Asphalt & Neonlicht

… wünscht sich was.

Zwei Mal im Jahr lädt der Betrieb, bei wel­chem ich in Lohn und Brot stehe, alle seine Mitarbeiter_innen in eine geschichtsträchtige Location dieser Stadt ein, um ihnen ein aus­schweifendes Fest zu spendieren. Das klingt jetzt cooler als es ist – ich erspare an dieser Stelle das Für und Wider. Üblicherweise gibt es auch eine Tanzfläche, gerne als „Dancefloor“ bezeichnet, auf der die schon über den Durst betrunkenen Damen und Herren aus der IT, der Personalabteilung und dem Telefondienst schunkeln und hopsen. Der DJ ist immer der­selbe, ein renommierter Radio-DJ eines belieb­ten nationalen Senders, der eine riesige Aus­wahl an CDs dabei hat und einen Hit nach dem anderen zum Besten gibt. Ich mag den Guten auch sehr und meine Kolleg_innen und ich ver­bringen den ganzen Abend damit, der leben­den Jukebox unsere Musikwünsche auszuspre­chen – die gerne und selbstverständlich erfüllt werden. Von „Er hat ein knallrotes Gummi­boot“ über „Ice, Ice Baby“ bis hin zu „I Like To Move It“ – alle singen mit und zum Finale star­tet der Betriebsrat eine Polonäse.

Jenseits dieser beiden Abende befinde ich mich im Durchschnitt einmal die Woche auf gänzlich anders gearteten Partys. Ehschon­wissn: Techno. Ein_e DJ mixt in einem mehr oder minder individuellen Stil ein Set für die Tänzer_innen. Über die wechselseitige Be­einflussung von Masse und Musiker_in sind lange Diskussionen geführt worden, das hier Entscheidende ist: Mixen ist ein eigenes Hand­werk, mitunter eine eigene Kunstform. Es ist mehr als Lied A und Lied B nacheinander ab­zuspielen und HitsHitsHits auf die Tanzfläche zu schallen. Geschichten werden erzählt. Ge­fühle vermittelt. Ideen angebracht. Die Moti­vation und der Narzissmus dahinter kennen verschiedene Ziele, aber im Großen und Gan­zen geht DJing in diese Richtung. Das bedeutet auch, dass es Arbeit ist. Die wenigsten DJs be­reiten ihr Set 1:1 vor, sondern achten auch auf die Atmosphäre der Party, lassen ganz eigene Momentaufnahmen entstehen. Anders als der erstgenannte Radio-DJ, der nacheinander „Play“ und „Stop“ drückt und in erster Linie für seine Nerven aus Stahl bezahlt wird, ver­langt jenes DJing, das auf Mixen beruht, das beatmatchen muss, das mehr als zwei Decks komponiert, auf Harmonien achtet, Loops und Samples und vielleicht sogar Live-Elemente in­volviert, vor allem eines: Konzentration und Multi-Tasking-Fähigkeiten.

Mir fällt immer wieder auf: vielen Menschen ist der Unterschied zwischen einer Betriebs­feier (oder auch: Hochzeit, Feuerwehrfest …) und einem Rave nicht klar. Sie stehen dann am DJ-Pult und spielen „Wünsch dir was“: Es gibt die dummen Wünsche (NIRVANA und MUSE auf einer Techno-Party?!), die vagen Wünsche („Spiel mal was Tanzbares!“) und die fraterni­sierenden („Kollektiv Turmstraße wäre jetzt echt super!“). Gerne wird so etwas angehängt wie: „Wenn du das für mich auflegst, dann nehm ich dich später mit nach Hause“ oder auch „… dann tanze ich nur für dich!“ Die Ent­täuschung, abgewiesen zu werden, ist groß, die meisten verstehen ein „Nein“ aber ganz gut. Und spätestens, wenn der_die DJ die Hose hin­ten leicht herunterzieht und um den Einwurf von 2 Euro bittet, sollte für sie klar sein, dass sie vor sich keine Jukebox stehen haben.

In Anbetracht dessen, dass es aber immer und überall Randalierer_innen gibt, die auf Ge­räte und Menschen eintreten, wenn sie selbst dabei versagen, diese richtig zu bedienen, möchte ich mir im Namen all der genervten Techno-DJs dieser Stadt etwas wünschen: Leu­te, schätzt wert, was ihr bekommt und versucht euch darauf einzulassen. Mit euren Bitten und Forderungen werdet ihr die Tanzflächen nicht füllen, sondern nur mit eurem Herzblut. Und wenn es nicht euer Sound ist: wechselt die Par­ty oder lernt selbst Auflegen, aber lasst euren Frust und eure Einsamkeit nicht an denen aus, die versuchen, sie zu bekämpfen.