Barrierefreiheit
Zugänglichkeit, Accessability, Barrierearmut, Benutzbarkeit
Niemand soll aufgrund von körperlicher oder geistiger Befähigung, von fehlenden Sprachkentnissen oder sozialen Verpflichtungen (Pflege) ausgeschlossen werden. Erstrecken soll sich diese Möglichkeit zum Mitmachen über alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens; Die Anwendungen reichen dabei von der zugänglicheren Gestaltung eines Verwaltungsgebäudes über das barrierefreie Design von Produkten bis hin zur für alle verständlichen Aufbereitung von Druckwerk und digitalen Informationen.
The good and the bad
Diese erhöhte Sensibilität gegenüber der Unterschiedlichkeit von Menschen und der Bedeutung, die Körperlichkeit im Alltag spielt, ist in vielerlei Hinsicht begrüßenswert. Sie zeugt von dem Anspruch der bürgerlichen Gesellschaft an sich selbst, alle als Gleiche zu beteiligen und mahnt damit an einen der sympathischeren Aspekte des Liberalismus. Auf dem Markt treten sich Freie und Gleiche gegenüber und der Staat hat dafür zu sorgen, dass die Bedingungen für alle Kontrahentinnen formal gleich sind, sodass sie sich im Wettkampf sozial ungleiche Positionen erstreiten können. Im Kapitalismus stellt sich diese Gleichheit nicht automatisch her, ist nicht einfach gegebenes/gedankliches Pendant der Produktionsverhältnisse. Sie muss gegen eine Gesellschaft, die ständig an ihren inneren Widersprüchen auseinanderbricht, eingefordert und immer wieder erkämpft werden.
Besonders hervorzuheben ist diese erbauliche Tendenz angesichts der gegenläufigen Entwicklungen, die es auch gibt. Zu nennen wären etwa erstarkende biologistische Theorien in den Wissenschaften, die zweischneidigen Debatten um Pränataldiagnostik und Euthanasie und vor allem auch die Diskussion von Überalterung im Kontext von Kosten für die Gesundheitsversorgung. In letzterer herrscht auf erschreckende Weise eine Sprache der Effizienz, in der Abweichungen von der Norm gesunder, junger Körper fast unmittelbar als Kostenfaktor auftauchen. Auch in der Popkultur spielen solche Sujets, die an die nazistische Eugenik gemahnen, eine Rolle, wenn etwa in „Idiocracy“ eine Dystopie dargestellt wird, in der die Menschheit zu degeneriertem Trash herabgezüchtet wurde. Ähnliche Gefahren beschwor schon Konrad Lorenz herauf, dem der Umstand, dass natürliche Selektion nicht mehr unter den Menschen wütet, ein Gräuel war.
Almosengabe
Dennoch wäre einiges an der Umsetzung der derzeitigen Maßnahmen zu kritisieren. Zuerst, dass sie nicht weit genug geht: Räume werden so eingerichtet, dass sie von Menschen, die einer gewissen angenommenen Körpernorm nicht entsprechen auch benutzt werden können. Unsichtbar bleibt dabei, dass sie von Vornherein für Junge und Gesunde optimiert und entweder nachträglich in einem Gestus der herablassenden Kulanz für andere angepasst oder diese bei der Konzeption – was durchaus besser ist – mitgedacht wurden. Aber eben nie als Primäre, sondern als im Grunde zu Bemitleidende, auf die Rücksicht genommen werden muss. Dadurch ergibt sich eine Aufteilung der öffentlichen und privaten Räume in solche, die qua ihrer grundsätzlichen Anordnung von Benutzung ausschließen und solche, die von fast allen benutzt werden können; je mehr es von letzteren gibt, desto größer der Beifall. Gleich bleibt aber, dass bestimmte Fähigkeiten die Zugänglichkeit grundsätzlich, also fast jeden Raum betreffend, erhöhen und andere nicht. Wer sehen kann, dem wird das in so gut wie jedem Umfeld Vorteile verschaffen, während die Fähigkeit, sich im Dunkeln zu orientieren im modernen Alltag nur in Ausnahmen hilfreich ist. Es handelt sich hier nicht um Eigenschaften der Fähigkeiten, also darum, dass manche einfach nützlicher wären als andere, sondern um eine spezifische Verfassung der Gesellschaft und ihrer Bereiche.
Positive Diskriminierung
In anderen Belangen, in denen Gleichstellung von Minderheiten gefordert wird, gab sich radikalere Kritik selten mit einer einfachen Gleichbehandlung zufrieden, geschweige denn mit gönnerhaften Zugeständnissen von Mitbeteiligung. Angesichts tiefgreifender gesellschaftlicher Ungleichheit wurde immer auf Bevorzugung bestanden, also auf einer Diskriminierung der Priviligierten. Dies entspricht einem Gesellschaftsbegriff, in dem Gesetze nicht der Weisheit letzten Schluss darstellen, sondern den verzweifelten Versuch, das Allerreaktionärste im Zaum zu halten und Platz für emanzipatorische Dynamiken freizuspielen.
Auch bezüglich Barrierefreiheit ließen sich solche Überlegungen zu positiver Diskriminierung anstellen und zwar über die Forderung von Quoten hinaus. Etwa wäre eine Architektur denkbar, die von Grund auf auf Menschen mit unterschiedlichsten Fähigkeiten ausgerichtet ist. In Dunkelrestaurants, von denen es einige in Deutschland und auch eines in Wien gibt, ist diese Phantasie schon Realität. Das Prinzip, das dabei – und zwar ohne diese Hintergrundüberlegungen auskommend – umgesetzt ist, ließe sich aber gedanklich verlängern und auf vielfältigere Bereiche übertragen.
Der Tagtraum wäre der einer gesellschaftlichen Raumaufteilung in Räume, in denen auf verschieden verteilte Fähigkeiten derart Rücksicht genommen wird, dass es für alle Räume gäbe, die ihnen einen reibungsloseren Umgang ermöglichten und Räume, in denen sie gewisse noch bestehende Hürden, die nicht auszuschließen sind, vorfänden. Beseitigt wäre aber die dominante Berücksichtigung der Mehrhheitskörper. Soweit das höchste der liberalen Gefühle. Doch noch dieses unrealistische Hirngespinst bliebe dem Primat der Benützbarkeit unterworfen und geht also nicht weit genug.
Sabotage
Eine Kritik, die nicht mit dem Bestehenden kollaboriert, würde nicht konstruktiv darauf abzielen, das Funktionieren, den reibungslosen Ablauf der verwalteten Welt sicherzustellen, sie würde sich nicht damit begnügen, die Herrschaft der Waren über die Menschen effizienter zu gestalten und so sie noch dort zu vertiefen, wo sie als Befreiung erscheint. Sondern das bestimmte Falsche, die Beschädigung der Menschen durch die Menschen in unnachgiebigem Insistieren, das den falschen Kompromiss ausschlägt, um der Hoffnung vom ganz Anderen Treue zu halten, auf heben.
Zugespitzt gilt es also dafür zu sorgen, dass die bestehenden Räume nicht von allen, sondern von niemandem mehr benutzbar werden, solange die Welt nicht nach den Bedürfnissen und Fähigkeiten der Menschen eingerichtet ist, die sie bewohnen. Diese Sabotage kann sich natürlich nur gegen Räume richten, die der Mehrheit vorbehalten sind und schlägt sich undemokratisch auf die Seite der Minderheiten.









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