FELLOWS ON THE ROAD: MONTREAL I

FELLOWS ON THE ROAD: MONTREAL I

Forschungsreise Kanada Teil I: Circus Mobilities – between ethnography and process philosophy

Im September 2016 hatte ich im Rahmen der Royal Geographic Society’s Annual Conference in London eine Paper Session zum Thema interdisziplinärer künstlerischer Forschung kuratiert und dort selbst einen Vortrag über die Beziehung von Bewegung und Schreibpraxis gehalten: Writing To Go. An Auto-Ethnography of Thinking (in) Motion”. Einige Monate später bekam ich eine Email meiner Co-Kuratorin, in welcher sie mir einen Journal-Artikel weiterleitete mit dem Hinweis, dieser könne mich in Bezug auf meine vorgetragenen Reflexionen interessieren.

Ich mache es kurz: Meine erste Begegnung mit Prozessphilosophie war ein ziemlicher Kulturschock! Der Artikel war von Erin Manning verfasst, einer kanadischen Forscherin, von der ich bis dato noch nie gehört hatte. Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, als ich das Dokument öffnete und dann nach einigen Zeilen darüber nachdachte, den Artikel einfach zur Seite zu legen.
Aber da war es schon zu spät und ein Satz echote unaufhörlich in meinem Kopf:

„It is not the ‘I’ as selfenclosed subject who is creating movement, but movement itself that is in the process of recalibrating the ‘I’ […]” (Manning 2014: 167).

Es war ein komisch aufregendes und zugleich beängstigendes Gefühl: Ich wusste, wenn ich diese Proposition ernst nähme, würde dies eine enorme Verschiebung bedeuten in der Art und Weise, wie ich in Zukunft mit meiner (Mobilitäts-)Forschung umginge. Und so kam es dann auch…

Nachdem ich ein paar Nachforschungen über die Autorin angestellt hatte, stieß ich auf das SenseLab an der Concordia University in Montreal, ein 2004 gegründetes transdisziplinäres Forschungslabor, dessen Initiatorin und Leiterin Manning ist. Das SenseLab ist ein ‘Laboratorium für Gedanken in Bewegung’, welches die Beziehungen zwischen Kunst, Politik und Philosophie, durch die ‘Matrix des spürenden Körpers in Bewegung’, erforscht. Einer der Schwerpunkte liegt auf künstlerischem Forschen zwischen Theorie und Praxis (‘Research Creation’) und hinterfragt, wie die komplex-simultanen Wechselbeziehungen zwischen Denken und Bewegung am besten artikuliert und ausgewertet werden können.
Nach einem kurzen Mailaustausch trat ich daraufhin im September 2017 eine dreimonatige Forschungsresidenz unter Supervision von Erin Manning in Kanada an.

SenseLab

Das physische Zentrum des SenseLabs ist ein Raum im 10. Stock des Concordia EV Gebäudes. Bei meinem ersten Besuch dort, fielen mir vor allem die Schuhe auf, welche sich vor der Türe stapelten. Beim Betreten des ca. 60  m² großen länglichen Raumes, welcher mit einem Tanzboden ausgelegt ist, eröffnet sich ein universitätsuntypisches Bild: In diesem Raum sind ein Tisch, ein Sofa, Matratzen, Decken und ein aus Holzstäben gefertigter Kubus auf eine Art und Weise angeordnet, die zunächst Fragen aufwirft. Darüber hinaus hängen diverse Pflanzen und Schnüre von der Decke, an manchen Stellen ist buntes Klebeband an den Wänden befestigt und durch den Raum gespannt.
Ein lebendiges Kunstlabor, welches sich ständig verändert. Die interaktive Raum-Installation ist ein Kooperationsprojekt zwischen Programmierer*innen und Künstler*innen des Labs, welche durch das Kreieren und Verändern bestimmter Raumparameter u.a. die intuitiven Bewegungen der anderen Lab-Nutzer*innen und deren Interaktion mit den sich verändernden Umgebungen beobachten, um diese Interaktions-Patterns dann auf virtuelle Räume umzulegen, beispielsweise beim Programmieren der interaktiven Lab-Homepage. Es war unglaublich spannend, mich mit den verschiedenen Künstler*innen, Forscher*innen und Aktivist*innen auszutauschen und deren Projekte kennen zu lernen.

Das SenseLab ist bewusst non-hierarchisch strukturiert und so werden sämtliche Aktivitäten von den aktiven Mitgliedern des Labs initiiert. Seien es Lese- und Diskussionsgruppen, angeleitete Bewegungsexperimente, Ringvorlesungen, Filmscreenings, Konferenzen, Kreationsprojekte oder Performanceabende, etc.
Jedoch agiert das Senselab nicht nur lokal. Vielmehr ist das Senselab ein breites internationales Netzwerk mit mehr als 400 Teilnehmer*innen, welche vor allem Universitätsprofessor*innen und (PhD-)Student*innen, selbständige Künstler*innen und soziale bzw. politische Aktivist*innen sind. Dieses Netzwerk ist der Zusammenschluss einer wachsenden Zahl aktiver Gruppierungen in den Vereinigten Staaten, Europa, Australien und Brasilien. Die verschiedenen lokalen Untergruppen koordinieren sich dank Online-Kommunikationstools. Finanziert wird das Ganze durch eine Siebenjahresförderung (3 Mio. Dollar) des Kanadischen Wissenschaftsrates für Sozial- und Geisteswissenschaften mit dem Ziel der Förderung der künstlerischen Forschung (Research-Creation). Dies zeigt den Vorreiterstatus, welchen das Senselab in diesem Bereich in Kanada einnimmt.
Das SenseLab publiziert darüber hinaus ein Online-Journal (open access) mit dem Titel Inflexions: A Journal for Research-Creation sowie eine Buchserie mit dem Titel Immediations.

Die Inhalte und Kommunikationsformen des SenseLabs scheinen ständig in Veränderung, so konkretisierte sich bspw. bei meiner Abreise Ende November die Gründung des ‘Three Ecologies Institute‘, einer unabhängige NGO, welche aus dem SenseLab heraus entstanden ist. Das Ziel ist es, Lernressourcen aus dem universitären Umfeld in die breite Gesellschaft hinauszutragen. Während sämtliche Inhalte des Senselabs weitergetragen werden, liegt ein starker Fokus des Instituts und dessen Thinktanks auf dem Modellieren von ökonomischer Nachhaltigkeit, alternativen Währungen, neuen Konzepten von ‘Gemeingütern’ und Werttheorien im weiteren Sinne.

Für mich war der Aufenthalt im SenseLab sehr fruchtbar: Ich hatte Gelegenheit, im Rahmen der SenseLab-Speaker-Series mein Dissertationsprojekt mit einem Netzwerk von dynamischen internationalen Forscher*innen und Künstler*innen zu teilen und wertvolles Feedback zu gewinnen. Vor allem aber hat mir der Aufenthalt neue Arbeitspraktiken und Denkhorizonte eröffnet, mir ermöglicht, die Beziehung zwischen Theorie und Praxis neu zu denken und meinen Theoriebildungsprozess erheblich zu befruchten und voranzutreiben.
Neben der Teilnahme an Lesegruppen, Speaker Series und anderen Performace-Events belegte ich zudem zwei Kurse bei Brian Massumi und Erin Manning, was mir eine tiefergehende Auseinandersetzung mit Deleuze und Guattari, Whitehead, Spinoza, Manning und Massumi ermöglicht hat sowie grundlegende Einblicke in die Affekttheorie gab.

Gleichzeitig hat diese Begegnung aber auch viel Verwirrung gestiftet, welche in den kommenden Semestern verarbeitet werden muss: Aktuell bin ich damit beschäftigt, einen Mittelweg zu erarbeiten zwischen subjektbezogener ethnographischer Forschung und prozessorientierter Analyse. Ich habe derzeit für mich selbst noch nicht ganz ausgehandelt, bis zu welchem Grade ich dazu bereit bin, den empirischen Charakter einer Studie ÜBER ‘etwas’

 SenseLab

gegenüber der Erkundung von neuen Arten und Weisen, WIE wir dieses ‘Etwas’ denken, zurücktreten zu lassen. Auch denke ich darüber nach, wie eine Definition des Körpers nach Spinoza als ‘relations of motion and rest’ einen prozessorientierten Forschungsblick erlauben kann, welcher binäre Kategorisierungen verweigert. Dieser Perspektivwechsel meine Forschung betreffend -nur ein Jahr vor Abgabe der Dissertation- stellt eine große Herausforderung dar, jedoch hat es mir auch neue Inspiration und Motivation gegeben und ich freue mich auf die kommenden Monate, in denen ich an diesen Reibungspunkten wachsen kann.


Manning, Erin (2014): Wondering the World Directly – or, How Movement outruns the Subject. In: Body & Society Vol. 20 (3&4): 162-188