in Österreich. Die Uni Wien wurde als größte heimische Uni 1365 gegründet – und erst 532 Jahre später für Studentinnen geöffnet. Auch an den Unis in Linz, Graz und Innsbruck wurden Frauen erst ab 1897 angenommen. Zugelassen wurden sie zunächst nur zum Studium der Philosophie, später kamen Medizin und Jus dazu.
Der Andrang war anfangs allerdings nicht besonders groß. Die Gründe dafür nennt die Universität Wien selbst auf ihrer Webseite. Dort heißt es bemüht einsichtig: „Zwar war Frauen das Studium nirgends ausdrücklich verboten worden, aber die zählebige, traditionelle Zuweisung der Geschlechterrollen und die männerbündischen Strukturen der Universität waren ausreichend, um schon den Gedanken an ein formales Studium von Frauen mit abschließender Promotion unmöglich erscheinen zu lassen.“1 Obwohl das Staatsgrundgesetz von 1867 eindeutig das Recht auf freie Bildung festlegte2, waren Frauen in ,höheren‘ Studien nicht gerne gesehen: Hochschulen wurden als Kaderschmiede für die männliche Elite verstanden.
Trotz des verbissenen Kampfes hartnäckiger Konservativer gegen das sogenannte „Frauenstudium“ 3 drangen Frauen im Laufe des 20. Jahrhunderts schließlich sukzessive in die Hochschullandschaft vor. Besonders nach dem Ersten Weltkrieg schnellte der Prozentsatz der weiblichen Studierenden in die Höhe. In den 1980er Jahren waren erstmals 50% der UniabsolventInnen weiblich – 2012/13 schlossen österreichweit erstmals mehr als 60 Prozent Frauen ein Hochschulstudium ab.4 österreichweit erstmals mehr als 60 Prozent Frauen ein Hochschulstudium ab.4
Zahlen, die nicht darüber hinwegtäuschen dürfen, dass Frauen immer noch nicht die gleichen Bildungschancen haben wie Männer. Und darüber, dass die Uni eine ,gläserne Decke‘ hat. Denn: Je höher man in die Job-Riegen des Wissenschaftsbetriebs blickt, desto weniger Frauen finden sich dort – auf jeder Stufe der universitären Karriere werden Frauen stärker selektiert. Während rund 40 Prozent der DoktorandInnen und 40 Prozent der wissenschaftlichen AssistentInnen weiblich sind, ist nicht einmal jede/r dritte ProfessorIn eine Frau. Besonders ,aufstiegsverhindert‘ scheinen Frauen schließlich auf der letzten Sprosse der Uni-Karriereleiter: Auf nur vier der 21 RektorInnenposten sitzt derzeit eine Rektorin.

153 Männerköpfe

Den Arkadenhof der Uni säumen 154 Stein-Köpfe. Die „gelehrten Köpfe“ wurden zum Gedenken an bedeutende Wissenschaftler aufgestellt. Auf den Plaketten eingraviert sind bekannte Namen: Sigmund Freud, Karl Popper oder Erwin Schrödinger. Auch Hans Kelsen und Karl Landsteiner werden von der Uni hochgehalten. Nur ein Frauenname hat es indes in den Arkadenhof geschafft Marie von Ebner-Eschen bach, die im 19. Jahrhundert gegen gesellschaftliche Konventionen anschrieb und dafür mit einem Ehrendoktorat ausgezeichnet wurde.

Elise Richter ist unter den Steinköpfen also nicht zu finden. Auch Marietta Blau, Marie Jahoda, Lise Meitner oder Hedy Lamarr nicht – obwohl sich jede von ihnen ein Denkmal redlich verdient hätte: Die Physikerin Marietta Blau entdeckte auf 2.300 Metern Höhe in Fotoplatten Spuren der kosmischen Strahlung, die „Zertrümmerungssterne“. Sozialpsychologin Marie Jahoda beeinflusste mit Die Arbeitslosen von Marienthal die Wissenschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts maßgeblich. Lise Meitner lieferte 1939 die erste theoretische Erklärung für die Kernspaltung. Hedy Lamarr erfand zusammen mit dem Komponisten George Antheil das Frequenzsprungverfahren, das bis heute in der Mobilfunktechnik eine wichtige Rolle spielt. Und die Liste der Forschungspionierinnen ließe sich wohl noch fortsetzen. Dass keiner dieser Wissenschaftlerinnen im Arkadenhof ein Denkmal gesetzt wurde, ist Ausdruck dafür, dass Frauen für ihre wissenschaftlichen Errungenschaften nie dieselbe Anerkennung gezollt wurde wie ihren Kollegen. Und es zeigt, dass sie mit (in)formellen Hürden konfrontiert waren und sind. Tradierte Rollenbilder und männerbündische Strukturen bestimmen bis heute über universitäre Hierarchien. 1921 erhielt Elise Richter übrigens den „Titel eines außerordentlichen Professors“ [sic!]. Es sollte noch 86 weitere Jahre dauern, bis die erste Frau, Ingela Bruner, einen Rektorinnenposten übernahm.

Anmerkungen:
1 Quelle: Geschichte der Universität Wien im Überblick: http://www.univie.ac.at/archiv/rg/15.htm
2 Staatsgrundgesetz 1867. Artikel 17: „Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei“ und Artikel 18: „Es stehtJedermann frei, seinen Beruf zu wählen und sich für denselben auszubilden, wie und wo er will.“
3 Die auch nicht davor zurückscheuten, die Zulassung von Frauen mit der Vernichtung bzw. Auflösung der Universitäten schlechthin gleichzusetzen.
4 Quelle: Der Standard, Februar 2014 http://derstandard.at/1392686289059/60-Prozent-Uniabsolventinnen