Natürlich, gesund, antiemanzipatorisch

Über die Verirrungen moderner Kindererziehung, den antifeministischen Backlash und die (Un)Möglichkeiten von Kinderbetreuung

Um es gleich vorweg zu sagen: dies ist kein sich in vermeintlicher Objektivität wiegender Artikel, sondern eine Polemik, die sich vorwiegend auf meine mittlerweile fast zweijährige Erfahrung als junge, feministische und arbeitende Mutter stützt.

Eigentlich sollte man meinen, dass die Frage, welche Rollen jenen Menschen zugedacht sind, die aufgrund bestimmter physischer Eignungen die Möglichkeit haben, neue Menschlein zu produzieren, und welchen Zwängen sie sich gegenüber sehen, im Prinzip ein grundfeministisches Thema wäre; leider aber fühle ich mich als junge Mutter mit dieser Thematik oft alleine. Der Queerfeminismus scheint manchmal mehr mit der Dekonstruktion des biologischen Geschlechts beschäftigt zu sein als mit den praktischen Herausforderungen, die gewisse biologische Veranlagungen und Fähigkeiten nun mal mit sich bringen. Und überhaupt werden so profane Dinge wie Kinder zu bekommen und großzuziehen, sich also nicht der Theorie und/oder der Revolution zu widmen, von der Linken scheinbar nicht goutiert. Wer es dennoch wagt, ist schnell draußen aus den sich zu später Stunde in verrauchten Kämmerchen treffenden Politgruppen; schon rekrutiert sich das neue soziale Umfeld aus Stillgruppen, dem Mama-Baby-Yoga oder dem Tragetreff. Dort ist eins alsbald konfrontiert mit den verschiedensten Meinungen und normativen Bewertungen von allem, was mit Kindern zu tun hat – von der Schwangerschaft über die Geburt bis zur Verpflegung und Erziehung. Irgendwie auch logisch, schließlich hat eins die kleinen Quälgeister ja ins Herz geschlossen und will deshalb nur das Beste für sie. Und diejenigen, die selbst keine Kinder haben, mischen trotzdem gerne mit, schließlich wird hier ja die nächste Generation, die Zukunft der Gesellschaft herangezogen. Ob allerdings durch richtige Ernährung in der Schwangerschaft wirklich Fettleibigkeit verhindert werden kann oder ob durch eine gute Bindung tatsächlich die besseren Menschen entstehen, sei einmal dahingestellt. Die gerade vorherrschenden Vorstellungen über den besten Umgang mit (ungeborenen) Kindern sagt wohl vor allem viel über den Stand der Gesellschaft aus.

Zurück zur Natur?

Während die Generation der fröhlichen Milupakindern noch meistens mit Milchpulver und Fläschchen unter strikten Fütterungs- und Schlafenszeiten großgezogen wurden und schon mal ein wenig schreien mussten, weil das angeblich die Stimmbildung förderte, hat sich im Spätkapitalismus das Blatt gewendet. In der voll digitalisierten und technologisierten Welt sehnen sich die vereinzelten Individuen zurück zu einer imaginierten, natürlichen Ursprünglichkeit. Dies äußert sich nicht nur in cremeweißen Bodys aus Bio-Fairtrade-Baumwolle und selbst püriertem Babybrei mit Gemüse aus der lokalen Food-coop, sondern auch in vermeintlich progressiven Erziehungsratschlägen. Diese entpuppen sich auf den zweiten Blick als Verfestigungen eines antifeministischen Backlashs. Natural Parenting kann dabei als Überbegriff für eine Reihe von Praktiken verstanden werden, die viele Errungenschaften der modernen Medizin, wie z. B. Schmerzmittel bei der Geburt oder Wunschkaiserschnitt, ablehnen und den verunsicherten, frischgebackenen Eltern stattdessen raten, auf ihre angenommenen Instinkte zu hören.1 Dazu gehört auch, auf Milupa und Co. zu verzichten und stattdessen anfangs ausschließlich und grundsätzlich möglichst lange zu stillen. „Breast is best“ wird jetzt von Hebammen und stillfreundlichen Krankenhäusern verkündet. Tatsächlich ist das Stillen, so es denn funktioniert, eine ganz praktische Angelegenheit. Aber in dem Slogan schwingt auch die Moralkeule mit, denn wer nicht stillt, will offensichtlich nicht das Beste für die Kleinen. Neben diesem Druck auf die ohnehin meist überforderten Jungeltern hat das Stilldogma aber auch die praktische Implikation, dass sich der Entfernungsradius der stillenden Person auf ein Zeitfenster von wenigen Stunden beschränkt. Diese Ko-Dependenz wird dann gerne euphemistisch als besonders gut für das Bonding bezeichnet.

An-Bindung

Eigentlich kommt „Bonding“ aus der psychologischen Bindungstheorie, aber William und Martha Sear haben es rückwirkend als zentrales Element ihres Konzepts des Attachment Parenting, einer prominenten Spielart des Natural Parenting, proklamiert. Zwar heißt es Attachment Parenting, letztlich aber stehen die Mutter und ihre ‚sichere’ Bindung zum Kind im Vordergrund. Um diese zu erlangen, sollte die Mutter u. a. ihr Kind stets beobachten, um jegliche Signale des Unmutes schon vor dem Geschrei zu erkennen und zu beseitigen. Neben diesem „babyreading“ propagiert Attachment Parenting außerdem möglichst langes Stillen (Tschüss, Freiheit und Ungebundenheit!), das Kind möglichst viel zu tragen (Hallo, Kreuzweh!), das Kind im eigenen Bett schlafen zu lassen (Baba, Sexleben!) und nur ja kein Schlaftraining zu machen (Guten Morgen, Augenringe!).2 Denkt man Attachment Parenting logisch zu Ende, überrascht es kaum, dass die Sears evangelikale ChristInnen sind. Mit einer Berufstätigkeit jener Menschen, die die Kinder ausgebrütet haben, oder einer gleichberechtigt geteilten Elternschaft ist das Konzept kaum vereinbar. Interessanterweise habe ich in unterschiedlichen Situationen viele Anweisungen des Attachment Parenting gehört, ohne dass die jeweiligen Personen dabei auf dieses Konzept verwiesen hätten. Vieles scheint in den Mainstream der heutigen Kindererziehung eingegangen zu sein, ohne die ideologische Herkunft des Konzeptes zu kennen oder zu hinterfragen.

Rabenmutter schwer gemacht

Ich selbst hatte schon bald beschlossen, dass ich mir gerne das Rabenmutter-Ticket umhänge, dass sich das Kind meinem Rhythmus anpassen sollte und auch mal bei den Großeltern geparkt wird, damit ich Party machen kann, dass ich lieber Brei aus dem Gläschen füttere als ewig Gemüse zu dünsten und zu pürieren, und dass die Karenzzeit zu gleichen Teilen aufgeteilt wird. Dies bedeutete auch, dass ich schon nach sechs Monaten Karenz wieder meine Arbeit aufnahm und mich nach einer geeigneten Kinderbetreuungsstätte umzusehen begann. Doch das Rabenmutterdasein erwies sich in dieser Hinsicht schwieriger als gedacht. Anspruch auf einen städtischen Kindergarten haben v. a. berufstätige Eltern. Im akademischen Alltag die Karenz geschickt zwischen zwei Verträge einzubauen ist in dieser Hinsicht keine gute Strategie. Zusätzlich ist die Anmeldung für diese raren Plätze auch auf die Monate November und Dezember beschränkt und dafür außerdem die Geburtsurkunde notwendig. Kinder, die nach Dezember geboren werden, können also erst im darauffolgenden Jahr für einen Platz ab September angemeldet werden. Mit den Bezugszeiten des Kinderbetreuungsgeldes bis zum Ende des 14. Lebensmonats ist das schwer koordinierbar. Die freundliche Beamtin der MA 40 sagte dazu: „Haben Sie keine Großmutter, die da einspringen könnte?“

Wenig Unterstützung bekam ich auch von meiner Arbeitgeberin, der Universität Wien. Zwar betreibt das Kinderbüro der Uni fünf Kindergruppen mit so klingenden Namen wie Staunemäuse und Forscherflöhe3, doch ob der angebotenen Betreuungszeiten ist es fraglich, ob die Eltern der Flöhe groß zum Forschen kommen werden. Kinder bis 18 Monate werden nur halbtags von 8:30 bis 12:30 betreut. Und die ‚Ganztagsbetreuung‘ bis 15:00 lässt tatsächlich staunen. Auf diese völlig an der Realität von arbeitenden Uniangestellten vorbeigehenden Zeiten angesprochen, bekamen wir vom Kinderbüro zu hören, dass man sich dort zwar darüber bewusst sei, dass durch dieses Angebot wohl nicht beide Elternteile arbeiten können, man aber versuche, eine Lösung zu finden, die auch für die Kinder und die BetreuerInnen passend ist. Wer die halbzeitarbeitende Person sein wird, ist zu 90 Prozent schon ausgemacht. Damit reproduziert die Uni diskursiv und praktisch eine Politik, die eine wirklich egalitär aufgeteilte Kinderbetreuung und  erziehung unmöglich macht. Für mein Kind musste ich letztlich auf eine private Krabbelstube zurückgreifen. Schön für diejenigen, die sich das leisten können.

Meine Erfahrungen im Wien des 21. Jahrhunderts, einer wunderbaren, lebenswerten Stadt mit einem guten Netzwerk an öffentlichen Kinderbetreuungsstätten und sonstigen Angeboten für Kindern, also eigentlich guten Voraussetzungen, um möglichst egalitäre und fortschrittliche Verhältnisse vorzufinden, lassen vielleicht auch Rückschlüsse darauf zu, wie es in anderen Kontexten zugeht. Mein Fazit: Das mit der Emanzipation, der allgemein menschlichen, dauert wohl noch ein bisschen.

Anmerkungen:

1https://www.theguardian.com/lifeandstyle/2016/jul/30/attachment-parenting-best-way-raise-child-or-maternal-masochism?CMP=share_btn_fb (Alle Zugriffe auf Internetquellen am 09.03.2017)

2 http://www.attachmentparenting.org/principles/principles.php

3 http://kinder.univie.ac.at/425.html