Bericht: Masterclass "Instrument Netzwerkforschung"

Bericht: Masterclass “Instrument Netzwerkforschung”

Sich an eine neue Methode heranzuwagen, kann ein abenteuerliches Unterfangen sein. Die Forscherinnen und Forscher begeben sich auf unberührtes Territorium, methodologisches Neuland.

Am 16.12.2017 fand in Wien die von der VDA Theory and Methodology in the Humanities veranstaltete Masterclass „Instrument Netzwerkforschung“ statt. Damit sollte genau ein solches Kennenlernen und Ausprobieren einer Methode stattfinden, die zumindest unter Wiener Forschenden verhältnismäßig wenig zum Einsatz kommt. Diskurs- und Inhaltsanalyse mussten einen Tag lang Platz machen für das vielseitige methodische Instrument der historischen Netzwerkforschung. Um eine möglichst intensive Auseinandersetzung zu ermöglichen, wurde das Format der Masterclass gewählt. Als Experte konnte Martin Stark, derzeit am Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung in Aachen tätig, gewonnen werden. Stark verfügt über vieljährige Erfahrung in der Anwendung der historischen Netzwerkanalyse und ist Autor sowie Herausgeber mehrerer Beiträge, die als „Standardwerke der Methodik“ betrachtet werden können.

In lockerem Rahmen stellten einen Samstag lang sechs Doktorandinnen und Doktoranden ihre Dissertationsvorhaben vor und diskutierten diese vor dem Hintergrund eines Zugangs über die Netzwerkforschung. Das spannende und vielseitige Programm erstreckte sich vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

Jasmin Fischer-Badr (Wien) nahm uns so auf eine Reise in die sozialen Netzwerke rund um die Verbreitung von pädagogischen Konzepten aus dem russischen Raum mit. VDA-Fellow Bianca Schumann zeigte zentrale Netzwerke hinter der Rezeptionsgeschichte symphonischer Programmmusik im 19. Jahrhundert auf. VDA-Fellow Andreas Enderlin präsentierte einen Zugang zu informellen Vorgängen in der Allerhöchsten Politik Kaiser Franz Josefs über politische Netzwerke. Egor Lykov betrachtete die Ausbreitung der europäischen Eisenbahntechnik in der russischen Provinz 1890–1914 und involvierte Akteure über unterschiedliche Netzwerke. James McSpadden (Harvard) zeigte auf beeindruckende Weise, wie ein netzwerkanalytischer Zugang parlamentarische, über die Parteigrenzen hinausgehende Zusammenarbeit in der Zwischenkriegszeit aufdecken kann. Abschließend betrachtete Manfred Stadler (Wien) die Netzwerke österreichischer Adeliger zwischen Heimwehr und Widerstand gegen den Nationalsozialismus.

Jede Präsentation war gefolgt von einem Kommentar von Martin Stark, der seine Einschätzungen hinsichtlich der Anwendungsmöglichkeiten der Methode und weitere wertvolle Anmerkungen lieferte. Darauf folgte stets eine lebendige Diskussion der Inhalte und der faszinierenden Netzwerke, nicht zuletzt dank der engagierten „GasthörerInnen“, die hoffentlich in einer zweiten Runde dieser Masterclass die Möglichkeit erhalten werden, ihre Forschungsvorhaben zu präsentieren.

Die Masterclass „Instrument Netzwerkforschung“ darf aus mehreren Gründen als ein toller Erfolg gewertet werden. Es fand eine intensive Auseinandersetzung mit der Methode der historischen Netzwerkforschung statt. Jedes Forschungsprojekt konnte von der Anwendung dieser Methode profitieren. Das lag nicht zuletzt daran, dass die Netzwerkforschung sehr ansprechend zum entspannten Ausprobieren einlädt. Es ergaben sich auf diese Weise neue Perspektiven und neue Möglichkeiten zur Beantwortung alter Forschungsfragen. Außerdem konnte sich im Rahmen der Masterclass eine Interessengruppe für die Methode der Netzwerkforschung etablieren. Im Rahmen der VDA Theory and Methodology besteht somit seit 2018 die „Erweiterte Arbeitsgruppe Netzwerkforschung“, die sich aus VDA-Fellows und Forschenden zusammensetzt, die sich mit dieser Methode befassen. Neben einer Fortsetzung der Masterclass sind zu Beginn kleinere Workshops geplant, in denen ein intensives „Hands-on“ mit unterschiedlichen Anwendungs- und Visualisierungsprogrammen stattfinden wird.

Bei Interesse an der Arbeitsgruppe Netzwerkforschung und/oder an den kommenden Veranstaltungen, steht Andreas Enderlin (andreas.enderlin@univie.ac.at) als Kontakt zur Verfügung.

 

Literaturhinweis:

Martin Düring, Ulrich Eumann, Martin Stark, Linda von Keyserlingk (Hg.):Handbuch historische Netzwerkforschung: Grundlagen und Anwendungen (LIT 2016).

Historical Network Research http://historicalnetworkresearch.org