A never-ending story – Studierende und das Praktikum

Mehr als die Hälfte der Studierenden wird durch ihren Lehrplan gezwungen, ein Praktikum zu absolvieren. Viele versuchen, so den Weg in das Berufsleben zu finden. Vielfach handelt es sich bei sogenannten Praktika aber einfach nur um unter- oder unbezahlte Arbeitsverhältnisse.

 

Mythos Praktikum

Das österreichische Arbeitsrecht kennt keine Praktikant*Innen, sondern nur eine grobe Unterteilung in zwei Kategorien: Arbeitsverhältnisse auf der einen und Ausbildungsverhältnisse auf der anderen Seite. Überwiegt der Arbeitsaspekt, so handelt es sich um ein Arbeitsverhältnis. Vielfach beschränken sich die Tätigkeiten von Praktikant*Innen auf Hilfsdienste wie zum Beispiel Kaffeekochen, E-Mails beantworten, Anrufe tätigen und Recherche. Dabei handelt es sich in den meisten Fällen klar um Arbeit: Praktikant*Innen helfen dabei, dem Unternehmen Gewinne zu erwirtschaften. Menschen können als Arbeiter*Innen oder Angestellte beschäftigt werden, als Vollzeit-, Teilzeit- oder geringfügige Arbeitskräfte. Aber die Anstellungsform „Praktikant*In“ gibt es nicht.1 Die meisten Praktika sind im Grunde zeitlich befristete Arbeitsverhältnisse, die entsprechend dem gültigen Kollektivvertrag der Branche entlohnt werden müssten.

Zwangsbeglückt durch Universität und Fachhochschule

Mehr als die Hälfte aller Studierenden an Universitäten und Fachhochschulen sind durch ihren Studienplan gezwungen, ein Pflichtpraktikum zu machen. Ohne Praktikum gibt es keinen Studienabschluss. Das ist für viele Arbeitgeber*Innen natürlich die ideale Möglichkeit, um Studierende unter Druck zu setzen: Akzeptiere ein schlecht oder gar nicht bezahltes Praktikum, oder du kannst dein Studium nicht abschließen. In einer Befragung unter Studierenden gaben 34 Prozent an, bereits unbezahlte Praktika absolviert zu haben. 43 Prozent haben Praktika geleistet, welche mit maximal 800 Euro entlohnt wurden. Gleichzeitig liegt der Prozentsatz der Studierenden, die mit dem Gedanken an ein Praktikum spielen, bei über 90 Prozent.2

Der Druck auf Studierende wächst. Einerseits durch den Zwang zum Praktikum, um das Studium abschließen zu können. Andererseits auch durch das Bestreben, den eigenen Lebenslauf aufzubessern bzw. durch wachsende Anforderungen an junge Arbeitskräfte. Der Berufseinstieg für Studierende droht immer prekärer zu werden.

Warum sich eigentlich nicht einmal wehren?

Den meisten Studierenden ist bewusst, dass viele Praktika in Wirklichkeit schlecht bezahlte, unsichere Arbeitsverhältnisse sind. Nach dem Motto „einfach in den sauren Apfel beißen“, versuchen viele Studierende trotzdem, durch Praktika jene Berufserfahrung zu sammeln, welche ihnen später zu einem guten Job verhelfen soll. Oft gelingt dies und das Praktikum ist tatsächlich der Türöffner zum Wunschjob. In vielen Fällen geht die Gleichung jedoch nicht auf. Einziges Ergebnis sind vielfach nur unterbezahlte Arbeits- und vergeudete Lebenszeit. Nun kann man sich zurücklehnen und meinen: „Was soll ich da tun?“. Die Gewerkschaft der Privatangestellten hat für Praktikant*Innen die Initiative Watchlist-Praktikum ins Leben gerufen; auf dieser Internetplattform können Praktika anonym geprüft werden. Anhand einiger kurzer Fragen und mit Unterstützung von Jurist*Innen erhalten die Praktikant*Innen eine Rückmeldung, ob die erhaltene Bezahlung angemessen war. Außerdem können Praktikumsausschreibungen gemeldet werden, welche gegen arbeitsrechtliche wie kollektivvertragliche Bestimmungen verstoßen. Denn auch im Bereich der Praktika gilt: Fair statt prekär ist einfach besser.

Christian Hofmann ist Jugendsekretär in der Gewerkschaft der Privatangestellten und hat Volkswirtschaftslehre und Internationale Entwicklung studiert.

Anmerkungen:

1 Es gibt Ausnahmen, z. B. das Gerichtsjahr für Jurist*Innen.

2 Diese und weitere Informationen sind unter https://www.watchlist-praktikum.at/2016/12/21/praktika-duerfen-nicht-zum-lohnenden-geschaeftsmodell-fuer-unternehmen-auf-kosten-junger-menschen-gehen/#more-1482365 zu finden.

(Zugriff zuletzt am 02.03.2017)