Frauen in der europäischen Philosophiegeschichte

… gibt es angeblich erst seit dem 20. Jahrhundert – oder doch nicht? Ein Blick auf Vergessene und Verdrängte, auf Mechanis- men des Ausschließens und Mühsal wie Tücke der Rekonstruktion.

Die Philosophie als akademische Disziplin ist spätestens seit dem 19. Jahrhundert durchgängig historisiert (1) – und dies in zweifacher Hinsicht: Einserseits dient das Archiv historischer philosophischer Schriften je nach Schulzugehörigkeit in mehr oder minder großem Ausmaß als Material und Grundlage philosophischer Arbeit. Andererseits sind es die vielfachen Erzählungen der Vergangenheit der Philosophie, in denen immer wieder festgeschrieben wird, was als Teil des philosophischen Archivs, des Kanons gilt und ebenso, wie wer als Philosoph(in?) zu gelten hat. Und in diesen Erzählungen scheint es nicht nur nicht nötig zu sein, Frauen als Philosophinnen zu markieren, vielmehr bedarf es meist einer Rechtfertigung.

Gründerinnen

Und dies obwohl vom seit dem 18. Jahrhundert mit dem klassischen Griechenland der Antike gesetzten Anbeginn der abendländischen Philosophie Frauen durchaus prominent figurieren. So war Aspasia von Milet nicht nur große Salonführerin und Ehefrau von Perikles, sondern galt Platon auch als Sokrates’ Lehrerin in philoso- phischer Methodologie (2). Ihre Beiträge zum philosophischen Archiv der Zeit umfassen unter anderem eine auf dem Eros-Begriff basierende Ethik wie auch einen frühen panhellenistischen Ansatz in politischer Philosophie, den sie in der Sprachgemeinschaft der Griechinnen und Griechen begründet. Wie Sokrates hat sie keine Schriften hinterlassen – und ebenso wie dieser war auch sie Zielscheibe der Komödiendichter – allerdings wird sie, im Gegensatz zu Sokrates, nicht zu den Gründungsfiguren der europäischen Philosophie gezählt. Viele akademisch ausgebildete Philoso- phInnen kennen nicht einmal ihren Namen.
Dies war jedoch, entgegen der gängigen Vorstellung einer linearen Entwicklung hin zu einer immer größeren Gleichstellung von Frauen und Männern, nicht immer so. In der meistgelesenen und erfolgreichsten aller antiken Philosophiege- schichte, den anekdotal gehaltenen Leben und Lehren der Philosophen von Diogenes Laertius figuriert sie, wenn auch wenig prominent, ebenso wie im frühneuzeitlichen Über philosophierende Frauen von Gilles Menagé.
Ausgeschlossen werden aber nicht allein Phi- losophinnen der griechischen Antike, auch Frauen, die in der Neuzeit wisssenschaftlich gearbeitet haben, gelten nicht als Teil des philosophischen Kanons. Als prominentestes Beispiel hierfür kann Anne Finch Conway gelten, deren Hauptwerke gegen Ende des 17. Jahrhunderts entstanden sind – sie ist nicht nur eine Vertrerin der scientific ladies, privilegierter Frauen, die sich naturwissenschaflich betätigen, sondern mit ihren Principles of the Most Ancient and Modern Philosophy nicht nur eine fähige Philosophiehistorikerin, sondern vor allem auch eine innovative Metaphysikerin: Sie entwickelt in dem Bemühen, eine Brücke zwischen Mechanismus und Vitalismus zu bauen eine eigenständige Monadenlehre. Dieser Begriff ist den meisten jedoch nur in Zusammenhang mit Gottfried Wilhelm Leibniz bekannt – obwohl dieser sich in Briefen ausdrücklich auf Conways Arbeiten bezieht. Und auch in der gegenwärtigen Leibniz-Forschung ist dieser Traditionslinie bis- lang kaum nachgegangen worden. Ihr nachzugehen dürfte sich auch als etwas schwierig gestalten: Eine Literaturrecherche, etwa in den Katalogen der Universitätsbibliothek Wien, ergibt, dass zwar ihre Korrespondenz auf einer philolo- gischen Fachbibliothek zu finden ist, von ihrem philosophischen Hauptwerk hingegen im gesamten Bibliothekssystem kein einziges Exemplar vorhanden ist, obwohl dies dank einer Neuauflage von 1982 leicht greifbar wäre.
Im Gegensatz zu Philosophinnen des späten 19. Jahrhunderts war allerdings Anne Finch Conway noch in der glücklichen Lage, selbst publizieren zu können. Harriet Taylor Mill hingegen konnte ihre Beiträge zu politischer Philosophie und philosophischer Frauen- und Geschlechterforschung nur unter dem Namen ihres Mannes John Stuart Mill veröffentlichen. Selbst kontemporäre Gesamtausgaben listen Essays aus ihrer Feder noch als die seinen.

Auschlussmechanismen und vorgestellte Linearität

Überhaupt scheint sich der Ausschluss von Frauen aus der Philosophiegeschichte in Europa in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verhärtet zu haben. Ab diesem Zeitpunkt sind auch für lange Zeit keine Geschichten der Philosophie erschienen, in denen Frauen in einer anderen Position denn als Randfiguren und Anhängerinnen großer Männer vorkommen. Waren sie beispielsweise bei Menagé noch als Andere markiert – seine Geschichte der philosophierenden Frauen ist ein separater Teil eines größeren philosophiehisto- rischen Oeuvres – so war das Wissen um sie zumin- dest noch sagbar. Erst in der mit der zweiten Frauenbewegung einsetzenden Rekonstruktion beginnen sie wieder sichtbar zu werden. Dies ist vor dem Hintergund von fast schon bizarr anmutenden Figuren des absoluten Aus- schlusses geschehen, die fast schon komisch wirken können: So listet etwa eine 1959 in New York erschienene Pictorial History of Philosophy nicht nur die große feministische und existentialistische Philosophin Simone de Beauvoir als eine der „AnhängerInnen“ ihres Lebensgefährten Jean Paul Sartre – ohne ihr einen eigenen Eintrag zu widmen. Darüber hinaus war hier die Erwähnung Aspasia von Milets nur über ihren Gatten möglich – Perikles, der mit Fug und Recht als der größte Staats- mann der Antike gelten mag, sicherlich jedoch kein Philosoph war, ist in dieser Geschichte der Philosophie ein Haupteintrag gewidmet. Anbei ein Bild seiner Frau, dessen Randnotiz lautet: Aspasia, Wife of Pericles, Renowned for her Philosphic (!) Dialogues (Hervorhebung von mir, kuka)
Diese Art der Legitimation über oder Kompe- tenzverschiebung an Männer im Umfeld philosophierender Frauen – seien dies Gatten, Brüder, Väter oder Lehrer – ist neben simplem Totschweigen nur eine von vielen Figuren des Ausschlusses von Philosophinnen. Eine gängige Variante ist auch die in diesem Zusammenhang abwertende Bezeichnung als bloße „Schriftstellerin“ – dies ist häufig auf de Beauvoir angewandt worden. Auch Hannah Arendt hat in Bezug auf sich selbst diese Figur vollzogen, als sie sich in Absetzung zu Martin Heidegger nicht als Philosophin, sondern als „politische Denkerin“ definiert hat.
Ein wesentlich weiterreichenderer Mechanismus ist die Vorstellung einer stetig und linear zunehmenden Besserstellung von Frauen im Zuge der europäischen Geschichte. Zumindest in Hin- sicht auf die philosophische Tätigkeit kann dies mit oben genannten Beispielen sowohl philosophischer Praxis wie auch des Berichtens davon widerlegt werden. Dennoch bleibt diese Vorstellung paradigmatisch – sie wird sogar in der Rede von einer zweiten Frauenbewegung vollzogen. Denn dieses zweite bezieht sich auf eine „erste Frauenbewegung“ am Ende des 19. Jahrhunderts – dabei wird die Querelles de Femme, eine auch philosophisch geführte Auseinandersetzung über Frauenrechte der Renaissance und frühen Neuzeit, die durchaus als eine der bislang produktivsten Epochen von Frauen- und Geschlechtertheorie betrachtet werden kann, völlig außer Acht
gelassen. Zahlreiche LiteratInnen und PhilosophInnen wie etwa Tullia d’Aragona oder Moderata Fonte haben schriftlich zu dieser europaweiten Debatte beigetragen.
Allerdings soll hier keinesfalls der Eindruck entstehen, dass von einer umgekehrten Linearität ausgegangen werden kann – schon in der griechischen Antike gibt es die Figur des Ausschlusses der Frau als eine ganz Andere. So ist eine der für das Selbstverständnis europäischer Philosphen (sic!) grundlegende Geschichte die des Aufein- andertreffens einer thrakischen Magd und des als Gründerfigur geltenden Thales von Milet: Thales fällt bei der Betrachtung des Sternenhimmels in einen Brunnen und kann sich nicht mehr selbst daraus befreien. Die (namenlose) thrakische Magd kommt am Brunnen vorbei und lacht auf- grund seiner Erklärung wie und weshalb er hineingefallen, sei herzlich. Dies wird bis heute häufig als die Demonstration des Unverständnisses Nichteingeweihter interpretiert – nicht Thales im Brunnen, sondern die lachende Magd gilt als die Ungeschickte von beiden. In der feministischen Interpretation hingegen wird dies als Setzung von Frauen als die Irrationale in der Leiblichkeit verhaftete Andere gelesen.
Allerdings versteckt sich hier auch der Hinweis auf ein andauerndes Problem der Rekonstruktion: Die Thrakerin ist eine Dienstmagd, und gerade auch als solche, als arbeitende, nicht privilegierte Frau auszuschließen. Diese Verkreuzung von mehreren Achsen von Benachteiligung ist bisher in der Rekonstruktion europäischer Phi- losophinnengeschichte nicht einmal ansatzweise aufgearbeitet: Während im Black Feminism zumindest Teile der Beiträge nicht-privilegierter Frauen zur Frauen- und Geschlechtertheorie erarbeitet worden sind, wissen wir wenig über ihre andere philosopische Arbeit, und so gut wie nichts über Philosophinnen aus anderen Erdteilen. Wer heute Philosophinnengeschichte erforscht, kann sich (wieder?) als Pionierin fühlen.

1 Schneider, Ulrich Johannes: Die Vergangenheit des Geistes. Eine Archäologie der Philosophiegeschichte. F/M: Suhrkamp, 1990

2 Platon, Menexenos, 235e

Zum Weiterlesen:
Nachschlagewerke: Meyer, Ursula I. Die Welt der Phi- losophin. Aachen: Ein-Fach-Verl, 1992-1998. Rullmann, Marit. Philosophinnen. eFeF-Verl., 1998. Zu Ausschlussmechanismen: Wimmer, Franz Martin. „Sexismus ohne Sexisten. Die acta philosopharum als Beispiel (1989)*“, o. J. http://homepage.univie.ac.at/ franz.martin.wimmer/1989sexismus.html.