Nina Queers Lippenstift. Queeres Glitzern in Berlin.

Berlin, Alexanderplatz. Eine Frau lächelt mich an. Von einer Plakat­wand in der U-Bahn-Station.

Der Blick der Frau von der Plakatwand, der mich zu fixieren scheint, geht aus von ihrem Spiegelbild: Während sie Lippenstift aufträgt, betrachtet sie sich im Spiegel. Der Spiegel selbst ist ein Bild im Bild, durch das sich die Dame imaginär zu verdoppeln scheint. Das Werbe­plakat mit dem doppelten Lottchen ist mit ei­ner Botschaft mit paradoxem Zusatz versehen: „Sie hat Glamour, weil sie weiß, dass wahre Schönheit von innen kommt. Und vom richti­gen Lippenstift!“

Das gerade noch im Inneren der Person loka­lisierte begehrte Gut – wa(h)re Schönheit – das der Kauf einer mir bis dato unbekannten Zeit­schrift namens „Glamour“ verspricht, kann – so die Werbebotschaft – mit Hilfe kosmetischer Accessoires schnell nach außen transformiert werden. Der Lippenstift befördert die bisher noch verborgen gebliebene Schönheit schnell an die Oberfläche eines Gesichts, dessen Hoch­glanzpolitur nicht nur die Auflagen der dazu­gehörigen Zeitschrift erhöht; der vermeintlich ,richtige‘ Lippenstift vermehre im Zeichen des Glamours auch das Schönheitspotenzial der Konsumentin.

,Glamour‘ ist hier nicht nur der Name einer Zeitschrift, sondern auch ein Synonym für eine ästhetische Strahlkraft, deren Potenzierung die Lektüre der gleichnamigen Zeitschrift sugge­riert: Schönheit durch den ,richtigen‘ Lippen­stift, den das ,richtige‘ Frauenmagazin emp­fiehlt. Die Masse ,der Frauen‘ soll sich durch diese im Hinblick auf ihre ,klassischen‘ gesell­schaftlichen Zuständigkeitsbereiche – Erotik,Mode, Schönheit, Privatleben und Glanz – adressiert fühlen.

Ich steige in die U-Bahn ein und verlasse je­nen Ort im Herzen Berlins, an dem einige Jahr­zehnte zuvor bereits andere literarische Figuren ihr Leid darüber klagten, in einem Menschen­leib zu leben, der nur spärlich am Glanz des ge­samtgesellschaftlich erwirtschafteten Glamours partizipiert. Dass es ausgerechnet der Alexan­derplatz ist, in dessen U-Bahn-Station die gla­mourösen Verheißungen der Warenästhetik der 1930er ihre Fortsetzungen in Serie erfahren, ver­wundert nur bedingt. Die Wünsche, Faszinati­onen und Begehrensformationen einer Neuan­kömmlingin in Berlin hat die Autorin Irmgard Keun bereits zur Zeit der späten Weimarer Re­publik beschrieben. Ihr kunstseidenes Mäd­chen hat ein klar deklariertes Ziel: „Ich will so ein Glanz werden, der oben ist (…) mit weißem Auto und Badewasser, das nach Parfüm riecht, und alles wie Paris.“

Der Traum vom Aschenputtel aus der Im­bissbude, das einmal eine glamouröse Köni­gin werden will, ist so alt wie die Currywurst. Die Lichtreklame, die dem Wunsch nach so­zialem Aufstieg die nötige Begehrlichkeit ver­leiht, glänzt seither ungetrübt. Derartige lichtabhängige Reklamen haben ebenso dazu beigetragen, den exklusiv den Leinwandstars vorbehaltenen Narzissmus eines Stars zu de­mokratisieren. Freilich nur scheinbar: Das ima­ginäre Projektionsbegehren lagert sich zumeist nur auf Körpern ab, deren Erscheinen auf Büh­ne und Leinwand nur wenigen vorbehalten bleibt. Die Hauptkapitalien zur Optimierung des eigenen Images entstammen immer noch dem Repertoire an Sozial-Kapitalien der Star­klasse. Um dem Scheinwerferlicht standhal­ten zu können, muss der dazugehörige Körper zudem in Fitnesscentern und Kosmetikstudios auf Hochglanz poliert werden. Erst dann tritt er aus der anonymen Masse hervor.

Eberswalder Straße, nähe Kastanienallee, subkultureller Laufsteg des Prenzlauer Bergs, ironisch auch „Casting Allee“ genannt, Ausstieg: rechts. Ich bewege mich in Richtung Rykestraße, wo sich eine Bar mit dem Namen „Zum schmut­zigen Hobby“ befindet. Die Besitzerin der Bar ist die in Österreich geborene Trans*Queen Nina Queer, die hier jeden Mittwoch ihr ,Glamour- Quizzz‘ veranstaltet. Infolge der zwangsläufig zu verquerenden Erinnerung an das, was ein Star einmal gewesen ist, rücken die zum Quiz gehö­rigen Fragen die zu Lebzeiten eher spärlichen Präsenzen von Hollywoodstars in Hosenrolle stärker in Erinnerung als jene an die glamourö­sen Filmdiven. Bemerkbar macht sich Glamour- Atmosphäre hier vor allem in Form einer allge­mein verbreiteten 80er-Nostalgie, die queere Reminiszenzen an Pop-Ikonen wie Prince und Madonna nicht ausspart.

Zeitversetzt wird Glamour at Ninas als queer, trans- und femmy recodiert: Das Glanzvolle und Prächtige, durch dessen ironische Betonung die feinen Unterschiede zu den glanzloseren unter den sozialen Klassen reartikuliert werden, er­zeugt insbesondere an diesem Ort nicht-hetero­normative Geschlechtsidentitäten. Glamouröse Accessoires funktionieren hier nicht allein als Anzeiger von genderbezogenen Statusdifferen­zen und Begehrensformationen. Sie sind immer auch Indizes eines affektiven und ästhetischen Mehrwerts, der durchaus sehr queer ist. Zwar ist im „schmutzigen Hobby“ der Nina Queer jede/r temporär ein Star; zwar glitzert hier jeder nur für die bescheidene Dauer von fünf Minuten. Dann aber mit einer Strahlkraft, die den Blick der BetrachterInnen bricht:

„That will be the time/
hat everything will shine/
so bright it makes u colorblind“

Sternchen und Ohr-Klunker, pailettenbesetz­ter Hemdkragen und Perlenkette funkeln in Nina Queers Bar so überdeutlich, dass ihnen nichts mehr von der Dezenz des büro-kompa­tibeln Alltagsoutfits anhaftet. Die glamouröse Verausgabung ist hier nicht etwa eine Fortset­zung des Alltags, sondern vielmehr ein ,kleines schmutziges Hobby‘. Glamour steht hier nicht im Dienste von ,Celebrity‘-Distinktion, son­dern ist vielleicht vielmehr der ironische Reim auf genau diesen Ruhm: „Now I can see things for what they really are.“ Nein, hier befinden wir uns nicht in Paris, für das das kunstseide­ne Mädchen Irmgard Keuns das Berlin der 20er Jahre irrtümlicherweise gehalten hatte.

Referenzen:
Keun, Irmgard (1932/1992): Das kunstseidene Mäd­chen. Claasen Verlag.
Zum schmutzigen Hobby, Rykestrasse 45, Prenzl’ Berg, Berlin.
Prince (1991): Prince & the New Power Generation: Diamonds and Pearls.
Madonna (2005): Confessions on a Dance floor.
,Paris is Burning’ ist ein Dokumentarfilm von JennieLivingston (1990), der die unterschiedlichsten For­men der Aneignung von Glamour-Kultur durch Schwule, Lesben und Transgenders im Boston der 90er thematisiert. Dass die glamourösen Performan­ces der Drag-Artists nicht ausschließlich parodisti­schen Charakter haben, sondern vielmehr auch das Bedürfnis bedienen können, für einen Abend ganz oben auf der Leiter des sozialen Aufstiegs zu stehen, haben die feministisch-queeren Kritikerinnen bell hooks und Judith Butler ausreichend betont.