FELLOWS ON THE ROAD: TURIN

FELLOWS ON THE ROAD: TURIN

An der Universität Turin fand von 15.-18. November 2017 die internationale Konferenz „Borders of the Visible. Intersections between Photography and Literature“ statt. Eine gewisse Affinität zu den visuellen Künsten ist der Stadt nicht abzusprechen, wie unter anderem das Fotografiemuseum Camera oder das sich im Wahrzeichen der Stadt – der Mole Antonelliana – befindliche Kinomuseum Museo Nazionale del Cinema zeigen.

Die dreisprachige Konferenz, eine Kooperation der Universitá degli Studi di Torino und dem Centro Studi Arti della Modernità, widmet sich den zahlreichen Spielarten der Fototexte, schon die Keynote von Michele Cometa (Università di Palermo) stellt die Frage „What Do Phototexts Want?“ Die Verknüpfung von Literatur und Fotografie, vom Fotografen Wright Morris in den 1940er Jahren als Photo-Text bezeichnet, ergibt dabei nicht nur die Summe der einzelnen Teile sondern entwickelt eine eigenständige Narration. Deren rhetorische Tropen, Temporalitäten und Diegesen sind der Stoff, aus denen die (Alb-)Träume der intermedialen Literaturwissenschafter*innen, die sich an diesen drei Tagen in Turin treffen, sind. Marie-Laure Ryan, Herausgeberin des 2004 erschienen Bandes Narrative Across Media. The Languages Across Storytelling, plädiert dafür, den Terminus Narrativ nicht mehr an ein bestimmtes Medium – nämlich das geschriebene Wort – zu binden. Ihre Keynote mit dem Titel „Photos, Fact and Fiction: Literary Texts and Mechanical Representation“ geht der Frage nach, welche Formen von Fototext sich ergeben, wenn fiktionale Fotos auf faktuale oder fiktionale Literatur treffen und vice versa. Das Konzept, auch Fotos in fiktional/faktual zu unterteilen, erscheint mir jedoch nicht recht zielführend. Denn schließlich ist jedem Foto – wie auch jeder Form der Literatur – ein fiktionales Element durch Posieren oder der Wahl des Ausschnitts inhärent.

Nach dem Eröffnungsplenum starten zeitgleich drei Sessions, jeweils in einer der drei Konferenzsprachen Englisch, Französisch und Italienisch. Ich begebe mich in den Saal, in dem die Sektion „Photography and Biography“ stattfindet, um meinen Vortrag mit dem Titel „The Many Faces of Sylvia Plath – Photographs in Literary Biographies“ zu präsentieren. In meiner Dissertation beschäftige ich mich mit Rolle und Funktion von Fotografien in den Biographien von Autorinnen des 20. Jahrhunderts. Sylvia Plath ist dabei ein besonders interessanter Fall, da es von Plath, im Unterschied zu manch ihrer Zeitgenoss*innen, relativ wenige Fotos gibt. Deshalb findet sich in den vier von mir analysierten Biographien kein einziges, auf dem die Autorin beim Ausüben ihrer Arbeit zu sehen ist. Stattdessen gibt es 13 Bilder von Häusern, in denen die Autorin lebte (bei insgesamt 97 Fotos sind das immerhin 12,60 Prozent!). Die Kolleginnen meines Panels berichten danach von ihren Forschungen über Autobiographien Paul Austers und zu Hughes/DeCaravas Sweet Flypaper of Life, das das Alltagsleben in Harlem in den 1950er Jahren abbildet.

Der Schwerpunkt des zweiten Tages liegt bei der Kombination „Photography and the Novel“, dem sich vier Sitzungen widmen. Die Vorträge behandeln so unterschiedliche Texte wie W.G. Sebalds Schwindel der Gefühle oder Siri Hustvedt’s The Blindfold. Fotografie per se repräsentiert Vergangenes und den Tod, wie Roland Barthes in Die helle Kammer schreibt, wenn er sie in Verbindung zum Theater setzt: „…so ist die PHOTOGRAPHIE doch eine Art urtümlichen Theaters, eine Art von ‚Lebendem Bild‘: die bildliche Darstellung des reglosen, geschminkten Gesichtes, in der wir die Toten sehen.“ (Barthes 1989, 41) Durch diese permanente Referenz auf bereits Geschehenes entwickeln die Fotos in den Romanen eine eigene Temporalität, diese kann mit oder gegen jene des Romans verlaufen. Der dritte und letzte Konferenztag steht unter dem Motto „Photography and Fiction“ und entfernt sich inhaltlich etwas von den zuvor so zentralen Fototexten. Ich sehe mir unter anderem einen Vortrag an, der sich mit der Fotograf*innen-Rolle in Spielfilmen auseinandersetzt und die stereotypischen Charaktereigenschaften wie Wortkargheit oder Einzelgängertum, die ihnen zugesprochen werden. Häufig wird das Klischee bedient und gebrochen zugleich, wie der Fotograf*innen-Film schlechthin – Rear Window von Alfred Hitchcock – veranschaulicht. James Stewarts Fotograf ist der Voyeur par excellence, parallel dazu ist er aber nicht permanent auf Achse, sondern in seinem überhitzten Appartement an den Rollstuhl gefesselt.

Nach diesem Panel bleibt in der letzten Kaffeepause noch Zeit, sich mit Kolleg*innen auszutauschen und das Gehörte und Gesehene Revue passieren zu lassen. Den Nachmittag verbringe ich damit, zur Kirche Santa Maria del Monte auf dem Monte del Cappuccine zu spazieren und den sagenhaften Ausblick auf die Stadt und die sich daran anschmiegenden schneebedeckten Alpen zu genießen. Es wundert mich nicht, dass Turin einmal die Hauptstadt Italiens war, die langen, geraden Straßen, die immer wieder von gigantischen Plätzen durchbrochen werden, wirken majestätisch. Zum Schluss gönne ich mir noch eine Selektion an Schoko- und Nougatpralinen zu meinem Espresso im Café Torino und trete danach meine Heimreise an.

(Barthes, Roland: Die helle Kammer. Bemerkung zur Photographie. Übersetzt von Dietrich Leube. Frankfurt: Suhrkamp 1989.)