Sandra Folie: Von “Frechen Frauen” und “Chick Lit”

Der eigene Schatten fällt unweigerlich auf die eigene Forschung. So sehr um das „Ich“ herumgetänzelt wird, bedingt es doch, wer was wann wo wie und warum untersucht. Die Silhouette der Forscherin oder, in diesem Falle, schlicht ICH beschäftige mich mit Chick lit. Ursprünglich als anglo-amerikanisches Phänomen gehandelt, hat sie sich seit ihrer Entstehung Mitte der 1990er Jahre auf diversen sprachkulturellen Märkten rasant ausgebreitet. Es herrscht weitgehend Konsens darüber, dass es sich um einen Transfer vom ‚Zentrum’ in die ‚Peripherie’ handelt, vom originären Genre hin zu zahlreichen Subgenres. Für letztere hat sich der problematische Terminus Ethnic Chick lit etabliert. Darunter werden im weitesten Sinne alle Chick lit-Texte mit anderen als sogenannten westlichen soziokulturellen Hintergründen verstanden. So friedlich der Globus im Venussymbol zu liegen scheint, es besteht ein hierarchisches Verhältnis zwischen den beiden. Die Kategorie ‚Frau’ scheint größer, gewichtiger, allgemeingültiger. Sie zieht ihren Kreis um die Welt, bestimmte Partien sind sichtbar, andere nicht. Beyond Ethnic Chick Lit, Titel und Ziel meiner Dissertation. Jene Schatten verschieben, die ein anglozentrischer Gender-Fokus über ‚Frauenliteraturen’ (nicht nur) des ‚globalen Südens’ wirft. Dabei den eigenen Schatten prüfen, Selbstreflexivität in die normative Struktur der Wissenschaft miteinbeziehen, angesammeltes Wissen verorten, um Verantwortung dafür übernehmen zu können.

“The Chick’s Shadow”: Inspiriert durch den Wettbewerb der Universität Wien „Meine Forschung in einem Bild“ (bei dem ich das Foto 2016 auch eingereicht hatte), habe ich versucht, meinen Forschungsgegenstand auf einem Foto abzubilden.

Im Rahmen der Reihe “Projektvorstellung” bekommen VDA-Fellows die Möglichkeit, ihr Dissertationsprojekt öffentlich und auf zugängliche Weise anhand von 3 Fragen vorzustellen. Den Anfang hierzu macht Sandra Folie, Stipendiatin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (DOC) am Institut für Europäische und Vergleichende Literaturwissenschaft.

Frage 1: Wie würdest Du Dein Projekt einem 10-jährigen Kind erklären?

Wenn deine Eltern in eine Buchhandlung gehen und dir ein Buch kaufen wollen, ist es nicht unwahrscheinlich, dass sie als erstes gefragt werden: für einen Jungen oder für ein Mädchen? Es wird angenommen, dass sich Jungen für andere Dinge interessieren wie Mädchen. Doch stimmt das immer? Auch bei den Büchern für Erwachsene gibt es oft Regale ‚für Frauen’. Da steht dann zum Beispiel ‚Frauenliteratur’, ‚Freche Frauen’ (z.B. in der Thalia-Filiale Mariahilfer Str.) oder ‘Chick lit’ (auf Deutsch: ‘Hühnchen-Literatur’). Die Bücher sind auch an der Farbe und Gestaltung der Cover zu erkennen: rosa/pink, mit Blumen, Herzchen und oft auch sehr schlanken Frauen mit hochhakigen Schuhen. So kann leicht der Eindruck entstehen, dass Frauen sich nur für eine bestimmte Art von Büchern interessieren, in denen es um Mode und vor allem um Männer geht.

In meiner Dissertation schaue ich mir an, was für Bezeichnungen, Beschreibungen und Covergestaltungen es in verschiedenen Ländern für Bücher, die Frauen angeblich besonders mögen, gibt. Was steckt hinter ‚Freche Frauen’, ‚Hühnchen Literatur’ (Chick lit, englischsprachiger Raum), ‚Duftende Literatur’ (Sastra wangi, Indonesien), die alle ähnlich beworben und gestaltet werden, und warum gibt es solche Bezeichnungen für Literatur, die Männer schreiben/lesen, nicht?

Frage 2: Was war deine Motivation, dich bei der VDA zu bewerben?

Ich denke, dass ein den Einzeldisziplinen und auch Instituten über- oder nebengeordnetes Kolleg wie die VDA, den Austausch unter Doktorand_innen fördern und vereinfachen kann. Diesen Austausch halte ich sowohl auf theoretisch-methodischer als auch auf einer sehr viel informelleren und pragmatischeren Ebene für wichtig, auf der beispielsweise auch Gespräche über die teils prekären Arbeitsverhältnisse im Wissenschaftsbetrieb möglich sind, die uns ja doch alle in irgendeiner Form betreffen und/oder noch betreffen werden. Gespräche darüber und vor allem auch Strategien im Umgang damit. In diese nun einmal prekären Strukturen eingebettet – und ich bin mir bewusst, dass ich deren Auswirkungen als DOC-Stipendiatin der ÖAW (noch) deutlich weniger stark spüre als andere – stellten natürlich auch die finanziellen Fördermöglichkeiten der VDA eine Motivation für meine Bewerbung dar.

Frage 3: Welche*r Wissenschaftler*in/Forscher*in hat dich auf deinem Weg am meisten beeindruckt/beeinflusst/inspiriert/begeistert?

In Zusammenhang mit meiner Dissertation war bzw. ist das vor allem Susan Stanford Friedman, Hilldale Professor und Virginia Woolf Professor of English and Women’s Studies an der University of Wisconsin-Madison.

Meinem Promotionsgegenstand, der Chick lit, wird nachgesagt, ein globales Phänomen zu sein – gewissermaßen ein Export-Produkt vom ‚Zentrum’ bzw. ‚globalen Norden’ in die ‚(Semi-)Peripherien’ bzw. den ‚globalen Süden’. Diese vereinfachende, eurozentrisch geprägte Sichtweise zu widerlegen bzw. zu verkomplexifizieren, stellt ein grundlegendes Ziel meiner Dissertation dar, das ich mithilfe der impliziten (Re-Vision, Recovery) und expliziten Vergleichsstrategien (Circulation, Collage), die Susan Stanford Friedman in World Modernisms, World Literature, and Comparativity (2012) für global angelegte komparatistische Untersuchungen vorschlägt, zu erreichen gedenke.
Re-Vision und Recovery sind eng an Strategien der feministisch ausgerichteten (Literatur-)Wissenschaft angelehnt, bei denen es zum einen darum geht, auf bereits erforschte Bereiche – zu denen ja v.a. die ‘anglo-amerikanische’ Chick lit gehört – nochmals ‚anders’ hinzublicken; zum anderen auch darum, weniger erforschte Teilbereiche – zu denen die ‚Ethnic’ bzw. ‚globale’ Chick lit gehört – aufzuarbeiten.
Circulation und Collage sind an Strategien v.a. aus den Postcolonial Studies angelehnt, wobei Friedman versucht, die Vorzüge eines stark an die Systemtheorie angelegten ‚Zentrum’-‚Peripherie’-Modells (Vgl. Casanova, Moretti) mit einem stärker an Theorien der wandernden Kulturen, des transnationalen kulturellen Austausches und der kulturellen Hybridität orientierten Zirkulationsmodell (Vgl. Apter, Damrosch) zu verknüpfen. Schlussendlich wird mein Dissertationsprojekt, wie ich hoffe, auch eine Art Collage darstellen, welche die Unübersetzbarkeit von Genres oder vielmehr Labels zeitgenössischer Literatur von Frauen illustriert: “the likeness affirmed, the equivalence denied” (Friedman 2012: S. 512).

Literatur-Tipps:

Folie, Sandra: chick lit – die neue ‚frauenliteratur’? Dissertationsblog, https://chicklit.hypotheses.org/

Friedman, Susan Stanford: World Modernisms, World Literature, and Comparativity, in: The Oxford handbook of global modernisms, hrsg. v. Mark A. Wollaeger, New York et al. 2012, S. 499–525.

Mißler, Heike: The Cultural Politics of Chick Lit: Popular Fiction, Postfeminism and Representation, New York/London 2016.

Nigischer, Sandra: Manche mögen’s seicht, in: dieStandard.at, 2013, http://derstandard.at/1356427176175/Manche-moegens-seicht [06.10.2016].

Ponzanesi, Sandra: The postcolonial cultural industry: icons, markets, mythologies, Basingstoke et al. 2014.

(Folie, 12.06.2017)