A Man’s World? Ja, aber eine äußerst fragile

Rezension zum Kinofilm „Elle“

Der neueste Film von Kultregisseur Paul Verhoeven beginnt mit einem schrecklichen Verbrechen. Die erfolgreiche Businesswoman, ‚Powerfrau‘ und Mutter eines erwachsenen Sohnes, Michèle LeBlanc (großartig: Isabelle Huppert!) wird Opfer sexualisierter Gewalt. Ein Einbrecher verschafft sich Zugang zu ihrer Pariser Wohnung und vergewaltigt sie. Die Szene ist extrem gewalttätig und sehr detailliert dargestellt und Flashbacks werden die Hauptfigur den ganzen weiteren Film über begleiten. Was Verhoeven damit allerdings gelingt, ist es, den die Angst vor der Wiederholung des Verbrechens zu proträtieren, sie (for better or worse) so etwas wie nachvollziehbar zu machen. Der Film zeigt Michèles ganz individuellen Umgang damit. Die Hauptfigur macht sich auf die Suche nach dem Täter um ihn zur Strecke zu bringen.

Aber nicht nur Michèle selbst, auch die anderen dargestellten Figuren, auf die Verhoeven immer großen Wert legt, fallen sofort ins Auge: Die porträtierten Frauen sind komplex, sie sind gleichzeitig liebende Mutter wie traumatisierte Tochter, erfolgreiche Businesswoman wie betrogene Ehefrau. Die dargestellten Figuren zeichnen sich dabei gerade nicht durch ihre Angewiesenheit auf die männlichen Figuren aus, sondern schaffen es trotz diesen irgendwie ihren Weg zu machen. Im krassen Gegensatz dazu stehen die dargestellten Männer. Die wirken zwar auf den ersten Blick alle ‚typisch‘ männlich, geradezu hegemonial, ihre Machtpositionen sind aber komplett auf das weibliche ‚Andere‘ angewiesen. Verhoeven schafft es unterschiedliche Formen hegemonialer Männlichkeit darzustellen und diese nach und nach zu dekonstruieren, sie zu entlarven und geradezu bloßzustellen. Die Verachtung und Geringschätzung der dargestellten Männer werden als Projektionen aus der eigenen Schwäche und Unzulänglichkeit enttarnt. Um sich selbst mächtig – männlich – zu fühlen, müssen Frauen abgewertet, paternalisiert oder physisch gewalttätig behandelt werden. Gleichzeitig wird die eigene Geschlechtlichkeit idealisiert und aufgewertet. Die dargestellten Männer sind durch Angst, Neid, Hass aber auch Lust und Verehrung, die sich in Grausamkeit und Gewalt zu entladen droht, gekennzeichnet. Sie Alle hätten also der Einbrecher sein können, das ist als eine der Hauptaussagen des Filmes hängen geblieben. Dennoch stellt sich am Ende heraus, dass es nur einer gewesen ist, es eben auch kein Fremder war, sondern der gutaussehende und sympathisch wirkende Nachbar: Patrick.

Der Film lässt die Zuseher*in die ganze Zeit glauben, sie hätten den Täter nur um es gegen Ende dann den am wenigsten zu erwartenden Mann sein zu lassen. Es ist der einzige Mann, für den Michèle wirklich etwas übrig zu haben scheint. Patrick wird dargestellt als unauffällig und höflich. Insofern spielt der Film auch mit gesellschaftlichen Vorstellungen und Vorurteilen, wie ein Vergewaltiger auszusehen hat – eben nicht der offen misogyne oder schmierige Typ, sondern viel wahrscheinlicher: der ‹liebenswerte›, sympathische und gut in die Community integrierte Nachbar.

Michèle nimmt schließlich auf ihre ganz persönliche Art und Weise Rache. Sie verschafft sich sein Vertrauen und spielt die ihr gegeben Karten zur Perfektion aus. So behält sie letztlich die Oberhand. Sie mag in einer männerdominierten Welt leben, doch am Ende schafft sie es aber mit den ihr gegeben Mitteln, die Deutungshoheit darüber, was passiert ist, zurückzuholen.

 

„Elle“, Drama 2016, 180 Min., Regie: Paul Verhoeven