Das Elend der Psychoanalyse in der antideutschen Kritik

Uli Krugs neu erschienenes Buch Der Wert und das Es. Über Marxismus und Psychoanalyse in Zeiten sexueller Konterrevolution1 verspricht dem Titel nach mehr, als es einhalten kann. Und trotzdem gehört es zum Besten, was in den letzten Jahren zum Thema erschienen ist.

Das liegt allerdings weniger am Inhalt des etwa 100 Seiten starken Büchleins, sondern hauptsächlich daran, dass es heute kaum bis keine ernstzunehmenden Bemühungen mehr gibt, Gesellschaftskritik und Psychoanalyse zusammenzudenken. Die wenigen ‚kritischen‘ Versuche, die in der Linken und an Unis fabriziert werden, sind dabei zutiefst reaktionär. Denn gerade dort, wo linke Gesellschaftskritik die Psychoanalyse noch nicht vollständig aus ihrem Bewusstsein getilgt hat, kommt deren Rezeption selten ohne kritisches Freud-Bashing und der völligen oder partiellen Verleugnung von Unbewusstem und Trieb aus. Genau dieser Tendenz entgegenzuwirken ist Krugs erklärtes Ziel, also: „Marx und Freuds Theorie nicht durch doppelte Revision zusammenzuzwingen, sondern durch doppelte Orthodoxie ihre fremde Nähe zu entdecken.“2 Davon findet sich im Verlauf des Buches aber leider recht wenig. Die meiste Zeit verwendet Krug auf die Kritik eher wenig aktueller Versuche, Freud zu denunzieren oder zu revidieren, wie sie von Sartre, Lacan, Reich und vielen anderen unternommen wurden. Und auch dort, wo er explizit Psychoanalyse und Kritik der politischen Ökonomie zusammenführt,3 findet sich nur wenig Neues. Das Buch macht kaum mehr, als 30 Jahre antideutsche Theorieproduktion zum Thema Psychoanalyse zusammenfassen. Dass es dafür gerade mal 100 Seiten braucht, ist vor allem ein Armutszeugnis für diejenigen, die als einzige Psychoanalyse als Gesellschaftskritik noch ernst nehmen. Prototypisch steht Krugs neues Buch für die Stagnation Kritischer Theorie, wenn es darum geht, Psychoanalyse und Gesellschaftsanalyse auf dem Stand der aktuellen Entwicklungen zusammenzudenken. Man verweilt recht bequem bei Freud, oder dem, was man von Adorno und Marcuse über Freuds Orthodoxie gelernt zu haben glaubt und weigert sich, diese um neuere Erkenntnisse zu bereichern. Die Orthodoxie Freuds zeichnet sich aber wesentlich aus durch das Bestehen auf der Bedeutung des Triebs, des Unbewussten, des Konflikts von nach Lust strebender Innenwelt und versagender Außenwelt und des daraus resultierenden zunehmenden Irrewerdens menschlichen Daseins.4 Genau daran wäre die neuere psychoanalytische Theorie zu messen. Aber scheinbar haben die VerfechterInnen der immanenten Kritik vergessen, wie man Psychoanalyse immanent kritisiert. Und deswegen verharren sie starr im Begriffsapparat einer Psychoanalyse, die ihre Theorie noch an PatientInnen entwickelte, die schon in Freuds Tagen nicht exemplarisch für die sie umgebende Gesellschaftsordnung mehr waren. Anders die Britische Schule um Melanie Klein: die Objekte ihrer Theorie waren nicht das anachronistische, jüdische Bürgertum einer rückständigen Nation, sondern die Mittelschicht Londons seit den 1930er Jahren: also das spätkapitalistische Subjekt, wie es heute weiter zugespitzt in Erscheinung tritt. Trotz oder gerade wegen ihrer fatalen Ontologisierung des Todestriebs, der den menschlichen Konflikt mit der Außenwelt völlig leugnet und zu einem des Seelenlebens selbst macht, traf Klein mit erstaunlicher Präzision das Wesen menschlichen Daseins im Spätkapitalismus. Indem sie das Individuum als zwischen depressiver und paranoid-schizoider Position schwankendes und permanent projizierendes hypostasierte, beschrieb sie es adäquater, als die psychoanalytischen Vertreter der Freudschen Orthodoxie es jemals gekonnt hätten. In ihrem Beharren auf der menschlichen Aggression und ihrem destruktiven Potential, auf der Bedeutung von Spaltung und Projektion im Alltagsleben und der Betonung von Neid und Schuld war Melanie Klein den Bestimmungen der Kritischen Theorie weit näher als ihre kontinentaleuropäischen Kontrahenten, die sich in ähnlicher Starre auf Freuds Orthodoxie beriefen, wie Antideutsche es heute tun. Deren einziges Glück ist es, dass Adorno seiner Zeit so weit voraus war, dass sie heute noch von seinem Begriff der Psychoanalyse zehren können, ohne Gefahr zu laufen, in ihren Analysen völlig irre zu gehen.

Richtig ist, dass der immer schon gleichlautende Vorwurf, Freuds Theorie sei veraltet, gerade auch in der heutigen Psychoanalyse zur bloßen Abwehr ihres kritischen Potentials dient.5 Falsch wäre es aber, deswegen neue Einsichten von vornherein abzulehnen oder zu ignorieren. Eben das aber ist der Fall. Dass die Psychoanalyse mausetot ist,6 ist nicht abzustreiten. Leider gilt das auch in der Kritischen Theorie: dort ist sie mit Adorno gestorben.

Bei aller Kritik ist Uli Krugs Buch trotzdem als eine gelungene Zusammenfassung des aktuellen Stands antideutscher Psychoanalyserezeption zu empfehlen. Wer sich aber eine eingängige Auseinandersetzung mit Psychoanalyse als kritischer Theorie erwartet, wird enttäuscht werden.

Anmerkungen:

1 Uli Krug: Der Wert und das Es. ça ira-Verlag, Freiburg/Wien 2016.
2 Krug: Wert und Es, S. 15.
3 Vgl. ebd., Kap. 3.

4 Vgl. ebd., S. 32 ff., S. 38 f.

5 Vgl. ebd., S. 17.

6 Vgl. ebd., S. 7.