Wissenschaftsvermittlung: Uniorientiert und Lange Nacht der Forschung 2018

Wissenschaftsvermittlung: Uniorientiert und Lange Nacht der Forschung 2018

Es liegt eine ebenso anstrengende wie inspirierende Woche der Wissenschaftsvermittlung hinter mir und vielen Kolleg*innen, die sich an der Uniorientiert, dem Tag der offenen Tür für Studieninteressierte der Universität Wien, und/oder an der Langen Nacht der Forschung beteiligt haben. Warum es anstrengend ist, neben dem normalen Workload als Praedoc auch noch Wissenschaftsvermittlung zu betreiben, liegt, glaube ich, auf der Hand. Zum einen wollen solche Aktivitäten – in meinem Fall eine Probevorlesung auf der Uniorientiert und ein Stand bei der Langen Nacht der Forschung – gut vorbereitet sein, zum anderen fordern sie Präsenz, die über bloße Anwesenheit hinausgeht; schließlich möchte mensch die Zuhörer*innen fesseln, spontan auf ihre Fragen und Bedürfnisse eingehen und im besten Falle einen bleibenden Eindruck hinterlassen – weniger als Person denn als Repräsentantin einer künftigen Studienmöglichkeit. Die Inspiration kommt ins Spiel, wenn das Gefühl besteht, beim Publikum angekommen zu sein; wenn, zumindest bei einigen, die Augen zu leuchten beginnen; wenn zustimmend genickt wird, Fragen gestellt oder ganz persönliche Geschichten erzählt werden. Ich selbst bin vor nicht ganz zehn Jahren noch relativ unvorbereitet von Vorarlberg nach Wien gekommen und auch die Studienwahl fiel, rückblickend betrachtet, eher intuitiv und uninformiert. Informationsangebote gab es nicht oder kaum bzw. kannte ich sie vielleicht auch einfach nicht. Nicht zuletzt aufgrund dieser persönlichen Erfahrung des Schlechtinformiertseins liegt mir viel daran, es Studieninteressierten etwas leichter zu machen.

 

Uniorientiert: Drei Beispiele für komparatistische Forschung

Am Donnerstag, den 12. April, habe ich auf der Uniorientiert zusammen mit Katharina Edtstadler (ebenfalls VDA-Fellow) und Andrea Kreuter, die beide wie ich ihre Dissertation im Fachgebiet Vergleichende Literaturwissenschaft schreiben, eine Probevorlesung gehalten. Dass uns dafür der große C2 Hörsaal am Campus der Universität Wien zugewiesen wurde, hat uns doch etwas verwundert und der erste Eindruck – „niemand da“ – war dann auch dementsprechend enttäuschend; dieser Eindruck hat aber insofern etwas getäuscht, als das knappe Dutzend Zuhörer*innen – eigentlich ja eine ganz okaye Zahl für so ein Format und eine doch eher kleine Studienrichtung – in diesem riesigen Massen-Hörsaal einfach etwas unterging.

Wir haben uns gedacht, drei unterschiedliche aktuelle Projekte zu präsentieren, vermittelt einen ganz guten Eindruck, was Komparatistik alles sein kann. Auf eine kurze Beschreibung des Faches und der Abteilung folgten drei kurze Projektskizzen:

Ausgehend von unseren Projekten haben wir versucht, Brücken zu allgemeinen Forschungsschwerpunkten der Vergleichenden Literaturwissenschaft zu schlagen, zu erläutern, wie wir zu diesen Themen gekommen sind – teilweise ja über Seminar- und Masterarbeiten – und auch durchblicken zu lassen, inwiefern unsere Themen „typisch komparatistisch“ sind oder auch von bestimmten, vielleicht teilweise überholten Erwartungshaltungen gegenüber dem Fach abweichen. Es wurde unserer Einschätzung nach aufmerksam zugehört, mitnotiert und gelegentlich zustimmend genickt. Auf die berühmt-berüchtigte Stille nach der Frage, ob es noch Fragen gibt, kamen dann doch noch einige ganz praktisch ausgerichtete Nachfragen: Wie ist das Bachelorstudium im ersten Semester aufgebaut? Wo bekomme ich Hilfe bei der Studienplanung? Wie sind die Berufschancen? Andrea wurde dann sogar noch über die Vorlesung hinaus beansprucht, da im Publikum zufällig eine ballettbegeisterte Maturantin saß, für die sich eine neue Perspektive aufgetan haben dürfte.

Lange Nacht der Forschung: Literatur und Bild

Bei der Langen Nacht der Forschung gleich am Tag darauf, am Freitag, den 13. April, repräsentierten meine Kollegin Andrea Kreuter und ich an einer von 40 interaktiven Wissenschaftsstationen am Campus der Universität Wien die Vergleichende Literaturwissenschaft. Der nicht ganz unerhebliche Zusatz ‚vergleichende’ dürfte aber wohl zu lang für die Standbeschriftung gewesen sein. Wir wurden des Öfteren gefragt, zu welcher Studienrichtung wir gehören oder auch, ob es mittlerweile „Literaturwissenschaft“ als eigene Studienrichtung gebe. Unser gemeinsames Überthema samt offizieller – kindgerechter – Beschreibung lautete folgendermaßen:

Wie wird das Buch zum Bild?
Wenn man von Literatur spricht, denken die meisten Menschen zuerst an Bücher voller Buchstaben und Wörter und eher selten an Bilder. Dabei ist es aber so, dass Bilder und Literatur zusammengehören. Durch das Lesen von Büchern formen wir Bilder in unserem Kopf, außerdem finden wir Bilder auf und in Büchern und manchmal werden aus Büchern auch Bilder gemacht.

Andrea beschäftigte sich mit Literatur auf der Bühne bzw. Literatur im Ballett, wobei die Frage, welche Bilder einer literarischen Vorlage sich später auf der Bühne finden und wie diese tänzerisch umgesetzt werden, im Mittelpunkt stand. Mittels eines großen Flachbildschirms, den uns die Universität zur Verfügung gestellt hatte, wurden Ausschnitte aus Balletten wie “Dornröschen” und “Der Nussknacker” gezeigt, welche die Besucher*innen dann erraten durften.

In meinem Dissertationsprojekt spielen Bilder einerseits auf der paratextuellen Ebene eine Rolle – die einheitliche und stark geschlechtsspezifische Covergestaltung von sogenannten Frauenromanen bzw. Chick lit – und andererseits auf der Ebene von Stereotypen, v.a. in Bezug auf das durch Genres wie Chick lit vermittelte Frauenbild. Chick lit wurde in den Medien immer wieder über Formeln oder gar Rezepte beschrieben und damit auch ins Lächerliche bzw. Triviale gezogen. Ein aussagekräftiges Beispiel stellt die im Book Magazin (2003) veröffentlichte Make Your Own Chick-Lit Novel!-Anleitung dar (siehe Abbildung am Ende des Beitrags). An unserem Stand bei der Langen Nacht der Forschung führte ich ein kleines Experiment durch; und zwar sollte diese Art von Anleitung einmal versuchsweise ernst genommen und anhand von klassischen W-Fragen (Wer, Wo, Was, Warum?) und ihnen zugeordneten Abbildungen in Form von selbst gebastelten Buchcovern dargestellt werden, nicht zuletzt um das triviale und verkürzte Bild, das so von zeitgenössischer Literatur von/über/für Frauen und damit auch von Frauen generell gezeichnet wird, vorzuführen. Im Fokus stand dabei die Frage bzw. Feststellung: „Beurteile ein Buch (nicht) nach seinem Cover!?“.

Während ich mit kleineren Kindern im Grundschulalter noch nicht wirklich über geschlechtsspezifische Vermarktungsstrategien sprechen konnte, habe ich in Gesprächen mit Eltern, Studierenden und generell erwachsenen Besucher*innen doch eine breite Unzufriedenheit und Abneigung gegen Labels wie Frauenliteratur, Chick lit und entsprechende Covergestaltungen wie auch Regale in Buchhandlungen feststellen können. Eine Studentin hat mir beispielsweise erzählt, dass sie vor kurzem mit ihrer Mutter in einer Wiener Thalia-Filiale war. Sie seien, ohne konkret etwas zu suchen, herumgestöbert, als plötzlich ein Mitarbeiter auf sie zukam und ihnen ungefragt mitteilte, dass sich die „Frauenromane“ auf der anderen Seite befinden. Wiederum eine andere Besucherin hat mir von einer interessanten Strategie, mit Buchcover-Vorurteilen umzugehen, erzählt. Die Leiterin einer Wiener Büchereifiliale hatte offenbar festgestellt, dass jene, oft thematisch und optisch aufeinander abgestimmten Bücher, die im Schaufenster ausgestellt werden, am Beliebtesten sind. Als Gegenexperiment – der Ausgang ist leider noch ungewiss – hat sie einige Bücher mit den ihrer Meinung nach unattraktivsten Covern hergenommen und betitelt mit „die hässlichsten Bücher (oder Buchcover?)“ in die Auslage gestellt. Ganz allgemein sprach auch die Tatsache, dass sich ausschließlich Mädchen und Frauen für meine Chick lit-Bastelecke interessierten, Bände. So sehr die direkte Frage danach, ob sie Bücher auch nach ihren Covern beurteilen – kaufen oder verschmähen – würden, von den meisten verneint wurde: Die gelebte Praxis scheint doch oft eine andere zu sein.

“Make Your Own Chick-Lit Novel!”, in Book Magazin (July/August 2003), S. 49.

Autorin: Sandra Folie