Silvia Salino: Die vielen Leben Jiang Qings: Biographische (Re-)Konstruktionen Chinas umstrittenster Frau

Frage 1: Wie würdest Du Dein Projekt einem 10-jährigen Kind erklären?

Ich beschäftige mich mit der Frage, warum die Biographie so beliebt ist, warum es so faszinierend ist, die Lebensgeschichten von jemand anderem zu lesen. Hat das etwas mit uns selbst zu tun? Diese Frage setze ich in den chinesischen Kontext und schaue, ob und wie die Biographie die Bildung der chinesischen Identität beeinflusst.
In meinem Projekt analysiere und vergleiche ich verschiedene Biographien über Jiang Qing, die letzte Frau Mao Zedongs. Beide waren chinesische Revolutionäre und führende Politiker; jedoch wurde Jiang Qing nach Maos Tod verhaftet und hat heute immer noch eine negative Reputation als rachsüchtig und bösartige Frau. Ich versuche festzustellen, wie und warum die vielen Biographien, die über sie geschrieben wurden, alle ein anderes Bild von ihr zeichnen.  Die verschiedenen AutorInnen schreiben aus einer Vielzahl von Kontexten, sowohl in China als auch im Westen und explorieren besondere Aspekte des Lebens Jiang Qings. Besonders interessant für mich ist, wie diese AutorInnen ihr Narrativ konstruieren, wie sie die Geschichte des Lebens Jiang Qings kohärent machen.
Man kann sagen, dass in jedem biographischen Text durch narrative Vermittlung ein neues Subjekt erstellt wird und das sagt uns nicht nur etwas über Jiang Qing und ihre Zeit, sondern auch über die Gesellschaft, in der diese Biographien produziert worden sind.
Dass unsere Identität ein flexibles Konstrukt ist und keine Abstrakte Entität, kann man verstehen, zum Beispiel, wenn wir unsere Lebensgeschichte erzählen. Wir versuchen Aktionen und Ereignisse zu erklären und verknüpfen die Geschichte um eine bestimmte Darstellung von uns selbst zu erreichen (unsere Lebensgeschichte bleibt nie dieselbe, wenn man sie in verschiedenen Augenblicken erzählt). In diesem Sinne sind wir die Subjekte von der Geschichte, da wir eigene Ereignisse selektionieren und andererseits auch die Objekte dieser Geschichte, da wir nur durch die Erzählung über uns zum Verständnis unserer eigene Identität kommen.
Deshalb sind die Biographien so wichtig und beliebt, und waren es immer: wir können uns in verschiedenen Momenten mit jemand anderem identifizieren und wir können immer durch den Anderen etwas über uns selbst verstehen.
Zurück nach China: man kann durch die Analyse der Biographie viel über die chinesische Gesellschaft, Modernität und Identität verstehen und anhand der Entwicklung der Biographie sehen, wie schnell sich diese verändern.

Frage 2. Was war deine Motivation, Dich bei der VDA zu bewerben?

Erstens sind die Form der Biographie und ihr hybrider Gattungsstatus zwischen Geschichtsschreibung und Literatur perfekte Objekte einer interdisziplinären Analyse. Die Beschäftigung mit den Funktionen der Biographie in der Gesellschaft, in der sie produziert wird, löst zum Beispiel Reflexionen über die Frage der Modernität und der Identität aus und stimuliert den Austausch mit den Disziplinen der Sozialwissenschaften. Zweitens macht die Einbeziehung verschiedener biographischer Texte aus verschiedenen Genres das Projekt sehr reich an Terrains, auf denen der theoretische Rahmen angewendet werden kann. Besonders faszinierend ist es, das Potenzial der Erzählung mit mehreren Disziplinen zu verbinden. In meinem Projekt vergleiche ich auch zwei verschieden biographische Traditionen, die westliche und die chinesische, was zu einer Neupositionierung von konventionellen biographischen Theorien führen könnte. Die Bewerbung bei der VDA ist sehr wichtig, um mich in einen multidisziplinären Kontext zu positionieren und immer von neuen Problemen und Situationen inspiriert zu werden.

Frage 3. Welche*r Wissenschaftler*in/Forscher*in hat dich auf deinem Weg am meisten beeindruckt/beeinflusst/inspiriert/begeistert?

Die Person, die mich am meistens beeindruckt hat, ist meine Betreuerin, die Sinologin Susanne Weigelin-Schwiedrzik (Institut für Ostasienwissenschaften, Universität Wien). Sie ist eine ausgewiesene Expertin auf dem Gebiet der chinesischen Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts und konnte mir einen spannenden und reflektierten Einblick in die biographische Forschung bieten, um die Rolle der Biographie in der modernen Historiographie zu verstehen.
Insbesondere war ihre Ermutigung Paul Ricoeur (1913 – 2005) zu lesen sehr wichtig. Die Theorie der narrativen Identität, die Ricoeur im Kontext einer Reflexion  über Zeit entwickelt hat, hat meine Analyse von biographischen Texten inspiriert und mein Interesse an der Entwicklung des Problems der Identitätsbildung beeinflusst. Die Frage der Identität ist äußerst interessant und steht im Zentrum des Diskurses über Politik und Gesellschaft innerhalb und außerhalb Chinas.

Literatur – Tipps:

Min, Anchee: Becoming Madame Mao. London: Houghton Mifflin Company, 2000.

Ricoeur, Paul: Time and Narrative, vol. 1,2,3, trans. Kathleen McLaughlin and David Pellauer. Chicago: University of Chicago Pres, 1985.

Weigelin-Schwiedrzik, Susanne (ed.): Broken Narratives: Post-Cold War History and Identity in Europe and East Asia (Leiden Series in Comparative Historiography Book 8). Leiden: Brill, 2014.