Kabinettskanzleidirektor Adolf Braun: Torwächter zur "Allerhöchsten Politik" der Habsburgermonarchie

Kabinettskanzleidirektor Adolf Braun: Torwächter zur “Allerhöchsten Politik” der Habsburgermonarchie

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Exzellenz Adolf Freiherr von Braun, Kabinettskanzleidirektor

In meiner Zeit lohnt es sich, die richtigen Menschen zu kennen. Man könnte sagen, der Großteil meiner Tätigkeit ist davon geprägt. Mein Name ist Adolf Braun, langjähriger Direktor der Kabinettskanzlei unseres allergnädigsten Kaisers Franz Joseph I. Mein Ruf ist mir sicherlich vorausgeeilt, denn in Wien kennt mich so gut wie jeder, der etwas mit Politik am Hut hat. Man könnte sagen, ich bin die Person, die dem Kaiser am nächsten steht, ohne mit ihm verwandt zu sein. Ein Vertrauter und verlässlicher Untergebener. Nicht umsonst finden sich zahlreiche Orden in meinem Besitz.

Man darf ruhigen Gewissens behaupten, ich bin ein wichtiger Mann in der österreichischen Politik. Doch natürlich handelt es sich dabei um ein offenes Geheimnis, denn offiziell überschaue ich lediglich die Tätigkeiten der Kabinettskanzlei. Tag für Tag werden dort zahlreiche, für den Kaiser bestimmte Dokumente arrangiert. Wir sind sozusagen sein persönliches Bureau. Das sieht man gut daran, dass wir eine Sonderposition im Verwaltungsapparat der Habsburgermonarchie haben: Wir sind weder dem Staat, noch dem Hofstaat unterstellt, sondern direkt dem Kaiser persönlich. Das ist freilich nicht immer zum Vergnügen anderer Instanzen, man erinnere sich an das Jahr 1848, als der Ministerrat den Versuch unternahm, die Kabinettskanzlei zu beseitigen!

Unsere Aufgabe ist es nun, den Kaiser in seiner täglichen Arbeit zu unterstützen. Und Sie können mir glauben, verehrte Leserin, verehrter Leser, dabei handelt es sich um eine Menge! Unser Kaiser legt nämlich, ungleich seiner Vorgänger, viel Wert auf die Korrektheit der “Allerhöchsten Politik”. Soll heißen: alles Wichtige muss durch die Hände des Kaisers! Und wir haben die außerordentliche Aufgabe, den Kaiser dahingehend zu unterstützen. So heißt es Tag für Tag die eingehenden Vorträge der einzelnen Ministerien zu sortieren, zu exzerpieren und, um den Kaiser darüber hinaus noch weiter zu unterstützen, eine Resolution vorzufertigen! Außerdem stellen wir die Audienzlisten zusammen und legen dem Kaiser wichtige Informationen aus allen Teilen der Monarchie vor.

Nun können Sie sich vorstellen, dass der Kaiser ein vielbegehrter Mensch ist. Und immer noch, trotz dieser kläglichen Verfassung, werden hier in der Kabinettskanzlei wichtige politische Entscheidungen getroffen. Natürlich durch den Kaiser. Wir dienen lediglich!

Auf dem Schreibtisch des Kaisers geschieht somit Tag für Tag Politik. Und wir bringen diese Politik erst dort hin, gut sortiert, leserlich, adäquat vorbereitet!

Nun kommen Sie nur nicht auf den Gedanken, ich sei bloß ein einfacher Konzipist! Von denen haben wir zehn in der Kabinettskanzlei, deren Arbeit auch hochgeschätzt wird. Aber als Direktor trage ich weitaus mehr Verantwortung. Und wie bereits gesagt, hat mir das zu einem gewissen Ruf verholfen. Würden Sie, werte Leserin, werter Leser, nun ein Anliegen haben, das Sie direkt dem Kaiser vorzutragen suchen, was würden Sie tun? Angenommen Sie benötigen eine finanzielle Unterstützung, einen Erziehungsbeitrag für eines ihrer Kinder. Oder ihr Ehepartner ist fälschlicherweise wegen Mordes zum Tode verurteilt worden und Sie hoffen auf des Kaiser Güte und Nachsicht. Wahrscheinlich würden Sie ein Schreiben verfassen und dieses rasch auf den schier endlosen Weg unseres geliebten Verwaltungsapparates schicken. In meiner Amtszeit wird diese Bittschrift wohl nicht mehr in unseren Räumlichkeiten eintreffen. Deshalb: Schreiben Sie doch direkt mir, dem Mann, der das Ohr des Kaisers hat. Wir finden sicherlich ein gutes Abkommen, von dem beide Parteien profitieren können. Wissen Sie, ich sammle leidenschaftlich gerne Steine. Über Mineralien, edle Steine, freue ich mich stets. Dann steht einer guten Zusammenarbeit mit Kabinettskanzleidirektor Braun nichts mehr im Wege und diese lohnt sich immer. Denn in meiner Zeit als Kabinettskanzleidirektor konnte ich mir nicht nur Kanäle zu seiner Majestät in Wien öffnen. Ich verfüge mitunter über Kontakte zu zahlreichen europäischen Fürsten, Großunternehmern, Militärs und Wissenschaftlern.

Sie sehen, werte Leserin, werter Leser, die Position des Kabinettskanzleidirektors ist keine unbedeutende. Schlussendlich war sie jedoch immer das, was die bestellte Person aus ihr machte. Wo andere blind und altersschwach die Schreibstube hüteten, da entfalte ich meine höchste Kunst der informellen Politik.

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Andreas Enderlin ist Doctoral Fellow an der Vienna Doctoral Academy: Theory and Methodology in the Humanities und verfasst seine Dissertation im Fachbereich Geschichte über informelle Politik im 19. Jahrhundert.