Ich schau’ ja nur

Blicke machen neben Gestik und Mimik einen wichtigen Teil der nonverbalen Kommunikation aus. Doch im Gegensatz zur kritischen Auseinandersetzung mit der Sprache ist die queere und feministische Analyse von Blickverhältnissen kaum bekannt.

Wissenschaftler_innen aus dem Bereich der visuellen Medien untersuchen Blickverhältnisse im Kontext von diversen Machtverhältnissen, Heterosexismus und patriarchalen Strukturen. Laura Mulvey leistet auf diesem Gebiet grundlegende Arbeit: „My work as a film-maker and film-theorist grounded in the 1970s, particularly in the meeting between feminist politics, psycho- analytic theory and avant-garde aesthetics that had such influence then.“ (1) 1975 stellt Mulvey in ihrem Aufsatz Visual Pleasure and the Narrative Cinema das Phänomen des „male gaze“ als Ausdruck eines Machtverhältnisses zwischen Betrachtenden und Betrachteter vor. Sie geht dabei von einer Bildproduktion aus, die im Rahmen einer patriarchalen Ordnung von Männern* für Männer* gemacht wird. Das klassische Hollywood-Kino produziere zwei Formen dieses „männlichen Blickes“, zum einen „voyeuristic“, der die Frau* zum Sexualobjekt mache, zum anderen „fetishistic“, der sie als Heilige sieht. Die „Mütterliche“ wird asexuell und bis zu einem Grad als respektiert dargestellt. Die „Hure“ wird durch eine gezielte Inszenierung ihrer Körperlichkeit sexualisiert und durch Passivität, Reduktion auf den Körper und vor allem betonte Verfügbarkeit zum Objekt. Die Art wie Augen über die Dargestellte geführt werden, stellt einen Blick her, der sie als sexualisiertes Objekt konsumiert, anstatt sie als Persönlichkeit zu inszenieren. Mulvey: „[…] the spectator looking at the screen has a voyeuristic relation to the female, eroticized, image. This look […] is transmuted into that of the male protagonist looking at the eroticized woman within the fictional world of narrative.“ (2) Schon im traditionellen Bildthema des weiblichen Aktes werden Frauen* zum sexualisierten Objekt und gehen außerdem in den Besitz des Auftraggebers über. Auch Werbung wird häufig für die Produktion des „male gaze“ kritisiert, denn durch diesen werde eher die dargestellte Frau* resp. ihr Körper verkauft als das beworbene Produkt. Es zeigt sich, die Kameraführung oder der Bildentwurf legen den Fokus auf bestimmte Punkte und geben damit die Blickführung vor. Zusätzlich werden in der Heteronorm sexualisierte Bilder des weiblichen Körpers für Männer hergestellt, falls diese nebenbei auch noch anderen Menschen gefallen, gilt das eher als Nebeneffekt. Einer dieser „Nebeneffekte“ wäre zum Beispiel der „male gaze“ der lesbischen Frauen, doch Forschungsergebnisse zu un(gern)gesehenen „Nebeneffekten“ sind rar.

Gesehen werden

Die Philosophin Naomi Scheman beschreibt „gaze“ als den Teil des Sehens, der einer Person ihren Status als Objekt im Blickverhältnis vermittelt. „Vision is the sense best adapted to express this dehumanization: it works at a distance and need not be reciprocal, it provides a great deal of easily categorized information, it enables the perceiver accurately to locate (pin down) the object, and it provides the gaze, a way of making the visual object aware that she is a visual object. Vision is political, as is visual art, whatever (else) it may be about.” (3) Laut Scheman kann also durch Blicke Macht/ Gewalt ausgeübt werden. Sie beschreibt wie Blicke eine Person vom Subjekt zum Objekt machen – ein entmenschlichender Akt. Daher muss die Frage gestellt werden, worin der Reiz für den Betrachter besteht: Im visuellen Eindruck des Objekts oder in der Position als Subjekt im Blickverhältnis. Beim „male gaze“ geht es zusätzlich um eine Sexualisierung. Eine Person wird also ohne ihre Zustimmung in einen sexuellen Kontext versetzt. Dies dient einer problematischen Art des Konsums, denn dieser umfasst nicht einfach nur das Aussehen einer Person, sondern auch deren Unterwerfung, Körperlichkeit, Sinnlichkeit, Sexualität und vieles mehr.

Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung

Joan Riviere beschreibt 1929 in Womanliness as Masquerade, wie Weiblichkeit an sich ständig in Verbindung mit männlichen Erwartungen konstruiert wird. Riviere zufolge ist Weiblichkeit eine Maske und Rolle, also eine Maskierung, die vor dem „male gaze“ schützt und sich gleichzeitig an diesen anpasst. Der Blick eines Mannes* wird oft als Kompliment an die körperliche Beschaffenheit einer Frau* dargestellt. So ist es wenig verwunderlich, wenn frau* sich den hegemonialen Blicknormen unterwirft, die eigentlich geschaffen wurden, um patriarchale Interessen zu schützen.

Visual harassment

Mädchen* und Frauen* wird beigebracht, sich mit Kleidung vor dem „male gaze“ zu schützen. Obwohl durch das Versteckspiel des Verbergens ihre Freiheit eingeschränkt wird, ist im Alltag das Verbergen trotz allem eine häufige Strategie: Etwa die Beziehung zur Freundin platonisch wirken zu lassen, um nicht als „Live-Lesben-Peep-Show“ angegeifert zu werden. Auch wer Minirock und Vollbart kombiniert, wird eher nicht zum Sexobjekt gemacht, aber ein Sensationsobjekt zu sein, ist meist nicht angenehmer. Es gibt einige Ansätze, wie mit dem „male gaze“ umgegangen werden kann, sie reichen vom feministischen Filmschaffen bis hin zu Strategien gegen „visual harassment“. Beispielsweise ist Empowerment auch in der feministischen Kunst seit den 1960er Jahren Thema: Valie Export zeigt in ihrer „Aktionshose Genitalpanik“ zwar ihre Vulva, das Maschinengewehr in ihren Händen bricht allerdings sexualisierende Blicke. Doch seit Mulvey ihre These formuliert hat, hat es keine spürbare Verbesserung beim Thema Sexismus gegeben. Die Suche nach einer generellen Lösung wird wahrscheinlich zur Wurzel des Problems und damit wieder einmal zur dringend notwendigen Zerschlagung des Patriarchats führen.

Anmerkungen:
1 Laura Mulvey: Changes: Thoughts in Myth, Narrative and Historical Experience. In: History Workshop, Nr. 23 1987, Oxford University Press, S. 3–19.
2 Laura Mulvey: Some Thoughts on Theories of Fetishism in the Context of Contemporary Culture. October, Vol. 65 1993, The MIT Press, S. 3–20.
3 Naomi Scheman: Thinking about Quality in Women’s Visual Art. Engenderings: Constructions of Knowledge, Authority, and Privilege. 1993, New York: Routledge, S. 159. 4 John Berger: Ways of Seeing. 1972, S. 42.