Interview mit Iris Andraschek
Ihr Kunstprojekt „Der Muse reicht’s“ thematisiert das Stillschweigen der Leistungen von Frauen in der Wissenschaft. Ist dieses Stillschweigen, das hiermit aufgearbeitet werden sollte, das aber in vielen anderen Bereichen immer noch beobachtbar ist, etwas, zu dem Sie persönlich auch Zugang in Ihrer eigenen Biografie haben?
Ich wurde als Bildende Künstlerin natürlich immer wieder damit konfrontiert. Auch in Bereich der Kunst haben stets Männer dominiert, beispielsweise auch als Professoren an den Akademien und Kunstuniversitäten. In den letzten Jahren hat sich das allerdings deutlich gebessert, doch an den Schaltstellen sitzen nach wie vor hauptsächlich Männer. Insofern war mir dieses Thema also absolut nicht neu und ist auch in meinem Lebenslauf vorgekommen.
Jetzt liegt Ihre Arbeit im Arkadenhof vor – was war Ihr eigentliches Anliegen?
Es lagen von Beginn an zwei Themenblöcke vor mir: Einerseits das Versäumnis, Wissenschafterinnen zu ehren, andererseits aber auch ihre Leistungen entsprechend aufzuzeigen und zu thematisieren – und das in einer sehr speziellen vorgegebenen Räumlichkeit wie dem Arkadenhof der Universität Wien. Dort ist die Ehrungspolitik in Form von 154 Männerbüsten und Ehrentafeln sehr präsent, und mit einer Gedenktafel für Marie von Ebner Eschenbach war bis dato lediglich eine Frau in dieser Riege der Geehrten vertreten. Die einzige wirkliche Frauendarstellung des Arkadenhofs ist die Figur der Kastalia, die sich in der Mitte des Hofes befindet. Ich fand das Spannungsverhältnis zwischen dieser Frauenfigur und den Männerbüsten interessant und es war rasch klar, dass dies meine Herangehensweise sein würde: Die Männerbüsten und die Kastalia in ein Spannungsfeld zu bringen und mit diesem Raum zu arbeiten.
Nach dieser ersten Erkenntnis: Wie haben Sie sich dem Thema genähert?
Ich habe mir die Fragen gestellt: Wie kann man mit dem Raum formal umgehen? Welche Zeichen kann man setzen? Wie abstrakt muss man bleiben? Wie kann man eine Frau darstellen oder nicht darstellen? Was kann man dieser sehr spektakulären Masse von Büsten entgegensetzen? Lässt sich diesem ohnehin stark aufgeladenen Raum etwas Dreidimensionales entgegensetzen? Schließlich hat sich mir gewissermaßen der Boden als Raum eröffnet. In der Folge ist die Idee eines Umrisses, einer Bodenzeichnung entstanden, schließlich die Idee einer Figur, die aus unterschiedlichen Anteilen komponiert ist.
Die Verknüpfung mit der Skulptur der Kastalia, von der dieser Schatten nun ausgeht, kam erst später?
Die Kastalia als Frau ist mir tatsächlich in dieser Phase nochmals in den Kopf gekommen, und damit die Idee, dass sie einen Frauenschatten über die Universität wirft - als Bild für ein Versäumnis, das wie ein Schatten über der Universität liegt. Der Schatten der Quellnymphe selbst konnte aber nicht spannend genug sein, deshalb wurde der nun ausgeführte Schatten aus den Umrissen unterschiedlicher Frauen, die derzeit tatsächlich an der Universität tätig sind, montiert.
Wie haben Sie diese Einzelschatten dokumentiert?
Ich habe eine Fotoserie dazu gemacht und Frauen gebeten, zu den Versäumnissen der Ehrungspolitik von Wissenschafterinnen selbst körperlich Stellung zu beziehen. Daraus wurde die finale Figur dann komponiert und in dunklem Granit ausgehend von der Figur der Kastalia in den bereits bestehenden Steinbelag eingeschnitten wie eine Intarsie. Ich bin sehr froh darüber, dass diese Manifestation in Stein gearbeitet ist: groß und unübersehbar. Zudem hat sie den Bronze- und Metallbüsten auch in der Materialität etwas entgegenzusetzen. Stein ist unverwundbar und nur mit roher Gewalt zerstörbar. Eine der Frauen an der Universität meinte zu mir, sie finde es unglaublich: Lange Zeit sei gar nichts passiert - und nun würde sogar der Boden für diesen Akt einer Wiedergutmachung aufgegraben. Sie hat das als Symbol sehr wichtig gefunden.
Ihre Arbeit ist nun für jedermann und jederfrau sichtbar und im Unterschied zu Kunstwerken in Galerien oder Museen öffentlich zugänglich. Welche Rolle kann Kunst im öffentlichen Raum beziehungsweise Kunst & Bau spielen?
Es sind das in jedem Fall sehr komplexe Aufgaben, in denen Künstlerinnen und Künstler auch andere Aspekte mitzudenken haben als bei Arbeiten, die in quasi geschützten Räumen gezeigt werden. Kunst trifft im öffentlichen Raum auf Situationen und auf Menschen, die nicht unmittelbar damit zu tun haben und die unter Umständen auch gar nicht darauf vorbereitet sind, sie zu treffen. Das bedeutet nicht, dass man die Leute schonen muss, doch die Komponenten des öffentlichen Raumes müssen mitgedacht werden: Was ist er? Wem gehört er? Wie wird er genutzt? Welche Problemstellungen gibt es darin?
Nochmals zurĂĽck zum Thema Anerkennung der Leistungen der Frauen, sei es in Wissenschaft oder Kunst oder generell: Haben wir noch ein WegstĂĽck zurĂĽckzulegen, oder sind wir schon am Ziel?
Wir haben bereits große Schritte getan, allein in den vergangenen 20 Jahren. Es gibt Belege dafür, dass auch die Lehre weiblich geworden ist, die Studenten bereits überwiegend weiblich sind, doch wenn es in höhere Etagen geht, dominieren nach wie vor die Männer. Es sind noch wirklich grobe gesellschaftliche Veränderungen nötig, um Frauen die selben Chancen zu geben wie Männern. Die Frage, wie Beruf und Familie vereinbart werden können, stellt sich ja nach wie vor nur bei Frauen, bei Männern absolut nicht. Das muss in das gesellschaftliche Bewusstsein eindringen. Wir sind noch nicht am Ziel. Noch lange nicht.
Interviewerin: Ute Woltron





