Wiener Arbeitsgespräche zur Aufklärungsforschung #2: Laokoon - Künste und Medien im 18. Jahrhundert

Wiener Arbeitsgespräche zur Aufklärungsforschung #2: Laokoon – Künste und Medien im 18. Jahrhundert

Am 7. und 8. Juni 2017 gingen die Wiener Arbeitsgespräche zur Aufklärungsforschung in die zweite Runde. Die gemeinsame Lektüre von Gotthold Ephraim Lessings epochemachender Schrift Laokoon oder Über die Grenzen der Malerei und Poesie (1766) bildete den Ausgangspunkt für Vorträge und Diskussionen über Künste und Wissenschaften im 18. Jahrhundert. Der theoretische und methodologische Rahmen war über mediengeschichtliche und medienästhetische Fragen einerseits sowie über Fragen zu Transformation und Funktionswandel von Gattungspoetik, Rhetorik und Wissenschaftssystem andererseits abgesteckt.

Die Arbeitsgespräche sind eine vierteljährlich ausgerichtete Reihe von Veranstaltungen mit variierenden Arbeitsformaten, die von den Teilnehmer_innen nach ihren Bedürfnissen gestaltet und von der VDA Theory and Methodology in the Humanities sowie von der Österreichischen Gesellschaft zur Erforschung des 18. Jahrhunderts gefördert werden. In dieser offenen Gruppe finden sich Nachwuchswissenschaftler_innen aus Wien zusammen, die historisch und theoretisch in der Aufklärungsforschung angesiedelte Forschungsprojekte verfolgen und sich durch einen regelmäßigen produktiven Austausch gegenseitig unterstützen.

Als wissenschaftlichen Experten konnten wir diesmal den renommierten Lessingforscher, Philologen und Intermedialitätstheoretiker Jörg Robert, Professor für Literaturgeschichte der Frühen Neuzeit an der Eberhard Karls Universität Tübingen, gewinnen. Im Titel seines Eröffnungsvortrages vom 7.6. waren zentrale Aspekte einer spannenden Laokoon-Lektüre verdichtet: „‚Wo er dogmatisiret, ist er kein Dichter‘ – Grenzen der Künste und die Autonomie der Kunst“. Seine instruktive Darstellung des Laokoon-Komplexes konzentrierte sich in einer originellen Interpretation auf die kunst- und insbesondere medientheoretischen Dimensionen der Laokoon-Schrift. Strukturgebend war der Zusammenhang einer geschichtlich frühen Theoretisierung von Kunstautonomie im Zeichen eines doppelten Paragone: einmal Kunst vs. Wissenschaft und einmal Alte gegen Neuere im Sinne der Querelle. Zugespitzt hat diese doppelte Konkurrenz Lessing bereits in seinem frühen Lehrgedicht Aus einem Gedichte an den Herrn M**, das Jörg Robert produktiv mit dem Laokoon in Beziehung setzte: „Das Alter wird uns stets mit dem Homer beschämen, / Und unserer Zeiten Ruhm muß Newton auf sich nehmen.“

Am darauffolgenden Tag wurden in einem intensiven Workshop am Institut für Kunstgeschichte, an dem sich mehrere VDA-Fellows und Prof. Franz Eybl als Faculty-Mitglied beteiligten, manche berühmten und wirkmächtigen Passagen aus Lessings Laokoon einer Revision unterzogen, aber auch bislang wenig beachtete Aspekte des Textes produktiv diskutiert. Niels Wildschut vom Institut für Philosophie machte den Anfang mit Überlegungen zur historischen Methode und zum Geschichtsbegriff Lessings im Vergleich zu Winckelmann und Herder. Gernot Mayer vom Institut für Kunstgeschichte sichtete den Porträtdiskurs im 18. Jahrhundert und stellte die Frage, inwiefern Lessings theoretische Einlassungen mit Blick auf die zeitgenössische Porträtmalerei und ihre Theoretisierung originell oder brauchbar sind. Unter Rückbezug auf die Ausführungen zu Lessings Polemik gegen das Lehrgedicht (poetisches Monstrum) vom Vortag rekonstruierte Thomas Assinger vom Institut für Germanistik die im Laokoon begegnenden Poesiebegriffe, um sie in literaturtheoretischer und gattungspoetologischer Hinsicht einer Kritik zu unterziehen. Roman Kabelik vom Institut für Germanistik entwickelte nach einem leichten und erfrischenden Mittagessen im Anschluss an Lessings Theoretisierung von Prosa und seiner rezeptionstheoretischen Aufwertung der Einbildungskraft Möglichkeiten, diese für eine Auseinandersetzung mit der Romanliteratur des späten 18. Jahrhunderts produktiv zu machen. Den Abschluss machte Viktoria Walter, Germanistin und Politikwissenschaftlerin aus München, die Lessings Überlegungen zum Drama in einen fruchtbaren Dialog mit ihrer Arbeit zu Schillers Die Verschwörung des Fiesco zu Genua brachte. Dadurch kamen noch einmal wenig beachtete, aber theoretisch attraktive Abschnitte aus den Paralipomena zur Laokoon-Schrift zur Geltung.

Um die theoretischen Ergebnisse des Workshops an Kunstwerken auszuprobieren, machten sich die Teilnehmer_innen schließlich bei Kaiserwetter auf ins Kunsthistorische Museum. Dort wurden Sie von der Kunsthistorikerin und -vermittlerin Cigdem Özel zu ausgewählten Exponaten geführt. Mit Bezug auf Lessings kunsttheoretischen Begriff des „fruchtbaren Augenblicks“ stellten ihre Ausführungen vielfältige Bezüge zu Diskussionspunkten unseres Workshops her, so dass Caravaggio, Tintoretto, Rubens & Co unerwarteter Gegenstand weiterer Gespräche wurden. Mit Porträts von Maria Theresia und Joseph II. gelangte auch noch die Aufklärungsforschung im engeren Sinn zu ihrem Recht. Und so setzten wir geradewegs in die Tat um, was Lessing programmatisch für seinen Laokoon beansprucht hatte: Es geht nämlich nicht darum, „[a]us ein Paar angenommenen Worterklärungen in der schönsten Ordnung alles, was wir nur wollen, herzuleiten,“, sondern wir können resümieren, dass unsere Unternehmungen „mehr nach der Quelle schmecken.“ Unsere Theoriearbeit ist immer auch (irgendwie) historische Arbeit.

(28.06.2017, Thomas Assinger & Roman Kabelik)