„Mount Nasty“

Über den Women’s March on Washington, D. C., den neuen US-Präsidenten Trump und den aktuellsten Seitensprung des Feminismus

Am 21. Januar 2017 – einen Tag nach der Inauguration des neuen US-Präsidenten Donald Trump – fand in Washington, D. C. mit 500.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern die größte Demonstration seit Jahrzehnten statt. Zählt man die Schwester-Demonstrationen in anderen amerikanischen Städten mit, war der Women’s March die bislang größte Protestbewegung in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Größer noch als die Anti-Vietnamkrieg-Demonstrationen Ende der 1960er.


Seinen Ursprung hatte der verblüffende Erfolg in einem zunächst unscheinbaren
Facebook-Post kurz nach den US-Präsidentschaftswahlen im vergangenen November. Dass der Politikneuling Trump mit seiner ungehobelten Art seine erfahrene Kontrahentin Hillary Clinton geschlagen hatte, erzeugte über Parteigrenzen hinweg insbesondere bei jenen Fassungslosigkeit, die während des Wahlkampfes vielfach in seine verbale Schusslinie geraten waren: Frauen. Trump gab sich während seiner öffentlichen Auftritte keine Mühe, seine Misogynie zu verbergen. Dass höfliche Umgangsformen für den umstrittenen fünfundvierzigsten US-Präsidenten nichts gelten, stellte er viele Male unter Beweis – was wohl erheblichen Anteil an seinem Erfolg bei der Wählerschaft hatte. Kein seriöser Politiker würde in den USA heutzutage mit derart frauenfeindlichen Äußerungen um sich werfen. Trumps Attacken gegen ‚das Establishment‘ mit seinen ‚Benimmregeln‘ zahlten sich jedoch aus.

Die spöttischen Bemerkungen über das Gesicht der republikanischen Präsidentschaftskandidatin Carly Fiorina1 bildeten 2015 den Auftakt zu einer Reihe an erniedrigenden Kommentaren, die – tragisch genug – eher an Schulmobbing erinnern als an einen Wahlkampf. So machte er sich im Fernsehen über die vermeintliche Menstruation der Fox-News-Moderatorin Megyn Kelly lustig, als diese ihm unangenehme Fragen stellte2, und nannte Clinton während des letzten Wahlkampfduells „a nasty woman“3, eine hässliche, garstige Frau. Ein Kommentar, der auf zahlreichen T-Shirts, Schildern und Transparenten während des Women’s March wiederaufgenommen und ironisch gegen ihn verwendet wurde. Den zwischenzeitlichen Höhepunkt der frauenverachtenden Äußerungen bildete das im Oktober 2016 öffentlich gewordene Video, in dem Trump damit prahlt, Frauen wider ihren Willen zwischen die Beine zu fassen.4 Auch dieses Zitat, „Grab them by the pussy“, erlangte bittere Berühmtheit.

Für die einen ist Trump endlich derjenige, der sich traut, frei heraus zu sagen, was er denkt. Für die anderen bedeuten derartige Kommentare von dem Staatsoberhaupt der westlichen Welt die Gefahr, dass Misogynie, die ohnehin mal mehr, mal weniger versteckt existiert, nun wieder salonfähig gemacht wird.

So fand die anfangs kleine Facebook-Veranstaltung raschen Zulauf und wuchs bald zu einem riesigen Event. Der Women’s March on Washington, D. C. war der erste heftige Gegenwind der amerikanischen Zivilgesellschaft, der dem neu amtierenden Präsidenten entgegenschlug. Sogar weltberühmte Stars wie Scarlett Johansson, Alicia Keys und Madonna waren angereist und hielten zum Teil Reden vor der Menge.5

Die frauenfeindlichen Ausfälle Trumps und die nun zu befürchtenden neuerlichen Benachteiligungen von Frauen waren jedoch nicht das einzige Thema, das am 21. Januar in der amerikanischen Hauptstadt angesprochen wurde. Neben Plakaten mit der Aufschrift „Pussy grabs back“ und Bildern von „Mount Nasty“, eine Anspielung auf das berühmte Denkmal Mount Rushmore, wurden auch andere Schilder getragen, die dagegen eher aus der Reihe fielen.

Die US-Fahne als Hijab

Eine seltsame thematische Verquickung fiel besonders ins Auge: Neben der wachsenden Misogynie befürchteten viele Demonstrantinnen und Demonstranten für die kommende Legislaturperiode auch die rassistische Diskriminierung insbesondere von Musliminnen und Muslimen. Mediale Aufmerksamkeit erhielt vor allem ein Bild: ein Gemälde von einer mit US-amerikanischer Fahne verschleierten Frau. Während des Protestmarsches verteilten Aktivistinnen und Aktivisten Flaggen, die sie Freiwilligen als Hijab umbanden.6

Warum gerade dieses Symbol? Angenommen, es ginge den Aktivistinnen und Aktivisten tatsächlich um Rassismus, also die Diskriminierung aufgrund von Herkunft oder Aussehen, warum wird dann ausgerechnet ein politisch-religiöses Zeichen, das auch noch auf dem Prinzip der Ungleichheit der Geschlechter beruht, gewählt? Elham Manea wandte sich mit einem Artikel in der Huffington Post mit genau dieser Frage an die Organisatorinnen des Women’s March und schlüsselte auf, warum der Hijab als Solidaritätsbekundung denkbar ungeeignet ist.7

Manea, die für Frauenrechte im Nahen Osten und Nordafrika eintritt, betont, dass das Kopftuch von vielen deshalb getragen wird, weil sie dazu gedrängt oder gezwungen werden. In einigen islamischen Staaten steht für Frauen das Zeigen ihrer Haut und ihrer Haare unter schwerer Strafe. Im Iran formierte sich deshalb die Plattform My Stealthy Freedom, die gegen die strenge Tabuisierung des weiblichen Körpers durch das klerikale Regime auftritt. Manea plädiert dafür, kein Symbol der Unterdrückung als Zeichen der Solidarität mit Musliminnen zu wählen. Die Konsequenz müsste also lauten: Das aktive Werben für die Verschleierung des weiblichen Körpers hat auf einer Demonstration gegen Sexismus und die Ungleichbehandlung von Frauen nichts verloren. Gerade das Gegenteil: möglichst große Bewegungsfreiheit für alle Frauen – egal woher sie kommen und wie sie aussehen – ohne sexistische Kommentare, auch wenn man den eigenen Körper nicht verhüllen möchte, müsste das Anliegen des Feminismus sein.

Misogynie für und gegen Trump

Hinzu kommt, dass eine der Organisatorinnen des Women’s March, Linda Sarsour, dem eigentlichen Anliegen des Protestes gänzlich zuwiderlaufende Positionen vertritt. Sie selbst sieht sich als Repräsentantin von Musliminnen, dabei redet sie stattdessen dem politischen Islam das Wort. Auf ihrem Twitter-Account warb sie für die Sharia8, das religiöse Gesetz des Islam, und spottete über das Anliegen von Frauen in Saudi-Arabien, Autofahren zu dürfen.9 Den Gipfel markierte ein Tweet von Sarsour gegen Ayaan Hirsi Ali, die vor allem dafür bekannt ist, sich gegen weibliche Genitalverstümmelung zu engagieren. Sarsour schrieb öffentlich: „Brigitte Gabriel = Ayaan Hirsi Ali. She’s asking 4 an a$$ whippin‘. I wish I could take their vaginas away – they don’t deserve to be women.“10

Die Misogynie schleicht sich über einen kruden Antirassismus wieder ein und ein großer Teil der linken und liberalen Öffentlichkeit scheint dies entweder zu tolerieren oder gar zu begrüßen.

Nicht alle Auftritte gegen den neuen Präsidenten bedeuten also automatisch, dass diese auch richtig sind. Es wäre wünschenswert, dass insbesondere die hiesigen Kommentatorinnen und Kommentatoren einen kühlen Kopf bewahren und – statt sich auf dem plumpen Feindbild Trump auszuruhen – die tatsächlichen Inhalte der aktuellen Regierung sowie der Opposition und der vielschichtigen Akteure dazwischen genauer unter die Lupe nehmen würden.

Anmerkungen:

1 Siehe Dann, Carrie: Donald Trump Defends Fiorina ‚Face‘ Insult. http://www.nbcnews.com/politics/2016-election/carly-fiorina-responds-after-donald-trump-insults-her-looks-n424801 (19.02.17)

2 Siehe Chavez, Paola et al.: A History of the Donald Trump – Megyn Kelly Feud. http://abcnews.go.com/Politics/history-donald-trump-megyn-kelly-feud/story?id=36526503 (19.02.17)

3 Siehe Abad-Santos, Alex: Clinton supporters leaned into Trump’s „nasty woman“ insult and turned it into a compliment. http://www.vox.com/2016/10/20/13342580/trump-nasty-woman-insult-clinton-debate (19.02.17)

4 Siehe Fahrenthold, David A.: Trump recorded having extremely lewd conversation about women in 2005.
https://www.washingtonpost.com/politics/trump-recorded-having-extremely-lewd-conversation-about-women-in-2005/2016/10/07/3b9ce776-8cb4-11e6-bf8a-3d26847eeed4_story.html?postshare=2491475870527101&tid=ss_tw&utm_term=.6c82f32fb937 (19.02.17)

5 Siehe Sheppard, Ciara: There was a big celebrity turn out at the Women’s March on Washington.
http://www.glamourmagazine.co.uk/gallery/celebrities-who-marched-in-the-womens-march (19.02.17)

6 Siehe http://www.tahireen.com/2016/american-flag-hijab-maga_fd651c502.html (19.02.17)

7 Manea, Elham: Women’s March. Why Use The Headscarf (Veil) As A Symbol For Islam?
http://www.huffingtonpost.com/entry/womens-march-why-use-the-headscarf-viel-as-a-symbol_us_5884a1ede4b0111ea60b971c (19.02.17)

8 Siehe Linda Sarsour auf Twitter: https://twitter.com/lsarsour/status/598327052727615488 (19.02.17)

9 Siehe Linda Sarsour auf Twitter: https://twitter.com/lsarsour/status/534073703588700160 (19.02.17)

10 Siehe Women in the World Summit Staff: Ayaan Hirsi Ali says controversial Women’s March organizer is a ‚fake feminist‘. http://nytlive.nytimes.com/womenintheworld/2017/02/02/ayaan-hirsi-ali-says-controversial-womens-march-organizer-is-a-fake-feminist/ (19.02.17)