Nationalismus und Kulturalismus im Nahen und Mittleren Osten

In der Moderne befinden sich die arabischen Länder im Spannungsverhältnis zwischen nationaler und kultureller Identität.

In Europa verweisen die supranationalen Strukturen der Europäischen Union schon seit langem auf einen gemeinsamen europäischen Identitätsrahmen. Damit musste Jürgen Habermas’ (1) Vorstellung einer europäischen Gemeinschaft fußend auf einem universellen Wertekanon schließlich einem Europa der Vaterländer weichen. Der Dualismus von übernationalen Ordnungssystemen und nationalen Identitäten prägt die Geschehnisse in modernen Gesellschaften, so auch die aktuellen Revolutionen im Nahen Osten.

Aufstieg nationaler Bewegungen und Geschichte des Nationalismus in Nordafrika und im Nahen Osten

Nationale Revolten entstanden als Ausdruck antikolonialer Bestrebungen oder entwickelten das Ziel, die Gesellschaften aus der Vorherrschaft des Osmanischen Reiches zu lösen. Die Länder unter osmanischer Herrschaft hatten den zentralen Vorteil, keinen Kaiser stürzen zu müssen, denn sie konnten durch die sich aufbäumenden NationalistInnen des osmanischen Reiches auf deren Strukturen zurückgreifen. In vielen Regionen vertraten die NationalistInnen zunächst royalistische Positionen, während der Republikanismus auf die muslimischen postrevolutionären Gebiete Russlands (z. B.) beschränkt blieb. Die Zwanzigerjahre brachten schließlich den radikalen Aufstieg und politischen Durchbruch des bürgerlichen Nationalismus. In Marokko entstand eine republikanische Öffentlichkeit und die städtischen Nationalisten Turkestans erhielten ihre gesellschaftliche Funktion nach der Oktoberrevolution in Russland. Von nun an prägte der bürgerliche Diskurs über den Zusammenhang von Gesellschaft und Nation die nationalen Vorstellungen in der arabischen Welt. Die islamische Kultur gliederte sich fast vollkommen in das System der Moderne ein: Inbegriff alles Politischen war das Ziel der Herstellung einer nationalen Souveränität. Während zum einen die Religion immer mehr zur privaten und familiären Angelegenheit wurde, versuchten andere gesellschaftspolitische Kräfte, den Islam in politische Programme einzubetten. Nur hierdurch war es den Islamisten möglich, den Einfluss auf die Öffentlichkeit weiterhin aufrecht zu erhalten.Rasch entwickelte sich eine politische Öffentlichkeit, die versuchte, die nichtstaatlichen Institutionen abzuschaffen und dadurch die Autorität einzig und allein auf staatliche Strukturen zu verlagern. Gesellschaftliche Werte- und Normenverschiebungen traten ein, sodass die Religion zur privaten Angelegenheit wurde. Zu erkennen war jedoch, dass säkulare NationalistInnen und IslamistInnen dasselbe Ziel verfolgten: den Nationalstaat als absolute Autorität durch Souveränität hervorzubringen. In vielen Fällen waren Islam und Nation lediglich zwei Begriffe, die zur außergesellschaftlichen Begründung eines staatlichen Machtanspruchs herhalten sollten, so Reinhard Schulze (2). Eine Deislamisierung war schlussendlich die Folge der Herausbildung eines städtischen Bürgertums und der Verstädterung einiger muslimischer Regionen durch die Sowjetunion.

Spannungsverhältnis von Religion und Nation

Mit dem Aufkommen der Wirtschaftskrise Ende der Zwanzigerjahre entstanden tiefe Einschnitte in der Magrebregion und im Nahen Osten. Sie zeigte jedoch ebenfalls auf, wie tief diese Regionen in wirtschaftlich globale Prozesse eingebunden sind. Eine Behinderung der Integration der Nationalstaaten war die Folge, es trat eine Abschottungspolitik der städtischen Gesellschaft ein. Direkte Auswirkungen waren vor allem in der Realwirtschaft zu spüren, zum Beispiel an einem rapiden Rückgang der Kaufkraft. Der Prozess der Integration in die koloniale Gesellschaft der Städte und Provinzen wurde immer schwieriger und so versiegte auch die Loslösung von der traditionellen Ordnung, die weiterhin auf dem Land existierte. Als radikaler Einschnitt in die politische und islamische Öffentlichkeit wird die in Ägypten 1928 gegründete Muslimbruderschaft unter der Führung Hassan Al-Bannas gedeutet, denn von nun an griffen die abgewiesenen Neuankömmlinge auf religiöse Symboliken zurück. Neosalafitische (3) Gruppen, die sich nicht in direkter Konkurrenz zu den autarken und starken Staatspositionen der immer noch vorherrschenden NationalistInnen sahen, formierten sich im Jahr 1938 in politische Gruppen und mischten sich von nun an in gesellschaftliche Belange ein. Ziel der Muslimbruderschaft war es, die Souveränität Ägyptens auf islamische Prinzipien zu stützen. Sie waren auf dem besten Weg, eine nationalistische, neosalafitische Partei zu werden.

Nationale Gedanken im Zeichen einer einheitlichen arabischen oder islamischen Kultur

Während die Zeit des zweiten Weltkriegs im Zeichen der Restauration und fast vollständigen Eingliederung der islamischen Politik in das nationale Zeitalter stand, konnten auch die islamischen Diskurse Mitte der Vierziger nicht den Bruch mit der Tradition und den damit verbundenen Aufbruch in die Moderne stoppen. Die Nachkriegsjahrzehnte waren vor allem durch eine Deislamisierung der politischen Öffentlichkeit geprägt und auch Resultat der von den Alliierten versuchten Miteinbeziehung der islamischen Welt in eine Nachkriegsordnung. Vor allem die ägyptischen NationalistInnen sahen eine neue Aufgabe darin, eine gesamtarabische Politik zu entwerfen. In Ägypten ließ sich von nun an eine Arabisierung der Gesellschaft erkennen, die in der Vorstellung einer ägyptischen Vorherrschaft begründet liegt. Mit der Gründung der Arabischen Liga am 22. März 1945 entstand eine transnationale Organisation im arabischen Raum, die nicht nur als Identitätsstiftung nach Innen fungierte, sondern auch die Aufnahme der arabischen Staaten in die UNO ermöglichte. Globalisierungsprozesse erreichten jedoch auch die Muslimbruderschaft. Sie selbst sahen sich als Sprachrohr der islamischen Öffentlichkeit und versuchten, durch Zweigstellengründungen in anderen Ländern ihren gesellschaftlichen und politischen Einfluss auszubauen. Innergesellschaftliche Konkurrenzsituationen entstanden zwischen der arabischen und islamischen Öffentlichkeit. Die Neo-SalafitInnen traten die Flucht nach vorn an. So sahen sie von nun an auch Befreiungsbewegungen als Teil einer islamischen Bruderschaft, so wie im Irak oder im Sudan. Die islamische Politik, die mit dem Erreichen der Öffentlichkeit bedeutsam die transnationalen Positionen im arabischen Raum mitprägte, hatte ihre politische Nische gefunden: Sie traten als VertreterInnen der sozialen Gerechtigkeit in Erscheinung und konnten somit in der nationalistischen Politik durch ihre Rückbindung an die lokalen Prozesse eine Eigenständigkeit behaupten.

Politische und gesellschaftliche Umbrüche im 21. Jahrhundert. Transnationale Ereignisse oder Renationalisierung?

Mit dem Aufbäumen der Revolten gegen die aus der Dekolonialisierung entstandenen Herrschaften in Nordafrika entfachte die Frage nach dem Verhältnis von nationalen und arabischen Anliegen aufs Neue, doch stehen die Umbrüche der arabischen Welt im Zeichen transnationaler Veränderungen oder reagieren die Revolutionäre auf nationale Herrschaftsverhältnisse? Dass die Jasminrevolution sich im gesamten nordafrikanischen Raum so rasch ausbreitete, liegt schlussendlich nicht nur an den sich ähnelnden Herrschaftsstrukturen, sondern ebenfalls an der in der Nachkriegszeit entstandenen gesamtarabischen Öffentlichkeit. Seit der Entstehung des Panarabismus befindet sich beispielsweise die ägyptische Gesellschaft zwischen einer arabischen und nationalen Identität. Die Forderungen der Revolutionäre jedoch, die Rechte der BürgerInnen in ihren jeweiligen Staaten zu stärken, beziehen sich auf Forderungen nach nationalen Rechten. Zu erkennen ist, dass die Gesellschaften der Magrebregion beginnen, sich wieder bewusst mit ihrer eigenen Geselllschaft, ihrer eigenen politischen Struktur und ihr eigenen Verfasstheit auseinanderzusetzen. Als Ausdruck der erneuten nationalen Selbstfindung erhalten auch alte Nationalsymbole wieder Einzug in die politische Öffentlichkeit, die von nun an auch vom neuen politischen Geist der Revolution mitgeprägt wird. In Libyen suchten die RevolutionärInnen ihren Halt in der eigenen nationalen Geschichte des Landes und fanden ihn in den Unabhängigkeitskämpfen gegen Italien. Sie schwenken auf ihren Demonstrationen die Flagge der damaligen Unabhängigkeit als Ausdruck ihres erneuten Wunsches nach Souveränität (4). Die Stabilität der Region jedoch, die zuvor durch autoritäre Machthaber wie Gaddafi und Mubarak sichergestellt wurde, ist erst einmal versiegt. Daran wird auch die westliche Welt nichts ändern können. Ihr Ziel müsste es sein, die nationalen Revolutionen mit demokratischen Anliegen zu unterstützen, um eine langfristige, von den jeweiligen Machtinhabern unabhängige Stabilität aufzubauen.

Anmerkungen:
1 Siehe hier die Debatten zwischen Jacques Derrida und Jürgen Habermas, so z. B. „Nach dem Krieg: Die Wiedergeburt Europas“, FAZ, 2003
2 Reinhard Schulze: Geschichte der islamischen Welt im 20. Jahrhundert
3 Unter Salafiyya versteht man eine Strömung des Islams, die sich an einer frommen Auslegung orientiert.
4 Libyen wurde im Anschluss an die koloniale Befreiung monarchistisch. Der König der konstitutionellen der Monarchie wurde Staatsoberhaupt.